Das Klima wandelt sich. Diese Variabilität können Geologen aus Ablagerungen der Erdvergangenheit ablesen. Aber das ist auch eine Prognose vieler Wissenschaftler, die die herrschenden und vergangenen atmosphärischen und sozioökonomischen Bedingungen analysieren und diese anschließend in die Zukunft extrapolieren. Es lässt sich also sagen: Nicht nur in der Vergangenheit gab es Klimawandel, auch zukünftig wird es ihn geben – unvermeidlich. Auch ganz ohne menschliches Zutun.

Jedoch wird seit einigen Jahrzehnten der Mensch als Klimafaktor diskutiert. Spätestens die medienwirksam präsentierten Studien des "Intergovernmental Panel on Climate Change" (IPCC) des letzten Jahres oder der ebenfalls 2007 mit einem "Oscar" prämierte Kinoerfolg "Eine unbequeme Wahrheit" von Al Gore haben der Weltöffentlichkeit den anthropogenen Anteil der aktuellen globalen Klimaänderung vor Augen geführt. Beide – IPCC und Al Gore – teilten sich noch im selben Jahr den Friedensnobelpreis.

Genau an dieser Stelle sind wir inmitten des Themas, mit dem sich der Saarbrücker Historiker Wolfgang Behringer in seinem Buch "Kulturgeschichte des Klimas" beschäftigt.

Ihm geht es um die Bedeutung des Erdklimas für die kulturelle Entfaltung des Menschen und der menschlichen Gesellschaften. Angefangen bei der Neolithischen Revolution – jenem Moment, als jungsteinzeitliche Jäger den Ackerbau erstmals systematisch als Versorgungstechnik genutzt haben – bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Er belegt, dass anhaltende feuchtwarme Phasen (so genannte Klimaoptima) zu gesellschaftlichen Blüten geführt haben wie den ersten Hochkulturen in Ägypten und im heutigen Nahen Osten, in Indien und China oder in Mittel- und Südamerika. Ein solches Klimaoptimum gab es, als sich das Römische Reich auf seinem Höhepunkt befand und sich das chinesische Großreich der Han-Dynastie etablierte. Ein weiteres herrschte während des europäischen Hochmittelalters, in dem Island besiedelt wurde. Zu dieser Zeit gab es auf Grönland für einige Generationen feste Wikingersiedlungen, von denen aus die Ostküste Nordamerikas erstmals von Europäern erforscht wurde – fünfhundert Jahre vor Kolumbus.

Solche Hochphasen wurden unterbrochen von mehr oder weniger rasch einsetzenden Epochen ungünstigen Klimas, in denen die Gletscher wuchsen, sich die Baumgrenze in den Hochgebirgen senkte und manche Kulturpflanze nur noch in südlichen Regionen angebaut werden konnte. In diesen katastrophalen Zeiten wurden traditionelle Siedlungsplätze aufgegeben; es kam zu Hungerskatastophen und Seuchen.

Behringer zeigt anhand der Kleinen Eiszeit – ein Zeitabschnittes, der im 14. Jahrhundert begann und sich bis zum 19. Jahrhundert erstreckte –, wie insbesondere die europäischen Gesellschaften auf die Klimaänderungen reagierten. Für diese Zeit gibt es zwar kaum exakte Wetteraufzeichnungen und schon gar keine direkten Klimadaten. Historiker verstehen sich jedoch auf das Studium und die Interpretation anderer Quellen, die es für keine der vorhergehenden Klimaumschwünge in dieser vielgestaltigen Ausprägung gab: Lagerlisten von Händlern und Kaufleuten, Ertragslisten von Jagd und Fischfang sowie Niederschriften über die Kräuterhaltigkeit von Weideland, Fangprämienlisten von Maulwürfen, Kupferstiche und Gemälde von Zeitgenossen, Predigten, Gerichtsprotokolle über Wilderei und Diebstahl, Berichte über Tote durch Hunger, Pest und Fleckfieber und selbstverständlich Aufzeichnungen von Chronisten über Gletscherwachstum, zugefrorene Seen und Flüsse. Dieses Kapitel beeindruckt durch seine Detailfülle und seine differenzierte Betrachtungsweise, und es ist erstaunlich, welches Bild sich formt – und das in einer Rückschau über mehr als ein halbes Jahrtausend.

Neben den Betrachtungen der Umwelt sowie den technischen und physischen Veränderungen, zeigt der Historiker aber auch die psychischen Grenzen von Gesellschaften. Er vermutet, dass die Schwermut, an der viele Herrscher und Künstler "erkrankt" waren, auf die allgemeine Lebenssituation zurückgeht: Trosse von Bettlern und Hungerleidenden zogen durchs Land, die Selbstmordrate war in nie gekannte Höhen geschossen, mancherorts verbarg sich die Sonne über Monate.

Spannend wird es, wenn der Autor auf die religiösen und weltanschaulichen Aspekte zu sprechen kommt. Denn er zeigt, dass sich in der Gesellschaft zunächst diejenigen durchsetzen konnten, die für Verschlimmerung der Verhältnisse die unmoralische Lebensweise der Menschen verantwortlich machten: Weil der Mensch sündigt, wird er von Gott bestraft. Behringer nennt das darauf fußende Wertesystem eine "überkonfessionelle Sündenökonomie". Es ist abgekoppelt von religiösem Brauchtum und dient lediglich als Normenskelett entweder der gesellschaftlichen Ächtung oder der Ehrung.

Hier schließt sich der Kreis zum Friedensnobelpreis für Al Gore und das IPCC: Es ist zweifellos richtig den modernen Gesellschaften ihre Verantwortung (und Verantwortlichkeit!) bezüglich des Klimawandels zu verdeutlichen. Dies aber zu einer hohlen Phrase oder einer bloßen Marketingstrategie, mit der sich Geld verdienen lässt, und damit letztlich zu einer populären Modewelle verkommen zu lassen, ist falsch. Dafür ist das Thema zu ernst.

So interessant und neu der Blick auf die kulturelle Geschichte vor dem Hintergrund von Klimaänderungen ist: Es ist bedauerlich, dass die abgebildeten Diagramme, Zeichnungen und Tabellen schlecht erklärt sind und auch nur selten eine Referenz im Text aufweisen. Gerade die eigenwilligen Klimadiagramme erfordern ungeübten Lesern einiges ab. Zudem hätte dem Buch eine naturwissenschaftliche Begleitung gut getan, um manche unpräzise oder gar falsche Formulierung zu verhindern. Erstes Beispiel: Behringer zitiert aus einem englischen Artikel den Begriff "potassium dust" und übersetzt ihn mit "Potassiumstaub" ins Deutsche. Was mag das sein? Kaliumstaub? Wohl kaum. Gemäß Behringer bildeten sich die Erdöllagerstätten während des Karbon-Erdzeitalters – also vor etwa 360 bis 300 Millionen Jahren. Tatsächlich gibt es jedoch auch viele, die deutlich jüngeren Alters sind. Die jüngsten sind vor 4000 Jahren entstanden – zu einem Zeitpunkt, als es kulturell in Mesopotamien schon hoch her ging.

Leider benutzt Behringer den Begriff "Naturschützer" stets negativ und unterstellt ihnen implizit, sie wollten den "Jetzt-Zustand" der Atmosphäre konservieren. Es mag solche Leute geben. Es müssen jedoch andere als die Anhänger der meisten Umweltverbände sein, die lediglich die unleugbare Einflussnahme insbesondere der Industrienationen auf das Weltklima kritisieren. Die Erkenntnis, dass das Erdklima eben keine Konstante ist, hat sich doch wohl mittlerweile hoffentlich durchgesetzt.

Fazit: "Kulturgeschichte des Klimas" sei sowohl Skeptikern des Klimawandels als auch naturschützenden Kreuzzüglern empfohlen. Dieses Buch kann dazu beitragen, die Diskussion zu "entidiologisieren".