Massenträgheit, Thermalkontrolle, Lageregelungssysteme, Aerodynamik … Das klingt alles erst mal nicht nach Spiel und Spaß für Kinder. Ist es aber! Diese Themenbereiche – und noch einige mehr – sind nämlich in einem Experimentierkasten von Ravensburger vertreten, der mir neulich zufällig unter den Mauszeiger geriet: "Abenteuer Raumfahrt".

Mit einer "echten" Rakete sogar, und empfohlen für Kinder ab 8 Jahren. Okay, meine sind noch 10 beziehungsweise gerade 12 Jahre alt, da bestand also Hoffnung, dass sie den Inhalt verstehen, sich aber noch nicht damit langweilen würden. Und überhaupt: Ich selbst will ja schließlich auch meinen Spaß! Also ab in den Einkaufskorb mit dem Kasten, für das nächste verregnete Wochenende. Das ließ nicht lange auf sich warten, und schon saßen wir zu dritt um den Tisch und packten aus.

Durchdachte Anleitung

Auf den ersten Blick wirkte der Inhalt etwas verwirrend, aber das ist ja bei den meisten Experimentierkästen so. Viele Teile sahen einander ähnlich, und auf den Gesichtern meiner Kinder machten sich die ersten Fragezeichen breit. Also beschlossen wir das, was man ja eigentlich sowieso tun sollte, mit Kindern aber nicht immer problemlos hinbekommt: Einfach die Anleitung von vorn nach hinten schrittweise durchlesen, die nötigen Teile für jedes Experiment anhand der Bilder aus dem Bestand heraussuchen – und den Rest erst einmal ignorieren.

Dabei stellte sich schnell heraus, dass die Anleitung sehr schön aufgebaut ist. Der Hersteller wirft die Kinder nicht einfach mit dem ersten Experiment ins kalte Wasser, sondern erklärt eingangs grob umrissen die Grundlagen sowie ein kleines bisschen zur Raumfahrtgeschichte und baut dann die Experimente inhaltlich aufeinander auf. Trotzdem kann man sie – je nach Vorwissen der Kinder – auch einzeln auswählen und durchführen. Ein weiteres großes Plus des Kastens: Bei Berechnungen, zum Beispiel der Veränderung des eigenen Gewichts auf den diversen Planeten, werden nicht nur Tabellen präsentiert, sondern im Anhang auch die Rechenwege erklärt.

Zu jedem Versuch gibt es unter der Überschrift "Was steckt dahinter?" gut verständliche Erläuterungen über den allgemeinen naturwissenschaftlichen Hintergrund des Experiments. Im Kästchen "Expertenwissen" wird zusätzlich erklärt, welche Rolle speziell dieses aktuelle Experiment in der Raumfahrt spielt. Unter "Was meinst du?" werden die Kinder angeleitet, sich auch selbst Gedanken zu machen. Zum Beispiel über die Frage, warum die meisten Raketen eine weiße Farbe haben. Oder ob der Mond die gleiche Anziehungskraft hätte wie die Erde, wenn er genauso groß wäre. Die Antworten finden sich ebenfalls im Anhang der Anleitung.

Bei einigen Versuchen (Aerodynamik, Thermalkontrolle) war meinen Lütten schon beim Überfliegen des Versuchsaufbaus klar, worauf die Autoren hinaus wollten, weil sie entsprechende Beobachtungen längst anderswo gemacht hatten. Also haben wir diese Experimente übersprungen beziehungsweise für irgendwann einmal zurück gestellt.

Geradeaus ist nicht

Es sind allerdings auch Themen dabei, die für einen durchschnittlichen Achtjährigen ohne Vorkenntnisse vielleicht doch etwas zu hoch gegriffen sind. Zum Beispiel die Flugbahnbestimmung: Warum kann man ein Raumschiff eben nicht einfach – zack! – auf schnurgeradem Weg zu dem Planeten schicken, zu dem man hin will? Etwa von der Erde zum Mars? Mit etwas Unterstützung durch einen interessierten Erwachsenen wird aber auch das schnell klar, und am Ende hat man schönes Anschauungsmaterial, anhand dessen man das Gelernte immer wieder nachvollziehen kann.

Für manche Versuche muss man raus aus dem Haus und sich sportlich betätigen. Zum Beispiel für die Bestimmung der Fluggeschwindigkeit. Bei anderen wiederum, wie beim "Lageregelungssystem", ist etwas Bastelei und Fingerfertigkeit gefragt. Das Highlight des Kastens ist aber natürlich die mit "Haushaltstreibstoff" betriebene Rakete. Sie besteht aus einer 0,5-Liter-PET-Flasche und diversem Zubehör aus dem Kasten sowie Küchenschrank. Hier sind auch schon mal vier Hände für den Zusammenbau erforderlich. Und ich hätte mir gewünscht, dass der Kasten genug Material enthielte, um gegebenenfalls zwei oder drei dieser Raketen bauen zu können. Denn wenn sie einmal geflogen und wieder aufgeschlagen ist, sind die Leitflügel und der Haltering kaputt und für weitere Versuche nicht mehr zu gebrauchen. Das finde ich ziemlich schade.

Ein weiteres kleines Manko: Es wird leider nicht angegeben, welchen Säuregehalt der Essig haben sollte, den man zusammen mit Natron für den Treibstoff benötigt. Ich hatte nur Balsamico und Reisessig im Haus. Mit denen hat es nicht funktioniert. Mit dem nachträglich gekauften Standard-Apfelessig hingegen schon.

Raketenschnell querfeldein

Unsere Rakete flog übrigens auch mit geeignetem Essig erst im zweiten Anlauf. Die Kinder hatten sich für den ersten Versuch ein großes Feld hinter unserem Haus ausgesucht. Dabei aber leider nicht bedacht, dass der Boden vom Regen aufgeweicht war. Der Treibstoff ließ also nicht die Rakete abheben, sondern schoss ein Loch in den Boden. Anschließend kippte die Rakete um und verteilte den Rest des Treibstoffs horizontal auf der Erde. Das war zwar auch spektakulär, aber nicht so ganz im Sinne des Erfinders. Na immerhin: Wieder was gelernt.

Der Experimentierkasten war zumindest für uns wirklich kurzweilig und lehrreich. Die Kinder waren zum Teil doch überrascht, wie viel Raumfahrt und Alltag miteinander zu tun haben. Viele Dinge aus dem Kasten kann man auch länger benutzen (Gewichts- und Geschwindigkeitstabellen) oder nach eigenem Interesse abwandeln, wie zum Beispiel den Bremsfallschirm. Manches ist eher für ältere Kinder gedacht, manches eher für jüngere. Alle Kinder werden aber auf mehreren Ebenen angesprochen: Lesen, sich bewegen, basteln, beobachten, und manchmal ist dabei auch Kooperation gefragt. Aus dieser Mischung ergaben sich bei uns interessante Unterhaltungen und Konstellationen, die über den Inhalt des Kastens weit hinaus gingen. Wir haben im Verlauf von zwei Nachmittagen so manches zusätzlich gegoogelt, kamen dadurch auf weitere Themen und hatten insgesamt ziemlich viel Spaß.

Fazit: Ich freue mich immer noch über diesen Zufallsfund. Wenn man ahnt, dass das betreffende Kind Interesse haben könnte, ist er ein prima Geschenk. Mit etwas Glück darf man sogar mitspielen.