Jedes Jahr stellt der prominente Literaturagent John Brockman den Mitgliedern des von ihm gegründeten "Reality Club" – sämtlich renommierten Wissenschaftlern – eine Frage von gesellschaftlichem Interesse; die Antworten pflegt er dann in einem Buch zusammenzufassen. Im Jahr 2011 war es die Frage: "Welcher wissenschaftliche Begriff würde den kognitiven Werkzeugkasten eines jeden bereichern?"

Bei der Liste hochrangiger Autoren mag die Erwartung aufkommen, hier würde einem die geballte Weisheit mit Löffeln serviert. Mit durchschnittlich zweieinhalb Seiten kommen die kognitiven Happen auch durchaus mundgerecht daher – aber teilweise erstaunlich banal. "Wir müssen unser Leben als Experiment betrachten", fordert etwa der Kognitionswissenschaftler Roger Schank.

In dieselbe Kerbe schlägt Richard Dawkins, Autor von "Der blinde Uhrmacher" und "Das egoistische Gen". Er wird allerdings etwas präziser und wünscht sich, dass kontrollierte Doppelblindversuche in den Schulen künftig zur Grundausbildung gehören. Mit dieser Maßnahme will er dem in Amerika weit verbreiteten Glauben an Geister und Astrologie Einhalt gebieten.

Viele Autoren greifen ein spezielles Konzept aus der Wissenschaft heraus und plädieren dafür, dieses in den Köpfen der Menschen besser zu verankern; so der Psychologe Brian Knutson aus Stanford für die Replizierbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse und seine Fachkollegin Diane F. Halpern für den Begriff des statistisch signifikanten Unterschieds.

Nicht wenige setzen sich kritisch mit unserer wissenschaftsbasierten Sicht auf die Welt auseinander. Nach dem bisherigen Verlauf der Wissenschaftsgeschichte könne man davon ausgehen, so die Journalistin Kathryn Schulz, "dass die meisten Theorien, die wir für alle möglichen Wissensbereiche haben, falsch sind."

Der Physiker Garrett Lisi weist darauf hin, dass wir sehr viel damit gewinnen würden, wenn wir Risiken besser einschätzen könnten. So haben wir mehr Anlass, einen Zuckerkrapfen zu fürchten als einen Spinnenbiss. Wenn sich diese Einsicht durchsetzen würde, könnten wir wahrscheinlich unseren Appetit besser zügeln und damit unser Diabetesrisiko vermindern.

Auf den letzten 100 Seiten kommt auch die Minderheit jener Autoren zu Wort, die sich an die Grenzen unseres Geistes heranwagen. Gleich zwei von ihnen, der Physikprofessor Stephon J. Alexander und die "New Scientist"-Redakteurin Amanda Gefter, wählen den Begriff "Dualitäten". Damit weisen sie darauf hin, dass man häufig erst dann einen guten Blick für das große Ganze bekommt, wenn man dieses von zwei unterschiedlichen Standpunkten heraus betrachtet hat, die zunächst sogar widersprüchlich erscheinen. Klassisches Beispiel ist der Teilchen-Welle-Dualismus aus der Quantenmechanik, der in der Tat jedermanns Vorstellungsvermögen bis an seine Grenzen fordert – zumindest bei der ersten Begegnung.

Auf Werkzeuge zur Steigerung der geistigen Kapazität, die außerhalb des eigenen Verstands liegen, wie etwa neurostimulierende Medikamente, kommt niemand zu sprechen. Das überrascht auf den ersten Blick und beruhigt auf den zweiten: Dass wir mit unseren natürlichen Fähigkeiten zur Hirnakrobatik unseren Geist zumindest für die absehbare Zukunft fit halten können, scheint offenbar Konsens.

Indem John Brockman die 150 Beiträge thematisch sortiert präsentiert, bietet er durchaus mehr als ein Sammelsurium teils intelligenter, teils kreativer und teils lapidarer Essays über die kognitiven Werkzeuge des Menschen. Der inhaltliche Bogen erstreckt sich von der Wissenschaftstheorie über Biologie, Psychologie und Physik bis hin zur Wirtschaft und zur Informationstechnologie. Dank der unglaublichen Zahl an Ideen und Konzepten, die in dem Band zusammenkommen, findet sicherlich jeder etwas für seinen persönlichen intellektuellen Appetit.

Allerdings sind viele der hier angerissenen Gedankengänge zu komplex für die zwei bis drei Seiten, die jedem Beitrag zur Verfügung standen. Die Autoren haben gleichwohl durchweg gut verständliche Texte abgeliefert, um den Preis, dass viele gute Ansätze zu knapp dargestellt sind, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Hier wird der Appetit des Lesers zwar geweckt, aber nicht gestillt – was dem Literaturagenten Brockman durchaus recht sein kann. Man kann diesen Sammelband auch als eine Werbung sehen: für die Bücher, in denen die allermeisten unter den hier vertretenen Autoren ihre Ideen in dem gebotenen Umfang ausbreiten – und darüber hinaus für die Wissenschaft und das eigenständige Denken.