Rezension | 22.02.2012 | Drucken | Teilen

Die kulturelle Brille

Stellen wir uns eine junge Mutter aus der deutschen Mittelschicht vor und daneben eine vom Stamm der Nso, der in Kamerun von der Landwirtschaft lebt. Worauf legen die beiden Frauen wohl beim Umgang mit ihren Kindern am meisten Wert? Heidi Keller – Psychologieprofessorin an der Universität Osnabrück – widmet sich in diesem Buch der Frage, wie der unterschiedliche kulturelle Hintergrund das Aufwachsen von Kindern beeinflusst.

Dabei erfahren wir, dass deutschen Müttern aus der Mittelschicht die Autonomie ihrer Sprösslinge besonders wichtig ist. Die Kleinen sollen möglichst früh vieles selbstständig können. Um ihnen das dazu notwendige Selbstbewusstsein zu vermitteln, schenkt man den Kindern reichlich Aufmerksamkeit und bestärkt sie darin, ihren Willen durchzusetzen.

Nso-Müttern geht es dagegen vor allem um die Verbundenheit mit anderen. Die Kinder sollen ihre Aufgabe innerhalb der hierarchisch organisierten Gemeinschaft erfüllen. Von klein auf verinnerlichen sie, dass man ältere Menschen respektiert und den Eltern gehorcht. Auch gilt es, früh das Teilen zu lernen, um die soziale Harmonie zu erhalten. Während deutsche Mütter stärker durch Anblicken und Ansprechen mit ihren Kindern kommunizieren, bevorzugen Nso-Frauen den engen Körperkontakt.

Seit mehreren Jahrzehnten forscht die Entwicklungspsychologin weltweit in diesem Bereich. So füllt sie mit ihren Beob­achtungen Seite um Seite. Selbst der kulturell sehr interessierte Leser fragt sich aber mit der Zeit, wann die Autorin nun endlich auf die Praxis kommt und die Ergebnisse einordnet: Was bedeutet das für die Erziehung, sei es als Elternteil oder Pädagoge? Leider bleibt die Frage unbeantwortet.

Immer wieder flicht Keller neue Forschungsanekdoten ein, anstatt den Blick endlich, wie auf der Buchrückseite versprochen, auf den pädagogischen oder therapeutischen Alltag zu richten. Das mag bei Fachkollegen Begeisterung wecken, doch der Rat suchende Leser wird allein gelassen. Das Ganze scheint für Forscher oder Studierende geschrieben und nicht, wie angekündigt, für Therapeuten, Erzieher, Eltern und interessierte Laien. Hilfreich ist für Letztere jedoch, dass Keller die Information in kleinen Häppchen serviert. Außerdem gelingt es ihr, die wissenschaftlichen Themen gut verständlich darzulegen und mit über 60 Schwarz-Weiß-Fotos, Grafiken und Zeichnungen zu veranschaulichen. Trotzdem springt der Funke nicht über.

Eine Ausnahme bildet das vorletzte Kapitel, in dem es um kulturelle Missverständnisse zwischen Migranten und pädagogischen Fachkräften geht. Kellers Botschaft: Zuerst sei ein kultureller Informationsaustausch notwendig. Pädagogen müssten die Weltsicht der Einwanderer kennen lernen und umgekehrt. Keine der beiden Sichtweisen sei besser oder moderner. Bevor Politiker, Pädagogen, Erzieher oder Psychologen ein bestimmtes Verhalten einforderten, sollten sie die eigene kulturelle Brille absetzen.

Anzeige