Rezension | 20.12.2012 | Drucken | Teilen

Atemberaubendes Feuerwerk

Der Rezensent arbeitet an der Universität Köln.

Die Kontinentalverschiebung ist ein äußerst langsamer Prozess; aber ihre Sekundäreffekte – Erdbeben und Vulkanausbrüche – sind häufig spektakulär und von faszinierender Gewaltsamkeit. Selbst an längst erkalteten Vulkankuppen, die der Bergbau zur Steingewinnung erschlossen hat und gleichsam als Tomogramme präsentiert, lassen sich die Wucht der Eruptionen und die davon ausgelösten Verheerungen nachvollziehen.

Knapp 2000 Vulkane weltweit gelten als potenziell gefährlich, und jedes Jahr bieten uns etwa 50 von ihnen das fulminante Schauspiel eines Ausbruchs – in Süditalien, entlang des pazifischen Feuergürtels und an vielen anderen Stellen der Erde. Aber abgesehen von vergleichsweise harmlosen Erscheinungsformen wie Geysiren, siedenden Schlammpfützen oder blubbernden Mofetten (Kohlenstoffdioxidquellen) will man einen aktiven Vulkan nicht wirklich aus nächster Nähe erleben. Da mag die visuelle Teilhabe an vulkanischer Geodynamik aus der Armsesselperspektive ein durchaus diskutabler Ersatz sein.

Diesen bietet der vorliegende Band in einzigartiger Weise. Im üppigen Format von 29 mal 31 Zentimetern inszenieren die Autoren Martin Rietze (Fotos) und Marc Szeglat (Text) in rund 140 ganz- oder gar doppelseitigen Fotos die gesamte Bandbreite des fantastischen Feuerzaubers an den vulkanischen Brennpunkten in aller Welt. Sie zeigen aus allernächster Nähe Fontänen glutflüssiger Gesteinsschmelzen, die parabolischen Flugbahnen kühlschrankgroßer Bomben, Flankeneruptionen, Gipfelausbrüche, fliegende Magmafetzen, glühende Materialströme, geheimnisvoll glimmende Lavaseen sowie – in dieser beeindruckenden Qualität bisher nur sehr selten fotografisch dokumentiert – heftige Blitzentladungen in den aufschießenden Asche- und Staubsäulen (Bild unten). Viele Aufnahmen sind in der Dämmerung oder gar bei Nacht entstanden, was ihnen eine atemberaubend infernalische Wirkung verleiht.

Der Band präsentiert die Feuerberge ohne Anspruch auf Vollständigkeit, mit Schwergewicht auf aktuellen Ereignissen und nach Kontinenten sortiert. Die Reise beginnt in Europa mit dem (im Jahr 2012 geradezu hyperaktiven) Ätna und durchläuft dann den Ostafrikanischen Grabenbruch, wo den Leser allerlei Überraschungen erwarten: den Nyiragongo, der über den größten Lavasee der Welt verfügt, den Ol Doinyo Lengai, der wasserartig dünnflüssige Karbonatitlava ausstößt, und den Erta Alé, auf dessen Lavasee erstarrte Platten an der Oberfläche eine Kontinentalverschiebung im Miniaturmaßstab vollführen. Neuseeland mit seinem aktiven Vulkanismus auf der Nordinsel und der Yasur auf dem Vanuatu-Archipel stehen beispielhaft für Ozeanien. Weiter geht es zu den drei Vulkanen Bromo, einem der aktivsten Berge auf Java, zum Sakura-jima in Südjapan und zum Merapi auf den Philippinen, dessen Ausbrüche mit ihren weltweiten atmosphärischen Auswirkungen kaum übertroffen werden, zum Kilauea auf Hawaii und zu den Sofrière Hills in der Karibik. Die Reise endet mit einigen Vulkanen in den Hochanden Südamerikas.

Der Untertitel "Schöpfung und Zerstörung" ist trefflich gewählt. Vulkane bringen nicht nur neue Oberflächenformen hervor, sondern können gleichzeitig auch erbarmungslos destruktiv wirken, was in allen Bildern überaus deutlich wird.

Jedem der Hauptkapitel ist ein Text vorangestellt, der die wichtigsten geologische Grundlagen erläutert, aber auch den in den regionalen Mythen und Naturreligionen verankerten Umgang mit dem Phänomen Vulkanismus behandelt. Wissenschaftliche Fakten werden nicht systematisch abgehandelt, sondern zum jeweiligen Objekt präsentiert. Für den kognitiven Notfall hält der Band ein Glossar zu den wichtigsten, glücklicherweise sparsam verwendeten Fachbegriffen bereit. Die Bildlegenden muten fallweise ein wenig hilflos und flach an und treffen nicht immer punktgenau die dargestellten Sachverhalte, aber das schränkt den überzeugenden Gesamteindruck nicht ein.

Die "Vulkane" sind ein respektabler Augenschmaus mit einzigartigen Bilddokumenten, die so in der sonstigen geowissenschaftlich orientierten Literatur wenig bis gar nicht zu finden sind.

Spektrum der Wissenschaft 1/2013
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