Zu den herausragenden Gestalten des Altertums zählt zweifelsohne der römische Redner, Schriftsteller und Staatsmann Marcus Tullius Cicero (106-43 v.Chr.). Viele haben über ihn geschrieben, wenige dabei etwas Bleibendes geschaffen. Solide ist der biographische Aufriss von Klaus Bringmann (2010), große Geschichtsschreibung findet sich bei Christian Habicht (1990) und kulturgeschichtliche Brillanz bei Manfred Fuhrmann (1997). Nun hat Wolfgang Schuller, Alhistoriker und ausgewiesener Kenner der römischen Geschichte, eine neue Biografie vorgelegt. Mit den historischen Quellen sowie der neueren Forschung bestens vertraut, zeichnet er das Porträt einer ebenso bedeutenden wie widersprüchlichen Persönlichkeit.

Anschaulich beschreibt Schuller das politische System der römischen Adelsrepublik, das für Männer niederer Herkunft wie Cicero keine großen Karrierechancen bot. Wer an der kollektiven Herrschaft des Adels teilhaben wollte, musste eine entsprechende Abstammung vorweisen können und reich sein. Wenn es Cicero, dieser "Nobody" aus einem kleinen Nest in Mittelitalien, dennoch schaffte, in die aristokratische Führungselite aufzusteigen, dann lag dies vornehmlich an seiner ungewöhnlichen Begabung und seinem brennenden Ehrgeiz. Wie kaum ein anderer verkörperte er die altrömischen Tugenden. Doch gerade deswegen wurde er am Ende vom Niedergang der republikanischen Gesellschaft mitgerissen, die zunehmend in rivalisierende Interessengruppen zerfiel. Steil war sein Aufstieg, jäh sein Fall.

Als Anwalt für Bewohner der Provinz Sizilien, die von korrupten römischen Statthaltern ausgebeutet worden waren, machte sich der aus dem Ritterstand stammende Cicero einen Namen und stieg in der politischen Hierarchie auf, obwohl er weder besonders einflussreiche Klienten noch berühmte Vorfahren hatte. Er deckte die Catilinarische Verschwörung auf, den misslungenen Putschversuch des Senators Lucius Sergius Catilina im Jahr 63 v.Chr., und krönte seine Laufbahn mit der Bekleidung des höchsten römischen Staatsamts, des Konsulats. Literarisch begabt und politisch ambitioniert, besang Cicero dieses Ereignis in einem Gedicht, das vor Selbstlob nur so strotzte. Damit machte sich der ehrgeizige Emporkömmling mit dem unmöglichen Namen (cicer heißt auf lateinisch "Kichererbse") unter den alteingesessenen Senatoren allerdings wenig Freunde. Sowohl seine exzessive Selbstdarstellung als auch seine wortgewaltigen – bisweilen ehrverletzenden – Attacken ließen mächtige Männer zu seinen Feinden werden.

Die Eitelkeit des Staatsmanns war sein größter Feind und verstellte ihm zuweilen den Blick auf die Realität. Als 60 v.Chr. die Politiker und Feldherren Marcus Licinus Crassus, Gnaeus Pompeius Magnus und Gaius Iulius Caesar versuchten, Rom ihren eigenen Interessen zu unterwerfen, wollte Cicero nicht wahrhaben, dass es sich um eine widerrechtliche Machtaneignung handelte. Naiv war auch seine Vorstellung, dass die Macht des Wortes über die des Schwerts siegen würde. Der "reine Zivilist" (mit den Worten des Schriftstellers Martin Walser) bewegte sich im spätrepublikanischen Rom auf dünnem Eis.

In den Augen Ciceros gefährdete die Konzentration von zu viel Macht auf eine Person das politische Gefüge im Imperium Romanum. Dies ließ ihn zwangsläufig zum Gegenspieler Iulius Caesars werden, der die Republik auszuhebeln begann und nach der Alleinherrschaft griff. Als der Diktator ermordet wurde, jubelte Cicero – und glaubte, zur alten republikanischen Ordnung zurückkehren zu können. Ein Trugschluss, wie sich bald herausstellte.

Furchtbar war das Ende des Staatsmanns. In dem Bürgerkrieg, der nach dem Tod Caesars ausbrach, geriet er zwischen die Gewaltnaturen Octavian und Marcus Antonius. Und wurde eines der ersten Opfer der Proskription, einer öffentlichen Ächtung, die die neuen Machthaber verfügten, um ihre politischen Gegner auszuschalten. Dies bedeutete nichts anderes, als dass Cicero zur Tötung freigegeben war. Im Dezember des Jahres 43 v.Chr. wurde Cicero unweit von Rom grausam ermordet. Seinen Kopf und seine Hände stellte man an der Rednertribüne des Forum Romanum öffentlich aus – dort, wo der Staatsmann unzählige Male seine Stimme gegen seine politischen Gegner erhoben hatte.

Schuller deckt die Widersprüche in der Person Ciceros auf, beleuchtet dessen Wirken im Kontext der späten Republik und wirft einen Blick darauf, wie die Nachwelt den Staatsmann beurteilte. Einen neuen Zugang zu Cicero und seinem Wirken erschließt der Althistoriker nicht. Aber er bereitet das Bekannte glänzend formuliert auf. So empfiehlt sich sein Buch als gelungene Einstiegslektüre zum Thema und lässt sich – vor allem – mit großem Genuss lesen.