Im zurückliegenden Jahr spannte das Nobelpreiskomitee die Physiker auf eine harte Probe. Fast eine Stunde länger als gewohnt dauerte es, bis die Offiziellen endlich am 8. Oktober um 12.45 Uhr verkündeten, dass der Nobelpreis 2013 an den belgischen Physiker François Englert und seinen britischen Kollegen Peter Higgs gehe – für ihre Vorhersage des so genannten Brout-Englert-Higgs-Bosons, umgangssprachlich als Higgs-Teilchen bezeichnet. Der Grund für die Verzögerung ist nicht ganz klar; es wird gemunkelt, die Jurymitglieder hätten übermäßig lange gebraucht, sich auf die Preisträger zu einigen.

Englert und Higgs verdanken die Ehrung den zahlreichen Wissenschaftlern, die am Teilchenbeschleuniger LHC bei Genf arbeiten. Diese hatten den experimentellen Nachweis für die Existenz des Higgs-Bosons erbracht. Das für das Verständnis der Natur enorm wichtige Teilchen scheint sich stimmig ins Standardmodell der Elementarteilchenphysik einzufügen.

In seinem Buch "Vom Gottesteilchen zur Weltformel" beschreibt der Wissenschaftsjournalist Rüdiger Vaas die Entdeckungsgeschichte des Bosons, dessen Existenz Peter Higgs im Jahr 1964 erstmals postuliert hatte. Zudem liefert Vaas eine umfassende Darstellung des aktuellen Stands der Elementarteilchenphysik. Da wird es schon mal etwas kompliziert, vor allem in den ersten Kapiteln, in denen der Autor detailliert die Welt des Kleinsten beschreibt. Zwischen all den Fermionen, Bosonen, Quarks und Leptonen die Übersicht zu behalten, fällt nicht immer leicht. Es sei dem Autor hoch angerechnet, dass er im Kapitel "Was bringt die Teilchenphysik" zeigt, warum es überhaupt wichtig ist, sich mit der komplizierten Materie zu befassen.

Spannender wird es weiter hinten im Buch, wenn Vaas beschreibt, wie es den vielen hundert Wissenschaftler am LHC gelang, das Higgs-Teilchen nachzuweisen. Schon woher der umstrittene Name "Gottesteilchen" stammt, der bald durch die Presse geisterte, ist hochinteressant. Was den Nachweis so bedeutsam macht, dürfte mittlerweile weitgehend bekannt sein: Mit dem Higgs-Teilchen und dem ihm zugehörigen Higgs-Feld kann man erklären, wie die Elementarteilchen ihre Masse bekommen. Das allgegenwärtige Higgs-Feld wirkt dabei quasi wie ein zähes Medium, durch das sich die Teilchen bewegen. Je stärker sie mit diesem Medium wechselwirken, umso höher fällt ihre Masse aus.

Auch auf die Dunkle Materie kommt Vaas zu sprechen. Dabei entfernt er sich zwar inhaltlich vom Higgs-Teilchen, vollzieht aber einen logischen Schritt hin zur zweiten Hälfte des Buchs, in der es um Symmetrien und die Suche nach der Weltformel geht. Hier taucht das Higgs-Feld nun wieder häufiger wieder auf, und zwar im Zusammenhang mit der Frage, welche Rolle es bei der Suche einer allumfassenden mathematischen Erklärung der Natur spielt.

"Vom Gottesteilchen zur Weltformel" ist kein Buch, das man als Einsteiger lesen sollte. Es erfordert profundes Grundwissen und die Bereitschaft, sich 500 Seiten lang mit komplizierten physikalischen Sachverhalten zu beschäftigen. Für naturwissenschaftlich sehr interessierte Leser hält das Werk zudem einige anspruchsvolle Formeln und Grafiken bereit. Leider fehlen ein Stichwortverzeichnis und ein Glossar. Sicher wird Vaas mit seinem Buch einer umfassenden Darstellung der Higgs-Thematik gerecht, stellenweise hätte er aber zugunsten der Leserfreundlichkeit auf ein wenig fachlichen Tiefgang verzichten können.