Rezension | 06.02.2013 | Drucken | Teilen

Potpourri des Wissenswerten

Was hat ein Kühlschrank mit der 7. Symphonie von Beethoven zu tun? Die Frage klingt seltsam – jedenfalls in Zusammenhang mit einem Buch, das uns "Mit Physik bis zur Grenze menschlicher Erkenntnis" führen will. Die Antwort ist trotzdem einfach: Es geht hier eben nicht allein um Physik, sondern auch um "kulturelle Errungenschaften" wie ein Musikstück – und eben den besagten Kühlschrank. Beides sind Ergebnisse menschlicher Kreativität. War Honerkamps Debüt "Die Entdeckung des Unvorstellbaren" der Physik und ihrer Entwicklung gewidmet, so geht es hier offenbar um mehr. Der Autor, emeritierter Professor für Physik der Universität Freiburg, behandelt auch Themen der Mathematik, Philosophie, Religion, Neurowissenschaft, Soziologie und Musik. Das Ganze ist entstanden aus Blog-Einträgen bei scilogs.de. Ist das 360-seitige Buch nun ein Sammelsurium oder gibt es einen Roten Faden?

Da ich bereits Honerkamps erstes Werk rezensiert hatte, war ich angesichts der Titelfrage "Was können wir wissen?" gespannt. Bekanntlich haben Naturwissenschaftler sie in der Vergangenheit sehr unterschiedlich beantwortet. Laplace hätte sicher gesagt "alles", glaubte er doch aufgrund der Erfolge der Newtonschen Physik, dass die Welt im Ganzen mechanisch erklärbar und deterministisch sei. Und zum Ende des 19. Jahrhunderts war man nach den Erfolgen der Klassischen Mechanik und Elektrodynamik überzeugt, alles in der Physik entdeckt zu haben und es zukünftig allenfalls noch um Nachkommastellen ginge. Mit der Relativitäts- und Quantentheorie wurde dieses Weltbild aber komplett über den Haufen geworfen. Die quantenmechanische Unbestimmtheit lehrt uns, was wir (ohne Messung) über die Objekte des Mikrokosmos wissen können: nichts! Und in der Relativitätstheorie setzt die endliche Lichtgeschwindigkeit eine unüberwindliche Grenze der Erkenntnis. Wir schauen dadurch immer in die Vergangenheit, eine universelle Gegenwart ist nicht erfahrbar, ebenso wenig wie absolute Gleichzeitigkeit. Auch die Chaostheorie hat gezeigt, dass bereits einfache Dinge sich praktisch unvorhersehbar verhalten, von komplexen Systemen ganz zu schweigen.

Das Buch ist reich gegliedert: Es gibt vier Teile mit insgesamt 42 Kapiteln, jedes nochmals in etwa fünf Abschnitte unterteilt. Da es sich ursprünglich um Blogeinträge handelt, kann man die Kapitel auch unabhängig voneinander lesen. Das hat allerdings zur Folge, dass vieles wiederholt dargestellt wird. Komplexe Inhalte in unterschiedlichen Versionen vorgesetzt zu bekommen, mag für erfahrene Leser vielleicht etwas ermüdend sein, der Neuling kann davon aber durchaus profitieren. Der Stil ist flüssig, die Sprache verständlich. Auf Abbildungen wurde (bis auf einige, die den Autor in seinem Arbeitszimmer zeigen) verzichtet. Da die Aussagen klar und kompetent rüberkommen, ist dies aber kein Mangel.

In der Anordnung der Texte ist ein Weg erkennbar. Er reicht von handfester Physik in den ersten beiden Teilen – hier geht es hauptsächlich um Raum-Zeit, Quanten und Statistische Physik – über Mathematik und Wissenschaftstheorie (Teil 3) bis hin zu Philosophie (Teil 4), Kultur und Religion (Teil 5). Klar dargestellt ist der abnehmende Grad sicherer Erkenntnis. Unproblematisch ist die Sache dort, wo es um physikalische Theorien und Experimente geht; hier werden auch immer wieder die geschichtlichen Zusammenhänge zitiert. Das ist Honerkamps Domäne, und hier lässt der Autor keinerlei Zweifel an den Errungenschaften der Physik und der Überlegenheit ihrer Methoden gegenüber anderen Wissenschaften aufkommen.

Das wird vor allem in der nachfolgenden Darstellung der Philosophie deutlich. Er hält sie, wenn es um physikalische Objekte und Vorgänge geht, für reine Spekulation. So können "Erkenntnisse", wie etwa die Vorstellung von Atomen bei den alten Griechen, nur aus der Phantasie entspringen. Ein Vorausahnen der realen Zusammenhänge grenzt, ohne jedes Experiment, an Esoterik. Bei der Mathematik, der "Sprache der Physik", verhält es sich anders. Der Autor sieht sie als kreative Schöpfung des Menschen, stellt aber die Frage, warum sich die Natur dann an mathematische Gesetze hält – ein spannendes Thema. Ebenso interessant ist die Frage, warum sich in der "Welt der mittleren Dimensionen" Eigenschaften zeigen, die im Mikrokosmos so nicht vorhanden sind, wie etwa Temperatur und Druck. Hier geht es um Emergenz, ein Lieblingsthema des Autors. Es erscheint auch im Zusammenhang mit der Neurowissenschaft und der Frage nach dem Bewusstsein. Wie hält es Honerkamp schließlich mit der Religion, das Thema der letzten Kapitel? Hier legt der Autor sich nicht klar fest, obwohl eine kritische Haltung durchscheint.

Fazit: Das handliche Buch enthält viele spannende Themen. Es ist kein Sammelsurium, man kann fast überall einsteigen und macht einfach Spaß – selbst wenn man vielleicht nicht alle Ansichten des Autors teilt. Stoff für anregende Diskussionen liefert "Was können wir wissen" allemal. Man darf schon auf ein drittes Werk gespannt sein.

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