Rezension | 24.04.2013 | Drucken | Teilen

Rationales über das Irrationale

"Daniel Kahneman ist einer der wichtigsten Psychologen unserer Zeit. Das Buch ist ein Großereignis", lobt Steven Pinker, US-amerikanisch-kanadischer Hochschullehrer für Psychologie an der Harvard University. Dabei erscheint die Kernaussage von Kahnemans Buch "Schnelles Denken, langsames Denken" geradezu trivial: Es gibt zwei Denksysteme, die den Menschen steuern, ein intuitives und ein rationales, und das intuitive ist weitaus mächtiger als das rationale.

Doch ist es wirklich richtig, dass der Mensch ein animal irrationale ist? Ein Wesen, das in erster Linie von Intuitionen und Gefühlen beherrscht wird? Lange Zeit wollten viele Wissenschaftler genau dieses nicht wahrhaben. Denn wenn Gefühle und Intuitionen so stark sind, stellt sich die beunruhigende Frage, ob Menschen ihr Denken überhaupt kontrollieren können. Nur in begrenztem Maße, meint Kahneman und erläutert dies in seinem Buch bis ins Detail. "Schnelles Denken, langsames Denken" enthält 621 Seiten und 40 Kapitel, die jeweils von einem wichtigen Forschungsereignis handeln.

Das Buch basiert auf Erkenntnissen langjähriger Forschungsarbeiten. Der 79-jährige Kahneman gilt als einer der wichtigsten Wissenschaftler dieser Zeit. 2002 erhielt er gemeinsam mit seinem 1996 bereits verstorbenen Freund und Forschungspartner Amos Tversky für die "Neue Erwartungstheorie" den Wirtschaftsnobelkreis. Diese Theorie wird im Buch ausführlich beschrieben. Sie geht davon aus, dass kognitive Verzerrungen das Verhalten in unsicheren Situationen beeinflussen. So überschätzt der Mensch beispielsweise oft seine eigenen Fähigkeiten oder seinen Einfluss auf die Zukunft.

Um kognitive Verzerrungen geht es in vielen Bereichen des Buchs von Kahneman, hervorgerufen durch Gefühle und Intuitionen, die die Ratio zurückdrängen. Kahneman erzählt anschaulich und verständlich, mit vielen Beispielen und persönlichen Erlebnissen. Er macht menschliches Handeln verstehbar, dessen Unvernunft zutiefst verwundert. Auch nicht alle Intuitionen von Fachleuten entspringen echtem Sachverstand. Was ist von einem Manager zu halten, der Aktien von Ford kaufte, weil "die wissen, wie man ein Auto baut". Der Manager vertraute seinem "Bauchgefühl". Dass hierbei Irrtümer unterlaufen können, erklärt wohl auch, warum die Wirtschaftskrise 2008 von vielen Experten nicht vorhergesehen wurde. Dass das mühelos arbeitende intuitive "System 1" das rationale "System 2" in so starkem Maße beherrscht, kann nicht nur für die Wirtschaft fatale Folgen haben, sondern auch für zahlreiche andere Bereiche menschlichen Handelns. So verurteilten in einem Experiment Richter eine Ladendiebin zu einer längeren Haftstrafe, wenn die Richter zuvor eine höhere Zahl gewürfelt hatten.

Lassen sich solche Fehlentscheidungen vermeiden? Wir müssen akzeptieren, dass es dieses intuitiv arbeitende System 1 gibt, meint Kahneman. Dann können wir besser mit ihm umgehen. "Wenn wir an uns selbst denken, identifizieren wir uns mit System 2, dem bewussten, logisch denkenden Selbst, das Überzeugungen hat, Entscheidungen trifft und sein Denken und Handeln bewusst kontrolliert." Doch Kahneman ist überzeugt, dass System 1 der Hauptakteur ist. "Darin entstehen spontan die Eindrücke und Gefühle, die die Hauptquellen der expliziten Überzeugungen und bewussten Entscheidungen von System 2 sind."

Möglicherweise greift System 1 so oft ein, weil es nicht abgeschaltet werden kann. Es ist angeboren und arbeitet schnell und mühelos. System 2 hingegen muss willkürlich eingeschaltet werden und arbeitet langsam und angestrengt. System 1 erzeugt fortlaufend Vorschläge für seinen Kollegen: Wenn Eindrücke und Intuitionen von System 2 unterstützt werden, werden sie zu Überzeugungen, und Impulse werden zu willentlich gesteuerten Handlungen. Wenn alles glatt läuft, macht sich System 2 die Vorschläge von System 1 ohne größere Veränderungen zueigen. System 2 wird jedoch aktiviert, wenn ein Ereignis wahrgenommen wird, das gegen das Weltbild von System 1 verstößt: bellende Katzen, jaulende Schränke, laufende Lampen etcetera.

Fragen kommen beim Lesen des Buchs auf. Gibt es bestimmte Stellen im Gehirn, an denen sich das eine beziehungsweise das andere System lokalisieren lässt? Kahneman gibt zu, dass er das nicht weiß. Ist Kahnemans Modell der Wirklichkeit zu einfach? Dies ist wohl eine zurzeit kaum zu beantwortende Frage, für die sich möglicherweise erst in ferner Zukunft eine Lösung finden lässt. Eines jedoch ist sicher: Kahnemans Buch ist unterhaltsam, einprägsam, gut verständlich und zudem zu einem angemessenen Preis erhältlich.

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