Rezension | 01.02.2013 | Drucken | Teilen

Aufstand der zornigen jungen Männer

In manchen Gesellschaften gibt es einen Überschuss an jungen Männern, die ohne Perspektive und ohne soziale Anerkennung leben, da sie sich nicht sinnvoll in die Gesellschaft einbringen können und auch sonst keine Möglichkeit haben, sich zu verwirklichen. Getrieben durch ihre hormonelle Energie, die kein Ventil findet, neigen sie eher dazu, einen Umsturz anzuzetteln. Da sie sich zumeist im Kampf um Status und Anerkennung befinden, sind junge Männer ohnehin grundsätzlich die besseren Revolutionäre. Das ist die Grundthese, mit der Karin Kneissl den Zusammenhang von Politik, Geschichte und der Conditio humana zu ergründen versucht.

"Politische Entscheidungen folgen oft nicht rationalen Überlegungen. Gefühle, Begierden und Ängste werden in der politischen Analyse unterschätzt oder völlig ausgeblendet." Karin Kneissl war bis 1998 als Juristin im diplomatischen Dienst Österreichs tätig und ist seither freischaffende Publizistin und unabhängige Korrespondentin für mehrere Tageszeitungen. Daneben unterrichtet sie in Wien und Beirut internationale Beziehungen. In ihrem Buch versucht sie, historische Revolutionen unter dem Aspekt des hormonellen Status der handelnden Individuen zu analysieren. Dabei geht sie auch auf die aktuellen Revolutionen im arabischen Raum ein, die sie ebenfalls als ein Aufbegehren von zornigen jungen Männern versteht.

Im arabischen Kulturkreis sind Würde und Status des Mannes insbesondere durch eine Heirat bestimmt. Die aber bleibt für einen Großteil der jungen Männer ein unerreichbares Ziel. Andere Wege, ihre Sexualität auszuleben, stehen ihnen auf Grund der strikten Moral und der sozialen Kontrolle nicht zur Verfügung, wodurch sich dieses natürliche Bedürfnis zur Obsession auswächst. Daher versucht die Autorin eine naturwissenschaftliche Bestandsaufnahme betreffend Sexualhormone und deren Effekte. Ihr Bemühen um ein differenziertes Bild in Ehren; aber man erkennt doch, dass dies nicht ihr eigentliches Metier ist.

Ein weiteres Thema sind die demografischen Entwicklungen in Asien und mögliche Konsequenzen für die Zukunft. Kneissl sieht ein gewaltiges Potenzial für zukünftige Unruhen, Aufstände oder gar Kriege, da sich der Frauenmangel zu einer immensen Frustrationsquelle für junge Männer entwickelt. Auch das erledigt geglaubte Thema Frauenraub wird wieder aktuell. Kneissl verweist hierzu auf den Roman von Amin Maalouf ("Le Premier Siècle après Béatrice", Paris 1992), der viele Entwicklungen der Gegenwart vorwegnimmt und mögliche Folgen illustriert.

In den letzten beiden Kapiteln reflektiert Kneissl wiederholt die Natur des Menschen, und zwar evolutionsbiologisch, neurophysiologisch, psychologisch, pädagogisch und philosophisch. Sie gibt dabei zu, dass ihr Buch mehr Fragen aufwirft, als es beantwortet, und dass die empirische Basis noch mehr als dürftig ist. Entsprechend versteht sie ihr Werk als einen Aufruf, die bisher sträflich vernachlässigten Forschungen in diese Richtung zu intensivieren. Das Buch ist informativ und flüssig geschrieben. Es richtet sich vor allem an Sozialwissenschaftler, die häufig dazu neigen, die Naturbedingtheit des Menschen beiseitezuschieben und nicht in ihre Überlegungen miteinzubeziehen. Aber auch politisch interessierten Bio- und Anthropologen ist das Buch zu empfehlen.

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