Rezension | 18.01.2012 | Drucken | Teilen

Der Erdtrabant aus einer anderen Perspektive gesehen

Über den Erdmond wurden im deutschen Sprachraum bereits hunderte von Büchern veröffentlicht, insbesondere seit vor mehr als 40 Jahren die Apollo-Missionen unseren natürlichen Begleiter und nächtlichen Lichtspender verstärkt in das Bewusstsein der Allgemeinheit rückten. Die meisten dieser Werke betrachten den Mond aus einer eher nüchternen wissenschaftlichen Perspektive oder beschreiben die technische Entwicklung, die über die ersten Raumsonden hinweg schließlich zur Landung von Menschen auf dem Erdtrabanten führte.

Das Buch von Bernd Brunner wählt dagegen eine völlig andere Herangehensweise, es beschäftigt sich mit dem Mond mehr aus einer menschlich-persönlichen Sicht und betrachtet ihn aus einer historischen und literarischen Perspektive. Schon beim ersten Durchblättern fällt die ungewöhnliche Bebilderung auf. Statt der unvermeidlichen Bilder startender Raketen oder Menschen im Raumanzug auf der Mondoberfläche, ist das Buch fast völlig mit historischen Bildern vor allem aus dem 18. bis frühen 20. Jahrhundert illustriert. Die meisten von ihnen sind eher selten zu sehen, bei manchen hätte man sich gewünscht, dass sie in Farbe wiedergegeben worden wären, insbesondere wenn es sich um Ölgemälde oder Ähnliches handelt.

Der Autor sieht sein Werk "als eine kurze Geschichte der Spuren, die der Mond in der menschlichen Vorstellung hinterlassen hat." Diesem Anspruch wird es auch gerecht, wobei der Schwerpunkt vor allem in den literarischen Bereich, weniger in die Naturwissenschaften gelegt wird. Das Buch beginnt mit einem Kapitel über die visuelle Beobachtung des Mondes und über die Gedanken, die sich die Menschen über die schon mit dem bloßen Auge erkennbaren Oberflächenmuster machten. Auch Phänomene wie Sonnen- und Mondfinsternisse sowie atmosphärische Erscheinungen im Zusammenhang mit dem Erdtrabanten werden hier vor allem aus einer historischen Perspektive untersucht.

Im nächsten Kapitel betrachtet Bernd Brunner die astrologischen Aspekte des Mondes und seine Bedeutung für die Bestimmung des Jahreslaufs. Eine mehr naturwissenschaftliche Sicht enthält das Kapitel "Die Kartierung des Mondes", das sich mit der systematischen Erforschung der Mondoberfläche von den frühesten Anfängen über die Erfindung des Teleskops hinweg bis zur Erfindung der Fotografie beschäftigt. Dieser Abschnitt ist lesenswert, da es dem Autor gelang, viele historische Dokumente zusammenzutragen, aus denen auch die Gedankenwelt der ersten Selenografen ersichtlich wird. Anschließend befasst sich Brunner mit dem eigentümlich bleichen Licht, das der Erdmond in der Nacht wirft und über das sich schon viele Forscher und Literaten ausgelassen haben, obwohl schon früh erkannt worden war, dass das Mondlicht im Wesentlichen reflektiertes Sonnenlicht ist.

Zwei Kapitel behandeln die frühen Gedanken über Reisen zum Mond. Schon in der Antike gab es erste Vorstellungen über derartige Flüge, dagegen erschienen derartige Gedanken im Mittelalter wohl als zu abwegig, um überhaupt diskutiert zu werden. Erst mit dem Beginn der Renaissance und dem sich weitenden Weltbild erwachte auch wieder das Interesse am Erdtrabanten, der das "Unerreichbare" darstellte und in dem sich viele Sehnsüchte der Menschen spiegelten.

Die frühen utopischen Geschichten sollten auch nicht als echte Reiseberichte gelesen werden. Stattdessen waren sie oft Parabeln über das irdische Geschehen, die auf den Mond projiziert wurden. Meistens trafen die Mondreisenden bizarre Lebewesen auf dem Erdtrabanten an, der selbstverständlich als von intelligentem Leben besiedelt galt. Mit den berühmten Büchern des französischen Schriftstellers Jules Verne (1828 – 1905), den Romanen "Von der Erde zum Mond (1865)" und "Reise um den Mond (1870)" hielten erstmals wissenschaftliche und technische Aspekte einer echten Mondfahrt Einzug in die Literatur. Die beiden Bücher sollten das 20. Jahrhundert bedeutend beeinflussen, inspirierten sie doch einen jungen Deutschen in Siebenbürgen dazu, ernsthaft unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten über einen Flug zum Mond nachzudenken. Sein Name war Hermann Oberth (1894 – 1989), er wurde schließlich zum Vater der westlichen Raumfahrt.

Das Kapitel "Erklärungen für die Entstehung des Mondes" behandelt die naturwissenschaftlichen Aspekte der Mondgenese. Hier zeigt sich, dass die Stärke des Autors im literarischen Bereich liegt und dass er mit den geologischen Aspekten des Mondes weniger vertraut ist. So verwechselt er die Begriffe "Mineral" und "Gestein" und wendet sie falsch an. Auch die Behauptung "Irdische Mondsteine bestehen aus Feldspat, und dieses Gestein gibt es auf dem Mond nicht" (S. 168) ist unsinnig. Tatsächlich besteht die gesamte Mondkruste überwiegend aus Mineralen der Feldspatgruppe. Insbesondere in den hellen Gebieten der Mondoberfläche gibt es weit verbreitete Gesteine, die Anorthosite, die zu mehr als 90 Prozent aus Feldspäten aufgebaut sind.

Ein weiterer Abschnitt befasst sich mit den Mondkratern, deren Ursprung lange Zeit umstritten war. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein wurde ein vulkanischer Ursprung der Mondkrater von den Wissenschaftlern bevorzugt, erst mit den Ergebnissen der Apollo Mondflüge zeigte sich, dass fast alle Mondkrater durch die Einschläge von Asteroiden und Kometen entstanden sind. Brunner bringt aber auch skurrile Vorstellungen über den Ursprung der Mondkrater ans Tageslicht, darunter einen Vorschlag aus dem Jahr 1923, dass die Korallenatolle seien, die sich in einem urzeitlichen und längst verschwundenen Mondmeer gebildet hätten.

Unvermeidlich sind natürlich Abschnitte über die tatsächlichen und eingebildeten Einflüsse des Mondes auf die Natur und den Menschen. Der Autor bleibt hier neutral und enthält sich auch persönlicher Kommentare über die teilweise sehr esoterischen Vorstellungen mancher Mitmenschen. Den Schluss des Werks bilden zwei Kapitel über die Besiedlung des Erdtrabanten aus historischer und heutiger Sicht. Hier kommen vor allem die optimistischen Zukunftsvisionen aus der Mitte des 20. Jahrhunderts zum Tragen.

Dagegen sieht es mit Mondreisen und Mondhotels für jedermann aus derzeitiger Perspektive eher trübe aus, es dürfte wohl noch viele Jahrzehnte dauern, bis derartige Visionen zu annehmbaren Kosten realisiert werden könnten. Das Buch von Bernd Brunner ist eine empfehlenswerte und leicht zu lesende Rundreise zu allen Aspekten unseres Erdtrabanten. Es bietet eine Fülle an Informationen, die sich sonst nur schwierig finden lassen. Es richtet sich weniger an den Raumfahrtfan oder den an der geologischen Mondforschung interessierten Leser, hier gibt es andere aktuelle Werke, von denen einige in Sterne und Weltraum 7/2009, S. 108, besprochen und empfohlen werden.

Sterne und Weltraum 2/2012
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