Sagt Ihnen der Name Helena Blavatsky etwas? Falls nicht: Macht nichts – die Begründerin der Theosophie ist hierzulande wohl vor allem Esoterikfreunden geläufig. Doch Madame Blavatsky (1831-1890) war eine der berühmtesten Frauen des 19. Jahrhunderts und ein überaus schillernder Charakter. Beste Voraussetzungen für jeden Biografen, möchte man meinen, doch in diesem Fall war das Verfassen der Biografie wohl eher eine Sisyphusarbeit. Denn es ist unmöglich, im Leben der Helena Blavatsky zwischen Fiktion und Wahrheit, Verklärung und Verleumdung klar zu unterscheiden.

Die Slawistin Ursula Keller und die Kunsthistorikerin Natalja Sharandak haben dennoch versucht, Blavatskys Leben und Wirken so weit wie möglich von den Umdichtungen ihrer Anhänger und Gegner zu befreien und die Fakten darzustellen. Blavatsky selbst hat – wie es offenbar zum Marketing spiritistischer Heilsbringer dazugehört – viele Mythen und Legenden um sich gesponnen. So behauptete sie, jahrelang in Tibet gelebt und dort übersinnliche Wahrheiten empfangen zu haben; dabei hielt sie sich wohl kaum mehr als ein paar Wochen in dem Traumland der Esoterik auf. Blavatsky war eine Betrügerin, und war es auch wieder nicht, insofern sie selbst an ihre Berufung zu Höherem glaubte. In dieser Grauzone bewegt sich diese spannend zu lesende Biografie.

Die Grande Dame des modernen Geisterglaubens kam als Helena Petrowna von Hahn 1831 in einem Provinznest in der heutigen Ukraine am Südrand des Zarenreichs zur Welt. Sie erhielt eine umfassende Bildung von Hauslehrern, wie in der russischen Aristokratie damals üblich. Die kleine Helena war ein Temperamentsbündel, das sich nicht fügen wollte. Kraft ihrer überbordenden Fantasie führte sie schon ihre Kinderfrauen mit erfunden Geschichten hinters Licht. Mit 18 Jahren heiratete sie offenbar aus einer Laune heraus den Beamten Nikifor Blavatsky, den sie schon kurz darauf wieder verließ, um fortan durch die Welt zu reisen. Anschaulich zeichnen Keller und Sharandak nach, wie das Aufbegehren gegen alle Konventionen zum Grundmuster von Blavatskys Leben wurde.

1875 gründete sie mit Gleichgesinnten in New York die "Theosophische Gesellschaft", die rasch zu einer der erfolgreichsten quasireligiösen Gemeinschaften aufstieg. Die Anthroposophie Rudolf Steiners (1861-1925), der ein Vierteljahrhundert später die deutsche Sektion jener Gesellschaft leitete und sich 1912 von ihr lossagte, wäre ohne Blavatsky undenkbar gewesen: Kharma, Wiedergeburt und Astralleiblehre waren – in Anlehnung an altindische Quellen – feste Größen in Blavatskys Geisterkosmos.

Phänomene wie die Materialisierung von Gegenständen und Verstorbenen sowie der Empfang höherer Weisheiten aus den Händen von Mahatmas ("großer Geister") zählten zu den Showeffekten Blavatskys, deren Auftritte hypnotische Suggestivkraft besaßen. Der raue Charme der kettenrauchenden "Sphinx", wie sie in späteren Jahren genannt wurde, zog auch den Erfinder Thomas Edison (1847-1931) sowie den Dichter und Literaturnobelpreisträger William Butler Yeats (1865-1939) in ihren Bann. Begeisterte Jünger der Theosophischen Bewegung gab es bald in aller Welt, während Blavatsky mit ihrem amerikanischen Weggefährten Henry Olcott (1832-1907) im indischen Aydar das Hauptquartier der Bewegung errichtete und mit Bestsellern wie "Isis entschleiert" oder "Die Geheimlehre" Furore machte.

Der Niedergang begann, als Eifersüchteleien, Intrigen und Verleumdungen Blavatsky zur Übersiedlung nach London zwangen, wo sie ihre letzten Lebensjahre verbrachte. Von den Einen bewundert, von den Anderen verachtet starb sie, ohne ihre russische Heimat noch einmal wiederzusehen.

Das Buch schildert die esoterische Gedankenwelt Blavatskys nur beiläufig und beleuchtet vor allem den Menschen dahinter. Den Autorinnen präsentieren ein lebendig erzähltes Stück Kulturgeschichte, das seine Spuren bis in die heutige Zeit zieht.