Rezension | 22.06.2012 | Drucken | Teilen

Lassen sich Krebszellen aushungern?

"Man ist, was man isst" – so steht es im Buch von Ulrike Kämmerer, Volker Schumpelick und Gerd Knoll geschrieben. Da Krebszellen Zucker lieben, kann man sie aushungern lassen, indem man auf Zucker verzichtet und eine so genannte ketogene Diät startet. Das Buch weckt große Hoffnungen. Durch eine Umstellung der Ernährung lasse sich eine Krebserkrankung ganz einfach besiegen.

Doch gleich zu Anfang des Buchs dämpfen die Autoren die hohen Erwartungen: So einfach ist das offenbar nicht. Es gibt Studien, die zu anderen Ergebnissen gekommen sind. Richtige Ernährung bei Krebs ist ein komplexes Thema. Die Krebsforscher sind sich nicht einig. Manche Studienergebnisse bestätigen das im Buch Geschriebene, andere Resultate hingegen sind unvereinbar. Wie Recht haben doch Gerhard Faber und seine Mitautoren in einem Beitrag der Fachzeitschrift Onkologie aus de, Jahr 2011 (Band 17, S. 906-912 mit ihrer Feststellung, wie schwer es ist, definitive Empfehlungen zu einzelnen Nahrungsmitteln und insbesondere zu der Menge, die hier noch vertretbar ist, zu geben.

Dass die Rolle der Kohlenhydrate bei Krebserkrankungen eine besondere Rolle spielt, meint auch Michael Ristow vom Institut für Ernährungswissenschaften der Friedrich-Schiller-Universität Jena (Onkologie 14, S. 22-30, 2008). Zum einen bestehe ein Zusammenhang zwischen chronisch erhöhten Blutzuckerspiegeln und Krebs, zum Zweiten gebe es Hinweise auf eine krebsfördernde Wirkung von Kohlenhydraten und zum Dritten ist der zentrale Abbau der Glukose, die Glykolyse, seit vielen Jahrzehnten mit der Wachstumsrate von bösartigen Zellen in Verbindung gebracht worden. An Gewicht abnehmende Tumorpatienten verlieren ähnlich viel Muskelmasse wie Fett. Zugleich findet sich häufig ein erhöhter Blutzuckerspiegel, so Irenäus Adamietz von der Ruhruniversität Bochum (Onkologie 16, S. 81-96, 2010). Dies spricht für die Wirksamkeit der ketogenen Diät.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt hingegen viel kohlenhydratreiches Obst und Gemüse gegen Krebs. Auf der Website der DGE steht geschrieben: "Ein steigender Verzehr von Gemüse und Obst in der Bevölkerung senkt das Risiko für Krebserkrankungen". Die Untersuchungen, die zu dieser Erkenntnis führten, haben Schwachpunkte, stellen Kämmerer, Schumpelick und Knoll fest. So ergibt die Studie der European Prospective Investigation Cancer and Nutrition (EPIC) zwar, dass Menschen, die viel Obst und Gemüse essen, weniger häufig an Krebs erkranken. Doch der Unterschied ist nur gering. Immerhin ist die Differenz jedoch "signifikant", das heißt, dass sie den Ansprüchen der modernen Wissenschaft genügt.

Die EPIC-Untersuchung ist eine groß angelegte Langzeitstudie, die in mehreren europäischen Ländern durchgeführt wird. Offenbar eine teure Untersuchung. Warum wird sie finanziell so stark unterstützt? fragt sich der Leser. Denn ein paar Seiten zuvor musste er erfahren, dass es kaum aussagekräftige Studien zur ketogenen Diät bei Krebs gibt. "Das liegt unter anderem daran, dass sie schwer zu finanzieren sind, weil sie keine lukrativen Patente in Aussicht stellen", schreiben die Autoren.

Beim Lesen des Buchs kommen weitere Fragen auf. Sind die sich bei der kohlenhydratarmen Diät bildenden Ketonkörper wirklich völlig ungefährlich und überaus nützlich? Schließlich kann beim Diabetiker ein massiver Anstieg von Ketonkörpern lebensgefährlich sein. Bei ketogener Ernährung erreichen die Ketonkörpermengen im Blut nur ein Zehntel der bei diabetischer Ketoazidose auftretenden Mengen, beruhigen die Autoren.

Und schließlich hätten sich Naturvölker seit Jahrtausenden problemlos ketogen ernährt. Ob das Risiko, an Krebs zu erkranken, bei ihnen geringer war und ist, lässt sich aber nicht mit Sicherheit klären. Zum einen steht die moderne Diagnostik der heutigen Zeit zumeist nicht zur Verfügung. Und zum anderen ist die Lebenserwartung oftmals relativ niedrig, so dass die bösartigen Tumoren des Alters bei den Naturvölkern gar nicht zu finden sind.

Weitere Studien sind notwendig, um die Effektivität der ketogenen Diät zu bestätigen, meinen auch die Autoren des Buchs. Kann nicht personalisierte Medizin nützlich sein, die sich nach den besonderen Bedürfnissen des Einzelnen richtet? Es ist davon auszugehen, dass eine ketogene Diät bei dem einen Patienten weitaus besser wirksam ist als bei dem anderen. Und was ist mit dem Patienten, der sich im letzten Stadium der Erkrankung befindet und bei dem es bereits zu einem schweren körperlichen Zerfall – zur Kachexie – gekommen ist? Oftmals leidet dieser Schwerstkranke unter starken Schmerzen, Übelkeit und Störungen des Geruchs- und Geschmacksempfindens. Ist nicht hier eine den Wünschen des Patienten individuell angepasste Vollkost das Beste, um seinen kleinen Rest an Lebensqualität so lange wie möglich zu erhalten und seinen letztendlich unvermeidbaren Tod ein bisschen hinauszuzögern?

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