Die Liebe ist ein mächtiges, aber unordentliches Gefühl. Die Buchhandlungen sind gefüllt mit Ratgebern über die Mutter aller Gefühle. Nur wenig Sachbücher haben sich an das große Thema herangewagt, das die Menschen an- und umtreibt. Die Liebe lässt sich schwer konkretisieren, schlecht kategorisieren oder schon gar nicht sezieren. Glaubt man Richard David Precht ist es auch nicht möglich, sie zu legitimieren, zumindest nicht biologisch: "Ich glaube, das ganz Unordentliche an der Liebe liegt daran, dass sie biologisch so wenig sinnvoll ist."

Precht beschränkt sich auf die "geschlechtliche Liebe zu einem Liebespartner" und erstellt in seinem fünften Buch "Liebe – Ein unordentliches Gefühl" eine solide Sammlung aus den Erkenntnissen der verschiedenen Wissenschaften. Der Leser macht Bekanntschaft mit den wichtigsten Theorien über die Liebe, zum Beispiel mit den viel zitierten, nach Verschmelzung strebenden Kugelmenschen aus Platons Symposion oder dem umfangreichen Datenmaterial von David Buss über die Kriterien der Partnerwahl.

Die Spurensuche des Autors beginnt in der Steinzeit, und er arbeitet sich Kapitel für Kapitel bis in die Gegenwart vor. Im ersten Teil kommen vor allem Biologen und Evolutionspsychologen zu Wort, deren allumfassenden Erklärungsversuchen der gesunde Menschenverstand entgegensetzt wird. Der Versuch, das menschliche Bindungsverhalten aus der Beobachtung von Menschenaffen abzuleiten, sei nicht mehr als "zoologische Kaffeesatzleserei".

Vor allem im Abschnitt "Mann und Frau" kämpft Precht gegen die allgegenwärtige Evolutionstheorie, deren Präsenz in den Medien durch das Darwin-Jahr ihren Höhepunkt erreicht hat. Ich würde ihm die Pfeile aus dem Köcher reichen, wären Prechts Ziel die Massenmedien, welche die Evolutionstheorie unzulässig vereinfachen und verallgemeinern. Aber er zielt in seinem Rundumschlag auch auf die wissenschaftlichen Befunde aus der evolutionären Ecke, und ich möchte ihm zurufen: "David, halt inne! Goliath steht da drüben."

Gerade einer ganz jungen Disziplin widmet er nur ganze vier Zeilen: der Epigenetik. Dabei ist sie für seine Thesen durchaus relevant, denn Precht betont immer wieder den starken kulturellen Einfluss auf die menschliche Entwicklung: "Kultur ist die Fortsetzung der Biologie mit so anderen Mitteln, dass man sie nicht mehr auf biologische 'Strategien' reduzieren kann, ohne die Menschheit als degeneriert empfinden zu müssen. Der Rückblick auf eine Vergangenheit, die vier Millionen Jahre entfernt ist, erklärt nicht den heutigen Menschen und sein Verhalten. Er ist Kurzsichtigkeit in der Maske der Weitsicht."

Prechts eigene Überlegungen lassen sich teilweise schwer von wissenschaftlichen Thesen unterscheiden. Seine Hauptthese fasst er im Kapitel "Geburt der Liebe" zusammen: "Meine Vermutung ist, dass das Bedürfnis nach Bindung und Nähe aus unserer kindlichen Beziehung zu unserer Eltern stammt. Gleichzeitig oder später sucht sich dieses Bedürfnis in vielen anderen Begegnungen eine Entsprechung. Hier – und nicht in einem genetisch-göttlichen Vermehrungsauftrag – liegt unser biologisches Erbe." Die Liebe entspringe der Mutter-Kind-Bindung und wird im Erwachsenenalter wieder gesucht und auf den Liebespartner projiziert.

Der Bestsellerautor beweist ein Mal mehr sein sprachliches Talent und versteht es, charmant und amüsant wie nebenbei Wissen zu vermitteln. Streckenweise erklärt er sehr ausführlich, was der Leser bereits erfasst hat. Doch seine Wortwahl und die Beispiele, welche er zur Veranschaulichung heranzieht, sind interessant und halten den Leser so lange bei der Stange, bis auch der Letzte in der Klasse den Punkt verstanden hat.

Gescheite Ansichten erwarten den Leser vor allem im letzten Teil des Buches, der sich mit der modernen Auffassung von Liebe auseinandersetzt und stark von psychologischen Theorien geprägt ist. Es richtet sich an den unkundigen Leser und eignet sich für Badewanne, Bahnfahrten und Bargespräche. Ein kluges Buch, das sich wohltuend von der Ratgeberliteratur abhebt.

Leseempfehlung: ***