Rezension | 11.01.2012 | Drucken | Teilen

Auf dem Boden der Tatsachen

Klarer denken, mehr wissen, länger konzentriert bleiben – wer wünscht sich das nicht? Doch die eigene Geisteskraft zu tunen, scheint heute nicht mehr nur von privatem Interesse zu sein. Visionäre aus Politik und Wissenschaft träumen inzwischen von einer "hyperintelligenten" Gesellschaft der Zukunft.

Sie werde ermöglicht durch die Fortschritte der Neurotechnologie: mittels "Smart Pills", also pharmakologischem Hirndoping, mittels gentechnischer Optimierung oder Aufrüstung von Gehirn und Sinnesorganen durch Neurochips, die etwa unser Wahrnehmungs- oder Lernvermögen steigern. Sinn und Unsinn solcher Szenarien untersucht der Journalist und Hirnforscher Thomas Grüter in seinem Buch.

Es präsentiert zunächst einen Abriss der letzten 100 Jahre Intelligenzforschung, mit einem ernüchternden Fazit: So lässt sich bis heute nicht eindeutig sagen, was Intelligenz ist, wie sie sich genau zusammensetzt oder ob sie sich (außer durch den Gebrauch derselben) steigern lässt.

Sodann gewährt uns Grüter detaillierte Einblicke in die aktuelle Neuroenhancement-Forschung. Ein ums andere Mal nimmt sich der Autor dabei jedoch selbst den Wind aus den Segeln, indem er konstatiert, dass Wissenschaftler bislang noch nicht über Mittel verfügen, um das menschliche Denkvermögen grundlegend zu verbessern.

Medikamente wie der "Wachmacher" Methylphenidat würden zwar helfen, längere Zeit konzentriert zu bleiben, intelligenter machten sie deshalb noch lange nicht. Und mitunter geht die aufmerksamkeitssteigernde Wirkung kaum über die einiger Tassen Kaffee hinaus.

Das Turbogehirn aus dem Labor ist bis dato nur ein Gedankenspiel. Zudem hätte ein Zugewinn an Geisteskraft sicher auch seinen Preis. Es sei, so Grüter, völlig unabsehbar, ob etwa mittels Psychopharmaka verlängerte Wachzeiten nicht die neuronale Hardware schädigen. Nach Lage der Dinge werden Mediziner in absehbarer Zeit zwar Defekte wie etwa eine Degeneration von Sinneszellen in der Retina des Auges oder im Innenohr "reparieren" können. Die aussichtsreiche Forschung auf dem Gebiet der Neuro­implantate schildert Grüter ausführlich. Und vielleicht wird man eines Tages sogar dem massenweisen Zellsterben im Ge­hirn von Alzheimerpatienten ent­ge­gen­­wirken können. Von einer flächen­de­cken­­den Intelligenzsteigerung durch Aufrüstung des (gesunden) Gehirns ist das freilich weit entfernt.

Offen bleibt auch, ob ein kollektiver IQ-Schub überhaupt Vorteile für die Gesellschaft hätte und etwa helfen könnte, Kriege, Börsencrashs und die Umwelt­zerstörung einzudämmen. Grüter argumentiert, mit verbesserten kognitiven Fähigkeiten würden vermutlich auch einfach die Anforderungen steigen, die sich uns stellten. Und wir wären – relativ gesehen – genauso schlau wie vorher. Im Lauf der Buchlektüre schrumpft die vermeintliche Hyperintelligenz zu nicht viel mehr als Sciencefiction. Dass über derlei Verheißungen dennoch so viel geschrieben und nachgedacht wird, wirft die Frage auf, warum uns Intelligenz überhaupt als ein so erstrebenswertes Gut, ja als Heilsbringer schlechthin erscheint. Vielleicht brauchen wir, wie Grüter am Ende treffend bemerkt, statt eines IQ, der durch die Decke schießt, ja vielmehr Vernunft, Gelassenheit, Weisheit und Augenmaß.

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