In "Arm und Reich" hat er 1997 enthüllt, welche Faktoren am Ende der Steinzeit den Ausschlag dafür gaben, dass aus einzelnen Gruppen von Jägern und Sammlern wohlhabende Gesellschaften hervorgingen und aus anderen nicht. 2005 hat er in "Kollaps" die Gründe analysiert, die in der Vergangenheit zum Untergang verschiedener Völker geführt haben. Jetzt hat Jared Diamond erneut aus seinem unglaublichen Erfahrungs- und Wissensschatz geschöpft und in einem dritten Mammutwerk zusammengefasst, was wir seiner Meinung nach von traditionellen Gesellschaften lernen können.

Für eine solche Einschätzung dürfte kaum jemand kompetenter sein als der mittlerweile 75jährige Geografieprofessor der University of California in Los Angeles. Vorwiegend aus ornithologischen und anthropologischen Interessen reist er seit Jahrzehnten regelmäßig für mehrere Monate nach Neuguinea und lebt dort bei Eingeborenenstämmen, bei denen die traditionellen Jäger- und Sammlerkulturen erhalten geblieben sind.

Die Beispiele, die Jared Diamond in "Vermächtnis" aufgreift, beschränken sich aber keineswegs auf neuguineische Völker. Zusätzlich bezieht er Beobachtungen anderer Anthropologen und Linguisten mit ein, die in Australien, Afrika, Nord- und Südamerika sowie in Sibirien geforscht haben. Dies ermöglicht dem Autor Charakteristika und Verhaltensweisen traditioneller Gesellschaften zu identifizieren, in denen sie sich ganz allgemein von modernen Staaten unterscheiden. So teilen Mitglieder traditioneller Völker ihre Mitmenschen aus Vorsicht wesentlich stärker in die Kategorien "Freunde", "Feinde" und "Fremde" ein, als Bürger moderner Nationen dies tun. Im Krieg wird von Angesicht zu Angesicht gekämpft, und am Ende kommt in der Regel ein größerer Prozentsatz der Bevölkerung ums Leben als es beispielsweise im Zweiten Weltkrieg der Fall war.

Die Kinder der !Kung im südlichen Afrika verbringen etwa 90 Prozent ihres ersten Lebensjahrs in unmittelbarem Hautkontakt mit der Mutter oder einer anderen Bezugsperson – was bei traditionellen Völkern die Regel, in modernen Staaten aber eher die Ausnahme darstellt. Aus Knappheit an Ressourcen sehen sich allerdings Mitglieder traditioneller Gesellschaften gezwungen, ihren Nachwuchs nach der Geburt zu töten, wenn ein Paar mehrere Kinder hintereinander bekommt. Die Furcht vor der permanenten Gefahr einer Hungersnot erklärt auch, warum Völker mit urtümlicher Lebensweise beim Ackerbau eine andere Strategie verfolgen als moderne Landwirte: Anstatt einen maximalen Ertrag anzustreben, versuchen Bauern in traditionellen Gesellschaften eine Mindesternte sicher zu stellen. Zu diesem Zweck setzen sie einen beachtlichen Teil ihrer Arbeitskraft für die Mehrarbeit ein, die es erfordert, viele Felder gleichzeitig zu bepflanzen.

Wie sich Völker mit traditioneller Lebensweise von modernen Staaten unterscheiden – diese Frage beantwortet Jared Diamond umfassend und in vielen Facetten. Was wir von traditionellen Gesellschaften lernen können, klingt jedoch nur an wenigen Stellen und erst gegen Ende des Buches an, etwa wenn es um die Vorzüge der Mehrsprachigkeit geht oder darum, dass der Verzehr weit gehend unverarbeiteter Nahrungsmittel vor Zivilisationskrankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck schützt.

Immer wieder sorgt der Autor mit Anekdoten aus seinen eigenen Forschungsreisen für Spannung und Kurzweil, wobei er sich zuweilen stark im Detail verliert. Die Vielzahl der Beispiele, die Diamond aus seinem beruflichen wie auch aus seinem privaten Leben erzählt, mögen bei so manchem Leser den Eindruck erwecken, mit seinem jüngsten Werk liefere er nicht zuletzt sein persönliches Vermächtnis ab. Das alleine macht den Band für vielseitig interessierte Leser mit etwas Ausdauer zur Pflichtlektüre – auch wenn er insgesamt nicht ganz an die früheren Meisterwerke des Autors heranreicht.