Dass die Vögel im Winter in den Süden ziehen, weiß wohl fast jedes Kind. Aber ob diese Alltagsbeobachtung in dieser Einfachheit auch wirklich stimmt? Die Komplexität des Vogelzugs beginnt nämlich schon bei der Fragestellung. Denn: Welche Arten ziehen überhaupt? Es gibt ja nicht nur Zugvögel, sondern auch die ortstreuen Standvögel und so genannte Teilzieher – Arten, bei denen nur ein gewisser Anteil auf Wanderschaft geht. Und das sind gar nicht einmal exotische Vögel: Neben anderen zählen in Mitteleuropa Amsel, Buchfink und Rotkehlchen dazu.

In diesem Fall ist der geografische Bezug auf Mitteleuropa wichtig, denn simpel gesagt: woanders ist es anders. In Skandinavien sind sie "reine" Zugvögel, weiter im mediterranen Raum eher Standvögel. Dabei sind die Übergänge fließend und es stellt sich schnell heraus, dass es genauso viele Zugtypen wie wandernde Vogelpopulationen gibt. Dabei ist eine Vielzahl von Parametern und deren Kombination und Gewichtung bedeutend: Alter, Geschlecht, Mauserstadium, Klima, Wetter, Geografie, Populations- und Verfolgungsdruck … Es gibt also keine schlichte Antwort auf die Frage, warum und wie die Vögel ziehen.

Peter Berthold nähert sich in "Vogelzug – eine aktuelle Gesamtübersicht" dem Thema von jeder erdenklichen Seite: Er sucht Definitionen und Abgrenzungen unterschiedlicher Zugformen. Er beschreibt Untersuchungsmethoden, blickt zurück in die erdgeschichtliche Vergangenheit und extrapoliert in die Zukunft, betreibt Wissenschaftshistorie, setzt sich mit der Physiologie und dem Verhalten der Vögel auseinander, betrachtet ökologische Faktoren und evolutionsbiologische Aspekte: Kein Thema bleibt unberührt. Besonders aufregend sind sicherlich die Orientierungsmechanismen und die Leistungsfähigkeit oft auch sehr kleiner Vögel.

Natürlich nutzt dieses Fachbuch den entsprechenden fachorientierten Wortschatz – es ist eben keine Bettlektüre. Berthold achtet jedoch darauf, dass er seine Leser mit dem "Fachlatein" nicht verwirrt und arbeitet mit vielen Beispielen aus der Literatur, sodass das Buch nie ins rein theoretische abgleitet. Zusätzlich gibt es zum besseren Verständnis vor dem Literaturverzeichnis ein (sehr) kurzes Glossar zentraler Begriffe. So haben nicht nur Fachleute ihren Spaß bei der Lektüre, sondern auch Studenten und Hobbyornithologen. Das Buch ist für jeden, der sich mit Vogelzugphänomenen auseinandersetzt, ein "Muss".

Peter Berthold legt mittlerweile die fünfte Auflage seines bemerkenswerten Fachbuches vor. In dem beigefügten Vorwort der ersten Auflage (1990) beschreibt er kurz den Zweck des Buches: Es soll den aktuellen Stand in der Vogelzugforschung widerspiegeln. In demjenigen zur aktuellen Auflage stellt er selbstbewusst die inzwischen erreichte Bedeutung des Werkes fest, indem er schreibt, dass die englische Übersetzung seines Buches "inzwischen als Klassiker gilt".

Leider hat Berthold bei der Neuauflage jedoch darauf verzichtet, auch wirklich die neueste Literatur einzuarbeiten, sodass der Forschungsstand fast zehn Jahre alt ist. Die vierte Auflage ist zwar von 2000, betrachtet aber bis auf eine einzige Arbeit von 1999 (die vom Autoren selbst ist) den wissenschaftlichen Status quo von 1998. Dies steht leider im Widerspruch zur ursprünglichen Intention und auch zum Buchuntertitel. Selbst die im Vorwort erwähnten drei neueren Arbeiten von 2005 und 2006 tauchen weder im Literaturverzeichnis auf, noch werden sie im Buchtext erkennbar verarbeitet.

Da bis zur sechsten Auflage einige Jahre ins Land gehen werden, ist eine Überarbeitung für die kommende Auflage dringend wünschenswert. Nichtsdestotrotz lohnt sich "Vogelzug – eine aktuelle Gesamtübersicht" für alle Freunde der Ornithologie auch in der vorliegenden Version.