Witz, Esprit und das Gefühl, ein Quäntchen mehr von der Welt zu verstehen – das sind die beherrschenden Eindrücke, die dieses Buch hinterlässt. Geschrieben hat es der jüngste ordentliche Philosophieprofessor Deutschlands. Der 33-jährige Markus Gabriel hat den Lehrstuhl für Erkenntnistheorie an der Universität Bonn inne und präsentiert in laienverständlicher Form eine starke These, indem er sich gegen den populären Relativismus wendet. Dieser behauptet, aufgrund von kognitiven Voreinstellungen, die unter anderem evolutionär bedingt seien, habe das menschliche Denken keinen Zugang zu den Dingen "an sich". In dieser Annahme, die oft mit Immanuel Kants "Kritik der reinen Vernunft" untermauert wird, sieht Gabriel ein großes Missverständnis. Nur weil wir uns manchmal täuschen, tun wir das nicht zwangsläufig immer. Anders ausgedrückt: Die Tatsache, dass jede unserer Wahrnehmungen falsch sein kann, bedeutet nicht, dass alle falsch sein müssen.

Gabriel führt dagegen seine eigene Theorie der Sinnfelder an. Demnach steht alles, was ist, in einem Kontext – es "erscheint", wie er sagt, in einem Gegenstandbereich, eben dem jeweiligen Sinnfeld. Etwas, das ist, könne nicht losgelöst "nur für sich" existieren, es müsse mindestens irgendwo erscheinen. Nur wo erscheint die Welt? Manche meinen, in sich selbst. Doch dem widerspricht Gabriel vehement. Eine Welt, die sich selbst enthalte, führe zu unendlichen Selbstinkorporationen, die letztlich sinnlos seien.

Ausgehend von den Konzepten der Welt und der Existenz führt Gabriels Argumentation über mutmaßliche Fehlurteile wie den Neurokonstruktivismus ("Alles ist ein Produkt des Gehirns") zu Religion, Kunst und dem Problem des Unendlichen. Ein denkbar weiter Bogen also. Dabei wechseln sich Begriffsdefinitionen mit anschaulichen Beispielen und bissiger Kritik ab, was die Lektüre kurzweilig macht.

Der Titel des Buchs, Sie ahnen es vielleicht, ist allerdings ein Schummel: Man müsste ihn mit Betonung auf "die" lesen, denn es geht Gabriel nicht darum, dass es nichts gäbe (diese Position hält er aus logischen Gründen für unhaltbar), sondern dass das Denken in absoluten, allumfassenden Kategorien wie "DIE Welt" aufs Glatteis führe. Die Gesamtheit dessen, was ist, tauche in keinem Sinnfeld auf – und sei mithin undenkbar.

Gabriels Ausführungen laden den Leser auf hintersinnige Weise dazu ein, selbst nachzudenken. An vielen Stellen beschleichen einen dabei Zweifel– etwa wenn der Philosoph schreibt, eine Behauptung, die "mit keiner unserer Erfahrungen in Einklang zu bringen ist", sei notwendig falsch. Soviel Urvertrauen in den Augenschein und die Verlässlichkeit unserer Wahrnehmung regt zum Widerspruch an. Das letzte Wort in Sachen Erkenntnistheorie hat also auch Gabriel (natürlich) nicht gesprochen. Doch immerhin ist sein "neuer Realismus" ein erfrischend mutiger und diskussionswürdiger Entwurf, der viele Anregungen vor allem von US-Philosophen aufnimmt. Dass auch Menschen, die das Denken nicht berufsmäßig betreiben, etwas davon mitnehmen, ist ein besonderes Verdienst dieses "Welterklärungsbuchs".