Das neueste Buch von Hans-Ulrich Keller, langjähriger Direktor des Stuttgarter Planetariums, schließt eine Lücke. Wem die "Astronomie für Einsteiger" von Celnik/Hahn zu leicht, "Der Neue Kosmos" von Unsöld/Baschek dagegen bereits zu anspruchsvoll ist, der liegt mit dem "Kompendium der Astronomie" genau richtig. Es wendet sich, wie mir scheint, vor allem an Hobby-Astronomen, die ihr Grundwissen erweitern wollen und auch nicht vor einer physikalischen Formel zurückschrecken. Das im Kosmos-Verlag erschienene Werk liefert, so der Untertitel, "Zahlen, Daten, Fakten" – und davon reichlich.

Keines der wesentlichen Gebiete der Astronomie wird ausgelassen: Von der Historie über die Himmelsmechanik bis hin zur modernen Kosmologie ist alles ausführlich und vor allem inhaltlich korrekt dargestellt – Letzteres ist für ein populärwissenschaftliches Buch heute leider keine Selbstverständlichkeit mehr. Die Sprache ist stets klar und verständlich; hier spürt man die lange didaktische und fachliche Erfahrung des Autors, der durch das populäre "Himmelsjahr" allgemein bekannt sein dürfte. Zu Beginn werden die astronomischen Instrumente vorgestellt, gefolgt von einer Einführung in die Sphärische Astronomie. Der Hauptteil folgt der klassischen Linie: von den nahen zu den entferntesten Objekten. Das Buch enthält eine Vielzahl farbiger Abbildungen, gut aufbereiteter Grafiken und übersichtlicher Tabellen. Abschließend gibt es eine Chronologie der Astronomie sowie Erläuterungen zu Symbolen, Einheiten, Konstanten, mathematischen Größen und Akronymen (von ACBAR bis XMM). Ein ausführliches Stichwortverzeichnis rundet das Buch ab – ein echter "KOSMOS" also.

Leider fehlt ein Literaturverzeichnis. Damit sind wir auch bei den – zugegeben wenigen – Kritikpunkten. Warum wurde als Fontispiez erneut das Titelbild verwendet? Es gibt doch genug schöne Bilder. Auf Seite 31 wird die Adaptive Optik behandelt, wo von einer Variation der Haupt- und Fangspiegeloberfläche innerhalb von Millisekunden die Rede ist. Meines Wissens werden hier nur untergeordnete, kleine Spiegel verwendet; der Hauptspiegel ist dafür viel zu träge (einzig das neue Large Binocular Telescope benutzt die beiden 91 cm-Sekundärspiegel). Auf Seite 233 wird NGC 1398 als "Fornax-System" bezeichnet: Die Galaxie liegt zwar im Fornax-Haufen, die Bezeichnung gilt aber für die Zwerggalaxie der Lokalen Gruppe (wie auf Seite 244 korrekt vermerkt ist). Auf Seite 235 wird für die Rotverschiebung bei großem z die relativistische Dopplerformel verwendet – es dürfte jedoch allgemein bekannt sein, dass die spezielle Relativitätstheorie bei der kosmologischen Expansion fehl am Platz ist; gleiches gilt für den Begriff der Geschwindigkeit. In der Tabelle "Quasare und entfernteste Galaxien" auf der Folgeseite hätte ich mir noch Angaben zur scheinbaren und absoluten Helligkeit der Objekte gewünscht.

Kommen wir abschließend zur Geschichte der Astronomie. In der Chronologie (ab Seite 266) heißt es, Huygens habe die "Wellenmechanik" begründet. Dieser Begriff bezeichnet Schrödingers Version der Quantenmechanik; besser wäre "Wellentheorie des Lichts". Die Himmelsfotografie wurde nicht erst 1887 von Max Wolf eingeführt; einige andere, wie etwa die Brüder Henry, waren hier bereits früher erfolgreich. Dass Schwarzschild 1906 Einsteins Gravitationsgleichungen von 1915 gelöst hat, ist erstaunlich. Hier sind leider mehrere Erfolge unter einem Datum summiert: Besser wäre "1906-1916" gewesen. Der 5-Meter-Reflektor auf dem Mount Palomar ging bereits 1948 in Betrieb, also ein Jahr früher als angegeben. Und warum wurde die spektakuläre Entdeckung des ersten Exoplaneten 1995 nicht aufgenommen?

Diese Bemerkungen können den positiven Gesamteindruck aber kaum stören. Das Buch liefert einen aktuellen, profunden Überblick der modernen Astronomie: Es vermittelt "Astrowissen". Dies war auch der Titel seines Vorläufers (vom gleichen Autor). Die Auffrischung und deutliche Erweiterung hat dem Buch sichtlich gut getan. Es ist Lesebuch und Lexikon zugleich: flüssiger, verständlicher Text kombiniert mit belastbarem Inhalt. Der Hobby-Astronom kann darin schmökern (bei schlechtem Wetter) oder im nächtlichen Einsatz schnell etwas nachschlagen ("Wie hieß noch gleich der größte Neptunmond?"). Das 284-seitige "Kompendium der Astronomie" ist ein gelungenes Buch, das noch viele Auflagen erleben wird. Die besagte Lücke ist geschlossen.