Der italienische Rennaissancefürst Cesare Borgia (1476–1507) ließ seine Feinde kaltblütig ermorden. Gewalt war ihm ein geeignetes Mittel, um seine Ziele zu verfolgen. Dies machte ihn in den Augen des florentinischen Philosophen Niccolò Machiavelli (1469–1527) zum nahezu idealen Herrscher und zum Leitbild seines Buchs "Il principe" (Der Fürst). Darin lieferte Machiavelli eine neuzeitliche Anleitung für Menschen in Führungspositionen. Zitiert wird er zwar heute noch gern, seine Vorschläge für die Praxis sind freilich erheblich aus der Mode gekommen.

Woran aber soll man sich in globalisierten Zeiten halten, wenn man führen will? Oder, mit Immanuel Kant (1724–1804) gefragt: "Wie soll ich handeln?" Nicht nur beim Königsberger Philosophen der Aufklärung suchen der Münchner Sozialpsychologe Dieter Frey und die Luzerner Philosophin Lisa Schmalzried nach Antworten. Gute Führung lernen könne man auch von Aristoteles (384–322 v. Chr.), Thomas Hobbes (1588–1679), Jean-Jacques Rousseau (1712–1778), Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781), Sir Karl Popper (1902–1994) und vielen anderen.

"Führungsratgeber trifft auf Philosophiebuch", schreibt der Verlag auf dem Buchdeckel. Im Blick haben Frey und Schmalzried nicht so sehr die Cesare Borgias dieser Welt. Die Autoren fassen Führung weniger als Staats-, sondern mehr als Menschenführung auf und wenden sich an all diejenigen, die – im Großen wie im Kleinen – mit Erziehungs- und Leitungsaufgaben betraut sind. Schon in der Aufmachung wirkt ihr Werk mit seinen zahlreichen Abbildungen, Zusammenfassungen und Randspalten wie ein Lehrbuch der praktischen Philosophie.

Die Kapitel sind jeweils sehr ähnlich aufgebaut. Nach einem Abriss der wesentlichen Inhalte, etwa der verschiedenen Versionen von Kants kategorischem Imperativ und ihrer Bedeutung, wenden die Autoren den entsprechenden Denkansatz auf konkrete Probleme an – zum Beispiel auf die Situation der Arbeiter bei dem umstrittenen taiwanischen Unternehmen Foxconn. Frey und Schmalzried fragen dann, was wir hierbei vom jeweiligen Philosophen lernen können. Jedes Kapitel wird von einem kleinen Lexikon abgeschlossen.

Den Autoren gelingt eine kompakte, differenzierte und kluge Darstellung. Sie betonen immer wieder, wie wichtig ihnen "Werte" sind – dies zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Buch. Zu gutem Führen gehören demnach ein festes Wertegerüst, das erst zu qualifiziertem Handeln befähige. Gezimmert werde es aus Achtung, Würde, Mündigkeit, Toleranz und Vorbildfunktion. Das alles soll dazu dienen, in Beruf oder Ausbildung langfristig die Arbeitsleistung, die Kreativität und – ja, auch – die Gewinne zu steigern.

Hier geraten die Autoren dann doch in Widerspruch zu ihren Lehrmeistern. Aristoteles und Kant ging es eben nicht um technische Mittel zum Zweck, also nicht um die Ausbildung von Eigenschaften, um bestimmte Ziele zu erreichen. Vielmehr stand für sie der Selbstzweck im Vordergrund – ein Menschenbild oder auch ein allgemeines Sittengesetz. Ein weiterer Widerspruch ergibt sich aus der betonten Vorliebe des Autorenduos für Werte. Einerseits stellen Frey und Schmalzried diese in den Vordergrund. Andererseits fehlt ihrem Buch eine Werteethik, wie sie zum Beispiel von den deutschen Philosophen Max Scheler (1874–1928) und Nicolai Hartmann (1882–1950) gedacht wurde.

Generell kommen abwägende Diskussionen ein wenig zu kurz. Das Thema Werte hätte beispielsweise die Gelegenheit geboten, auf die Streitschrift "Tyrannei der Werte" des Staatsrechtlers Carl Schmitt (1888–1985) einzugehen. Und gemessen an dem Raum, den Kant in dem Buch einnimmt, vermisst man die gängige Kritik an diesem Aufklärer durch den deutschen Philosophen Georg Friedrich Hegel (1770–1831), die sich im Vorwurf von Formalismus und Rigorismus niederschlägt.

Sei’s drum. Für den Laien ist "Philosophie der Führung" trotz alledem eine Fundgrube und ein komfortables Nachschlagewerk philosophischer Theorien. Unter den unzähligen Ratgebern dieser Welt verdient es zweifellos ein "bemerkenswert".