Hauptautor Peter J. Whitehouse arbeitet seit Jahrzehnten mit Alzheimerpatienten. Früher widmete sich der Professor für Neurologie von der Case Western Reserve University in Cleveland (Ohio) ganz der biologischen Erforschung der Krankheit und entwickelte Medikamente gegen das Leiden. Er stützte sich dabei auf weit verbreitete Annahmen: Diese Form der Demenz sei vom gesunden Altern abzugrenzen, nach dem Tod sei sie im Gehirngewebe eindeutig nachweisbar, und eines Tages könne sie sicherlich mit Medikamenten nicht nur behandelt, sondern auch geheilt werden. Alles falsch, sagt der Neurologe heute – und bezeichnet solche Thesen als "Mythos Alzheimer".

Mit den Jahren habe er diese vermeintlichen Fakten zunehmend in Frage gestellt, berichtet der Autor. Inzwischen sei er davon überzeugt, dass die Krankheit nicht eindeutig vom gesunden Altern zu unterscheiden sei – auch nicht per Obduktion des Gehirns. Deshalb wolle er nun seinen Lesern eine gesunde Portion Skepsis gegenüber vermeintlichen Forschungserfolgen vermitteln. Whitehouse warnt, der "Mythos Alzheimer" schade den Kranken und ihren Angehörigen; zum Beispiel drohe ihnen gesellschaftliche Ausgrenzung. Stattdessen lenkt er den Blick auf die verbliebenen Ressourcen der Betroffenen und das Einfühlungsvermögen der Angehörigen. Dabei nennt er den Begriff Demenz allerdings selbst immer wieder, obwohl er sich gegen seine Verwendung ausspricht.

Einerseits hat Whitehouse Recht: Es gibt neuere Befunde dafür, dass die der Alzheimerdemenz zu Grunde liegenden Veränderungen eine Variante des normalen Alterungsprozesses sind. Mediziner räumen heute längst ein, dass sich eine Demenz nicht immer hirnorganisch nachweisen lässt. Aber das stellt das Krankheitsbild noch nicht in Frage. Die Diagnose lässt sich anhand klinischer Kriterien mit einer Treffsicherheit von 80 bis 90 Prozent stellen. Auch fundierte neuropsychologische Tests können gesundes Altern und Demenz gut differenzieren.

Solche Befunde erwähnt der Autor nicht; er betont vor allem das diskriminierende Moment der Diagnose für Betroffene und Angehörige. Dass sie auf der anderen Seite eine adäquate Therapie einleiten kann, übersieht er ebenfalls. Dafür zeigt er fachkundig auf, wie eine solche Behandlung aussehen kann. Whitehouse gründete unter anderem eine Schule, in der demente Senioren Kindern das Lesen beibringen und so selbst weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Nach Ansicht des Autors sind solche Erfahrungen für Betroffene mindestens ebenso wichtig wie die Einnahme von Medikamenten.

Das Buch enthält viele Literatur- und Webtipps sowie Kontaktadressen. Leider wiederholt sich der Autor oft, so dass das Buch unnötig lang geraten ist. Befremdlich wirkt zudem das häufige Eigenlob. Der Untertitel ("Was Sie schon immer über Alzheimer wissen wollten, Ihnen aber nicht gesagt wurde") verspricht jedenfalls zu viel, denn manches, was der Autor referiert, etwa über die erste Alzheimerpatientin oder darüber, wie das Gedächtnis funktioniert, ist altbekanntes Standardwissen. Trotzdem ist das Buch jedem zu empfehlen, der sein Wissen über Alzheimer hinterfragen will oder fundierte Erkenntnisse etwa zu Ernährung und sozialen Aktivitäten im Alter sucht. Wer sich die Thesen von Whitehouse zu eigen macht, dürfte allerdings mancherorts heftigen Widerspruch ernten.