Aus eigener Erfahrung muss ich sagen, dass auf Partys und Feiern aller Art die Beantwortung der Frage, "Und, was machst du so?" mit "Ich bin Physikerin" nicht so gut ankommt. Meist folgt nämlich die Feststellung des Fragers, in der Schule ganz fürchterlich schlecht in Physik gewesen zu sein. Irgendwann folgen sie dann aber doch, die tatsächlich wichtigen Fragen: Wie war das eigentlich wirklich mit dem Urknall? Was kam davor? Ist Licht nun eine Welle oder ein Teilchen? Was ist das Higgs-Boson? Warum benötigt man für all das die Mathematik? Und wie kann man sich überhaupt sicher sein, dass all die schönen Theorien stimmen und die Wirklichkeit nicht doch ganz anders ausschaut?

Nun ist es in einer solchen Situation kaum angebracht, seinem Gegenüber statt einer Antwort ein Buch zu geben – wenn es aber trotzdem ein Buch sein müsste, wäre man mit "Was können wir wissen?" sicher nicht schlecht beraten. Es ist kein populärwissenschaftliches Physikbuch im klassischen Sinne, denn es ist entstanden aus den Blogeinträgen von Josef Honerkamp, einem theoretischen Physiker. In seinem Blog "Die Natur der Naturwissenschaften" beschäftigt er sich mit Themen aus der Physik, aber auch, wie physikalische Erkenntnisse überhaupt gewonnen werden und wie verlässlich das Wissen an sich überhaupt ist.

Die Beschäftigung mit dem Wissen an sich ist es auch, welche die verschiedenen Kapitel im Buch vereint, die in fünf Teilen zusammengefasst sind. Während der erste Teil eher klassische Konzepte und Theorien aus der Physik beleuchtet, wie zum Beispiel den Urknall, die Natur von Quanten oder Einsteins Formel E = m c2, geht es im zweiten Teil eher um übergreifende Konzepte aus der Physik: Um emergente Phänomene etwa, also um Systeme, in dem das Ganze mehr als die Summe seiner Teile ist, um den Informationsbegriff in der Physik oder um den Zufall.

Die restlichen Teile beschäftigen sich weniger mit konkreten Themen aus der Physik, sondern mit den Methoden, die zum Erkenntnisgewinn angewandt werden: So beantwortet Honerkamp die Frage, warum Gesetzmäßigkeiten der Natur überhaupt mathematisch erfasst werden können, oder welche Rolle die Evolution bei all dem spielt. Um Wege zum verlässlichen Wissen im weitesten Sinne geht es in den beiden letzten Teilen des Buchs, die sich übergreifend mit verschiedensten Thematiken beschäftigen: Sie behandeln das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Technik, aber unweigerlich auch die Frage nach Gott, und die Schönheit von physikalischen Theorien an sich. An dieser Zusammenfassung wird klar, dass das Buch auf Blogeinträgen basiert; es ist also ein Sammelsurium aus Ideen, Konzepten und Themen. Somit verwundert es nicht, wenn sich manche Inhalte wiederholen. Das fällt aber nicht weiter ins Gewicht, denn "Was können wir wissen?" ist kein Buch, das von vorne bis hinten in der richtigen Reihenfolge durchgelesen werden muss.

Man kann sich die Kapitel einzeln heraussuchen, die einen besonders ansprechen, denn jedes steht unabhängig für sich – besonders empfehlen möchte ich hier übrigens "Gefühle eines Physikers beim Lesen eines philosophischen Artikels", oder "Realität und Nichtseparabilität in Quantenmechanik und Buddhismus". Wer ein Lesebuch sucht, das klar und ansprechend formulierte Gedanken zur Physik und über sie hinaus enthält, das Altbekanntes in einen neuen Zusammenhang stellt und zum Nachdenken anregt, dem sei dieser Titel wärmstens empfohlen. Und als Gesprächsstoff auf Partys und Feiern eignet er sich auch ganz hervorragend.