Rezension | 21.11.2012 | Drucken | Teilen

Der Siegeszug des Lebens

Alles beginnt mit einem Haifisch: Als der dänische Naturforscher Nicolaus Steno (1638-1686) im voll besetzten Anatomischen Theater zu Florenz den Kopf der Raubfischs seziert, fällt ihm die markante Form der Zähne ins Auge. Ähneln sie nicht jenen Zungensteinen, die seit alters her als Amulett Schutz vor allen Arten von Giften versprechen? Doch wenn die vermeintlichen Steine in Wirklichkeit fossile Haifischzähne sind, warum findet man sie dann auch in Gebirgen fernab aller Meere?

Diese Szene aus dem Jahr 1666 stellt Dagmar Röhrlich an den Anfang ihres Werkes und führt uns damit gleich an eine der zentralen Fragen der frühen Naturwissenschaft heran: Wie lassen sich die zahlreichen versteinerten Überreste früher Lebensformen mit den seinerzeit gängigen, christlich geprägten Vorstellungen von der Entstehung der Erde und des Lebens auf ihr in Einklang bringen? Eine Frage, deren Beantwortung das überkommende Weltbild ähnlich stark erschüttern sollte wie die Erkenntnisse eine Kopernikus, Kepler oder Galilei.

Doch Röhrlichs Buch ist keine Biografie des "Vaters der Geologie", auch wenn uns Nicolaus Steno an verschiedenen Stellen des Werkes immer wieder begegnet: Die Haifischszene bildet nur den Auftakt zu einer Reise durch vier Milliarden Jahre Erdgeschichte – von den frühesten Anfängen des Lebens bis zu Triumph der Säugetiere, an dessen vorläufigem Ende der Mensch steht. Wir erleben den "Urknall des Lebens" mit – so die Überschrift eines der insgesamt 13 Kapitel des Buches –, begegnen merkwürdigen Organismen der Frühzeit wie der "lebenden Pizza" Dickinsonia, begleiten die Wirbeltiere auf ihrem unaufhaltsamen Siegeszug ebenso wie in den katastrophalen Zeiten globalen Massensterbens und enden schließlich in der Gegenwart, bei einem nachdenklichen Ausblick auf die schwerwiegenden Folgen unseres Eingreifens in die marinen Ökosysteme.

All das ist fesselnd und mit großer Sachkenntnis erzählt. Die Illustrationen von Jürgen Willbarth machen das Buch zudem auch zu einem optischen Genuss. Insgesamt ein sehr gelungenes Werk und als Weihnachtsgeschenk für Freunde kluger Sachbücher unbedingt empfehlenswert.

Anzeige