Man darf heute – mit gutem Grund – davon ausgehen, dass die Vorgänge und Hintergründe im 15. und 16. bis ins 17. Jahrhundert hinein wissenschaftlich lückenlos aufgearbeitet und verstanden sind – soweit sie den Umbruch im Weltbild betreffen. Die Flut einschlägiger Vorläuferliteratur zum Thema ist der Bedeutung entsprechend in der Tat immens: Auf dem Büchermarkt findet man die komplette Palette, angefangen bei zahllosen wissenschaftlichen Abhandlungen über die neuen revolutionären Erkenntnisse im historischen Zusammenhang und den Versuchen, die beobachteten Phänomene der Planetenbewegung widerspruchsfrei zu deuten, bis hin zu biografischen Werken der Protagonisten – und all dies auch in für Laien verständlicher Darstellung: in Romanen und Lesebüchern für jedermann.

Woraus schöpfte die Autorin Dava Sobel also den Mut, das Thema neu anzugehen, und die Zuversicht, dafür viele Leser zu finden? Er ist sicher auch dem großen Erfolg zu verdanken, den ihre bisherigen Bücher erfahren haben: "Längengrad", ein Weltbestseller (1996); "Galileos Tochter" (1999) und "Die Planeten" (2005). Dava Sobel hat sich aber mit dieser neuen Form des populären, wissenschaftlichen Sachbuchs eine weltweit große, verlässliche Fangemeinde geschaffen, die in der einschlägigen Literatur bisher – soweit ich es beurteilen kann – ohne Beispiel ist.

Man kennt Kopernikus gemeinhin als bedeutenden Forscher, dessen Visionen ein neues Weltbild aufgezeigt haben, das in seinen Grundzügen bis in unsere Zeit gültig ist. Die andere, private, menschliche Seite dieses Mannes bleibt meist im Dunkel der Geschichte verborgen: Er war hin und her geworfen zwischen Pflicht und Neigung, zwischen den administrativen Aufgaben als Domherr und den faszinierenden Forschungen zur Vervollkommnung seines neuen Weltbilds. Dava Sobels Buch beleuchtet sehr intensiv gerade diesen Zwiespalt in Kopernikus’ Vita.

Zu seinen Pflichten im Ermland gehörten unter anderem die Aufsicht über die Mühlen, Bäckereien mit der Einführung einer neuen Brotpreisordnung, der Brauereien, die Verpachtung von Ländereien an Bauern der 120 Dörfer, zwischen denen er zu Pferde lange Zeit unterwegs war, und die Eintreibung von (Pacht-)Gebühren zur Sicherung der Versorgung des Bischofs und der Domherren. Nicht zuletzt oblag ihm auch die Verbesserung des korrupten Münzwesens. Bei all diesen irdischen Amtspflichten beängstigt ihn die immer knapper werdende Lebenszeit zum Vollenden seines Lebenswerks. Inzwischen ist Kopernikus aus Studienaufenthalten in Italien (Bologna, Rom, Padua, wo er Medizin studierte, und Ferrara) endgültig ins Ermland zurückgekehrt, das er zeitlebens nicht mehr verlassen sollte. Er findet hier endlich Muße, sich verstärkt den Themen zu widmen, die ihn als Student 1491/92 an der Universität Krakau in ihren Bann gezogen haben.

Die politisch unruhigen Zeiten durch die Übergriffe des Deutsch-Ritter-Ordens auf Frauenburg, die Auswirkungen der Reformation und des Bauernkriegs (1524/25) auf das Ermland haben mit dem Friedensschluss von 1525 endlich Ruhe in die Region gebracht. Eine im Garten errichtete Beobachtungsplattform für einen Quadranten, einen Dreistab und eine Armillarsphäre benutzte Kopernikus für die Messung von Positionen von Sternen und Planeten. Er glaubte Hinweise darauf gefunden zu haben, dass alle Bewegungen am Himmel durch die Bewegung der Erde um die Sonne und um ihre Achse entstehen. Zutiefst befiel ihn aber die Angst, dass er von Fachkollegen ob seiner absurden Ideen verlacht und dass seine Erkenntnisse von "Unkundigen" in Details diskreditiert werden könnten.

In dieser Phase des Zweifels kam der jugendliche Mathematiker Rhetikus 1539 ausgerechnet aus der Lutherstadt Wittenberg ins katholische Frauenburg – unverhofft, unerwünscht und unerwartet. Aber er wurde zur Schlüsselfigur im Drama um die Veröffentlichung des "Neuen Weltbilds". In langen, im Verborgenen geführten Gesprächen zwischen Kopernikus und seinem (einzigen) Schüler reifte beim Meister die Überzeugung, seine neue Weltsicht zu veröffentlichen (Rhetikus’ Kontakte zu dem Nürnberger Verleger Petreius waren dabei entscheidend). An zentraler Stelle des Buchs zwischen Teil 1 und Teil 2 hat Dava Sobel – einmalig in der Literatur – ein Theaterstück in zwei Akten platziert, das im Wesentlichen den Dialog zwischen Kopernikus und Rhetikus dramatisiert mit dem Ziel, Kopernikus zur Veröffentlichung seines Weltbilds zu überzeugen – was glücklicherweise auch gelang. Widerspruch mit biblischen Texten: "Sonne bleib’ stehen…" (Josua 10,12) entkräftet Rhetikus mit der Aussage: "Mathematik ist etwas für die Mathematiker. Die Heilige Schrift bleibt da außen vor."

Der Druck von "De revolutionibus orbium coelestium" war im April 1543 abgeschlossen. Es wird berichtet, dass der von einem Schlaganfall sieche Kopernikus an seinem Todestag, den 24. Mai, die letzten Druckseiten seines Lebenswerks gesehen haben soll. Der letzte (3.) Teil von Sobels Wiedergabe der Ereignisse dieser Zeit schildert die Nachwirkungen auf die Veröffentlichung von "De revolutionibus…". Von Schmähungen wie durch Luther in den "Tischreden" bis zu unautorisierten Veränderungen des Inhalts, wie im Vorwort durch Osiander geschehen, reichen die Kommentare. Die Würdigung und wissenschaftliche Bestätigung der kopernikanischen Visionen, nach denen er zeitlebens vergebens gesucht hat, blieb späteren Forschergenerationen vorbehalten – und ihren Protagonisten, allen voran Kepler, Galilei und Newton. Quasi als Brücke in die heutige Zeit beschließen die letzten Abschnitte des dritten Teils das Buch: Keplers Gesetze der Planetenbewegungen und Galileis Dialog über die beiden Weltsysteme.

Dava Sobel hat ein weiteres bemerkenswertes Buch vorgelegt. Betrachtet man den umfangreichen Anhang, so spürt man die Leidenschaft und die Sucht nach Zuverlässigkeit der Autorin in jedem Satz. Sie hat zum Beispiel in Krakau das einzig erhaltene Manuskript von "De revolutionibus…" in Augenschein genommen, und in Uppsala den Zugang zu Kopernikus’ Privatbibliothek erwirkt! Neben einer umfangreichen Zeittafel mit der kopernikanischen Chronologie gibt es vollständige bibliografische Angaben zu allen im Text verstreuten Originalzitaten. Quellen- und Literaturangaben, der Bildnachweis und ein Stichwortregister sind dagegen geradezu Standard.

Es fällt mir schwer, irgendeiner Gruppe von Lesern von der Lektüre dieses Buchs abzuraten. Besonders warm empfehle ich es aber allen Freunden der Astronomiegeschichte.