"Ich höre eine Stimme. Sie sagt: Plopp." Mit diesem kurzen Satz stellten sich 1972 neun kerngesunde Menschen in unterschiedlichen psychiatrischen Einrichtungen der Vereinigten Staaten vor. Was glauben Sie, was dann passierte? Wurden diese Leute einfach direkt an der Pforte abgewiesen – oder tatsächlich aufgenommen?

Der Psychologe David Rosenham versuchte einst mit diesem Experiment herauszufinden, wie sicher Psychiater zwischen geistig Gesunden und geistig Kranken unterscheiden können. Das Resultat war erschreckend: Völlig normale Menschen wurden fast drei Wochen in der Klinik festgehalten, obwohl sie die merkwürdige Stimme nur einmal erwähnten und anschließend beteuerten, ganz gesund zu sein.

Wenn Sie jetzt glauben, gut, solche Dinge trugen sich vielleicht Anfang der 1970er Jahre zu, und heutzutage könnte das sicher nie passieren, dann irren Sie leider. Die Autorin und Psychologin Lauren Slater probierte Rosenhams Experiment kürzlich an sich aus. Sie wurde – wenn auch nicht eingewiesen – so doch mit Dutzenden Antidepressiva und anderen Medikamenten eingedeckt. "Von Menschen und Ratten" lautet das Buch Lauren Slaters, in dem sie berühmte Experimente der Psychologie vorstellt, kritisch analysiert und vereinzelt sogar nachstellt. Der Leser trifft auf dieser Zeitreise durch die Geschichte der Psychologie und Psychiatrie etwa auf das berühmt-berüchtigte Stanley-Milgram-Experiment: Dieser hatte eine ganze Reihe von Probanden dazu gebracht, andere Versuchsteilnehmer mit Stromschlägen zu quälen und sich trotz der markerschütternden Schmerzensschreie nicht von der ihnen auferlegten Aufgabe abbringen zu lassen.

Ebenso viel Gänsehaut verursacht Slaters Rückblick auf die grausamen Affenexperimente von Harry Harlow. Der Wissenschaftler wollte das Bindungsverhalten von Rhesusaffen untersuchen und trennte dafür Jungtiere von ihren Müttern. Anschließend ließ er den Affenbabys die Wahl zwischen einer kalten und abweisenden Drahtmutter, die Milch gab, und einer weichen Fellattrappe, die aber keinerlei Nahrung spenden konnte. Die Erkenntnis, dass sich die verwirrten Tiere lieber an die kuschelige Fellmutter klammerten, begründete schließlich die "Wissenschaft der Berührung", welche die Macht der Nähe und Fürsorge unterstrich.

Die Autorin stellt bei den unterschiedlichen Experimenten auch die Frage nach deren aktueller Relevanz: Ist ein Mensch, der einen anderen mit Stromstößen fast bis zur Bewusstlosigkeit quält, immer ein schlechter Mensch? Und was sagen uns die zwanzig Jahre alten Rattenexperimente von Bruce Alexander heute? Lassen Menschen wie ein Nagertier vor allem dann die Finger von Drogen, wenn ihre Umgebung artgerecht ist und sie deshalb schlicht kein Interesse am Rausch haben?

Der Amerikanerin ist mit "Von Menschen und Ratten" ein wunderbares und leicht zu lesendes Buch gelungen, das es den Lesern ermöglicht, über Sinn und Unsinn verschiedener Laborversuche und ihre Bedeutung für unser alltägliches Leben selbst kritisch nachzudenken. Lesenswert!