Bedeutungslosigkeit ist eines der häufigsten Berufsleiden von Wissenschaftlern, aber der vielfach preisgekrönte Mediziner und Paläogenetiker Svante Pääbo, Direktor am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie Leipzig, ist schon seit seiner Doktorandenzeit dagegen immun. Zwar wurde sein "Beitrag über den Nachweis von DNA in altägyptischen Mumien", 1984 in dem DDR-Periodikum "Das Altertum" veröffentlicht, kaum zur Kenntnis genommen. Aber als er dieselben Befunde ein Jahr später in "Nature" publizierte, geriet er in den Fokus der Fachwelt. Es war der Beginn einer steilen Karriere, die durch Meilensteine wie die Entschlüsselung mitochondrialer Neandertaler-DNA und die Sequenzierung des Neandertaler-Genoms gekennzeichnet ist.

Rückblickend auf drei Jahrzehnte beschreibt der schwedische Evolutionsforscher in seiner Biografie nicht nur die bahnbrechenden Innovationen und häufigen Rückschläge in der Paläogenetik, eines von ihm entscheidend konstituierten und mitgeprägten Fachgebiets. Er schildert auch die komplexen Rahmenbedingungen heutiger Spitzenforschung, Konkurrenzkämpfe und den Druck der Medien. Ferner berichtet er über seine persönlichen Interessen und bekennt sich freimütig zu seiner Bisexualität.

Bereits als Jugendlicher war Pääbo von der Archäologie begeistert. Als 13-jähriger mit seiner Mutter zu den ägyptischen Pyramiden gereist, studierte er zunächst begeistert Ägyptologie, bald aber auch Medizin. Die biochemische Grundlagenforschung, mit der er dort in Berührung kam, faszinierte ihn dann doch weit mehr, zumal er in der Ägyptologie keine Zukunft sah.

Experimentelles Neuland

Seine ersten Versuche hatten den Charme von "Jugend forscht". Um die Isolation von DNA aus altem Gewebe zu erproben, kaufte er eine Kalbsleber und mumifizierte diese im Laborofen. Die Ergebnisse ermutigten ihn zu entsprechenden Untersuchungen an menschlichen Mumien, unter anderem aus den Staatlichen Museen zu Berlin. Er bewarb sich erfolgreich um eine Postdoc-Stelle bei dem Biochemiker Allan Wilson von der University of California, Berkeley, für Pääbo ein "Halbgott". Forschung an Neandertaler-Fossilien ließ aber noch auf sich warten – zu groß war das Risiko der Verunreinigung durch neuere DNA, zu gering die Chance, aus wenigen Milligramm Probenmaterial hinreichend aussagekräftiges Erbgut zu isolieren. Erst der technische Fortschritt erlaubte neue Perspektiven; die Polymerase-Kettenreaktion (PCR) bot eine bis dato unerreichte Effizienz beim Vervielfältigen von DNA. Doch die Gefahr von Fehldiagnosen blieb– und Pääbos Furcht davor, ein regelrechter Verfolgungswahn, zieht sich als Spannungsbogen durch sein Werk.

1990 erhielt der Autor einen Ruf auf den Lehrstuhl für Allgemeine Biologie an der Universität München. Augenzwinkernd bekennt er, der Biologie nie auf Universitätsniveau studiert hat, wie er wegen seiner forschen Äußerung gegenüber einem Kollegen aus der Zoologie, Insekten seien doch keine Tiere, denn unter solchen habe er sich "Lebewesen mit Pfoten, Fell und am besten noch Schlappohren" vorgestellt, von Lehrverpflichtungen in zoologischer Systematik befreit wurde und größere Freiräume für seine Forschung bekam. Er und seine Arbeitsgruppe zielten zunächst darauf ab, "Authentizitätskriterien" zu formulieren, also Regeln, um sicher zu gehen, dass man beim Isolieren alter DNA auch tatsächlich solche gewinnt. Die Einrichtung eines Reinraums hatte dabei höchste Priorität, da sich die Ergebnisse anderer Labors, etwa DNA-Sequenzen von Dinosauriern, teils als gravierende Fehlbestimmungen herausgestellt hatten.

Es folgten die erfolgreiche Isolierung fossilen tierischen Erbmaterials, beispielsweise vom Riesenfaultier, aber Pääbos Herz hing nicht daran. Er fürchtete, zu einem "Zoologen wider Willen" zu werden, und nahm sein ursprüngliches Ziel in Angriff, die Untersuchung der Geschichte des Menschen. Eines der ersten menschlichen Analyseobjekte war die Gletschermumie "Ötzi", und 1996 gab es erstmals grünes Licht für eine Probenentnahme aus dem Oberarmknochen des Neandertaler-Typusexemplars.

1997 wechselte Pääbo nach Leipzig ans neu gegründete Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. Von da an ging er das ambitionierte Projekt an, Kern-DNA aus Neandertaler-Fossilien zu gewinnen. Und hatte, obwohl kaum für möglich gehalten, Erfolg damit.

Hürden des Forscherdaseins

Eingehend erzählt Pääbo, wie er seine Arbeitsgruppe aufbaute und einfühlsam zu führen lernte. Er beschreibt die spezifische Diskussionskultur im Team, emotionale Höhenflüge und sentimentale Tiefen; er schildert Hindernisse und unerwartete Fügungen bei der Finanzierung von Projekten sowie das nervenaufreibende Aushandeln von Kooperationen zwecks Beschaffung von Fossilmaterial, das nach der Maxime "der wahre Egoist kooperiert" zu funktionieren scheint. Zudem berichtet er, wie er Joint Ventures aufkündigte, etwa mit dem Genetiker Edward M. Rubin vom Lawrence Berkeley National Laboratory, und hinterher befürchtete, zu viel preisgegeben zu haben und das wissenschaftliche Wettrennen zu verlieren.

Detailliert befasst sich der Autor mit dem Neandertaler und – unterwartet ausführlich – auch mit dem rätselhaften sibirischen Denisova-Menschen. Er vergleicht diese genetisch mit dem modernen Menschen und dem Schimpansen und zeigt damit ein Stück weit, was den Menschen zum Menschen macht. Das Fazit: Die Paläogenetik öffnet neue Fenster in die Vergangenheit, die konventioneller Paläoanthropologie immer verschlossen bleiben. Dies gezeigt zu haben, ist Pääbos bleibendes Verdienst als Protagonist dieser Disziplin.

Aber einige Kritik sei doch erlaubt. Zunächst erweckten Fachpublikationen aus Pääbos Gruppe den Eindruck, es habe keine Vermischung zwischen Neandertalern und modernen Menschen gegeben. Wenn die genomischen Befunde nun doch eine, wenn auch sehr geringe Vermischung nahelegen, wäre da seitens des Autors nicht ein Hinweis auf das "Out-of-Africa-Modell mit Hybridisierung" geboten gewesen, das 1984 vom Hamburger Paläoanthropologen Günter Bräuer vorgestellt wurde und eine solche Verschmelzung nahelegte? Zudem sind Pääbos Aussagen über die Defizite der späten Nachkriegsanthropologie in Deutschland wissenschaftshistorisch oberflächlich und unzulässig verallgemeinernd, was auch für seine vernichtende Einschätzung taxonomischer Forschung gilt. Aber wie hatte der exzellente Biochemiker Erwin Chargaff treffend geschrieben: "…die neue Wissenschaft, die aus der Verschmelzung von Chemie, Physik und Genetik hervorging, das heißt die Molekularbiologie, ist herrisch geblieben und dogmatisch".

Neandertaler sind seit ihrer Entdeckung biologische und mythologische Gestalten. Die Paläogenetik handelt nur über erstere, und zwar nicht in ihrer leibhaftigen Erscheinungsform, sondern in Form ihrer Überreste und ihres Probenmaterials – salopp formuliert, in ihrer "pürierten" Gestalt. Das mag einige interessierte Laien enttäuschen, aber für diejenigen, die Spitzenforschung hautnah miterleben wollen, ist Pääbos höchst aufschlussreicher und überwiegend unterhaltsam und spannend geschriebener Band ein Muss.