Rezension | 22.05.2013 | Drucken | Teilen

Zurück zu den Wurzeln

Wurzelt alle europäische Kultur letztlich in Mesopotamien, jener heute als "Krisenherd" und Quelle fundamentalistischer Ideologien bekannten Region, zu der Teile der Türkei und Syriens sowie der Irak gehören? Mit dieser These im Kopf nimmt der Wissenschaftsjournalist Wolfgang Korn seine Leser mit auf eine Studienreise durch die Zeit, von den ersten Dörfern und Städten der Menschheit über altorientalische Reiche wie Babylon und Assur bis in die unerfreuliche Gegenwart.

Das stramme Programm wird dabei nie langweilig. Experten kommen zu Wort, die den altorientalischen Gesellschaften auf der Spur sind, mal durch das Studium der in Keilschrift notierten Steuerlisten, Verträge, Gesetze, Chroniken und Göttermythen, mal durch archäologische Grabungen oder systematisches Abgehen einer Stätte mit präziser Dokumentation aller an der Oberfläche erkennbaren Fundstücke ("survey"). Neben Wissen zur Geschichte vermitteln die Forscher auch Wissenschaftsgeschichte, denn manche Stätten wurden schon um die Wende zum 20. Jahrhundert untersucht. Viele Erkenntnisse von damals gelten auch heute noch, andere entsprangen dem Zeitgeist und wurden inzwischen durch neuere Methoden und Theorien in Frage gestellt.

Hielt man beispielsweise den Fruchtbaren Halbmond, eine sichelförmige Region Nordmesopotamiens, bis vor wenigen Jahren noch für die Geburtsstätte der Jungsteinzeit, in der Menschen das Jagen und Sammeln zu Gunsten einer bäuerlichen Lebensweise aufgaben, so belegen inzwischen weiter nördlich gelegene Stätten, dass die Menschheit auch andernorts damit experimentiert hat. Und galt der Dreiklang Siedlung, Landwirtschaft und Keramik als unteilbares Kriterium dieser Entwicklung, wissen Forscher heute, dass mitunter einzelne Elemente für sich erprobt und sogar wieder aufgegeben wurden.

Was trieb sie aber dazu, sich um 4000 v.  Chr. auf vergleichsweise kleiner Fläche dicht zu drängen und ihre Häuser mit einer Stadtmauer zu umgeben? Diese Frage ist bis heute ungelöst. War es die Notwendigkeit, eine Vielzahl von Menschen für den Bau von Bewässerungskanälen und Dämmen aufzubieten? Oder schierer Bevölkerungsdruck? Für jede Erklärung gibt es Argumente – und auch dagegen.

So lebten in Uruk um 3000 v. Chr. gut 50 000 Menschen, während zur gleichen Zeit Dörfer im Umland verlassen wurden. In Ur hingegen waren es damals wesentlich weniger Einwohner, gleichzeitig existierten nach wie vor kleinere Siedlungen im Umland. Erst 500 Jahre später hatte auch Ur den Urbanisierungsprozess vollzogen, was darauf hindeutet, dass dieser in Uruk von einer Institution veranlasst und gesteuert wurde.

Wie aber bilden sich die dazu notwendigen Hierarchien aus? Auch das eine Frage mit vielen Antworten, die der Autor kundig zu geben weiß.

Sumer, Babylonien, Assyrien, Persien – im Lauf der Jahrtausende entstanden Reiche und vergingen wieder. Wer in Mesopotamien Schwäche zeigte, wurde schnell von ehemaligen Vasallen oder einem Neuankömmling verdrängt. Alexander der Große eroberte Persien und hinterließ es den Seleukiden. Diese wiederum unterlagen im 3. Jahrhundert v. Chr. den aus Asiens Steppen kommenden parthischen Reiterkriegern. Eine Randnotiz der Geschichte: Hätte der römische Feldherr Crassus nicht 54 bis 53 v.  Chr. einen Feldzug gegen die Parther geführt, wären Seidenstoffe vielleicht nie nach Rom gelangt – und es wäre keine Seidenstraße entstanden, um den Bedarf daran zu decken.

Mit der griechischen oder der islamischen Eroberung lässt Korn die Geschichte nicht enden, sondern erzählt weiter: von den Machtkämpfen innerhalb des Islams, die bis heute anhalten, über Kalifen und Osmanen und die Zeit der Kolonialisierung bis hin zu den Golfkriegen. Mit einem essayistischen Vergleich zwischen dem Nihilismus und Materialismus unserer heutigen westlichen Gesellschaft und dem mesopotamischer Kulturen schließt der Autor den Kreis. Hier spannt er den Bogen vielleicht ein wenig weit und verliert sich etwas in der Spekulation, doch das kann den guten Gesamteindruck nicht schmälern.

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