Irgendetwas stimmt nicht. Der immense technische Fortschritt der letzten Jahrzehnte brachte dem Menschen zwar jede Menge materieller Annehmlichkeiten. Und noch nie gab es so viel empirisches Wissen, das niemals zuvor für so viele Menschen so leicht zugänglich war wie heute. Trotzdem sind die Menschen nicht glücklicher geworden, geschweige denn zuversichtlicher. Dafür nehmen Stress, Depressionen und durch Angst bedingte psychosomatische Erkrankungen in den hochentwickelten Industrienationen ständig zu. Wieso das so ist, und wie es uns gelingen kann, aus dem, was wir sind, zu dem zu werden, was wir sein können, erklärt Gerald Hüther in seinem neuen Buch.

Wir hätten uns im Gestrüpp der von uns selbst geschaffenen Lebens- und Vorstellungswelten verrannt, meint der Göttinger Neurobiologe. Er beschreibt mit soziologischer Expertise die Sackgasse, in die sich die Menschen der westlichen Welt auf ihrer Suche nach einem besseren Leben seit der Aufklärung hinein manövriert haben. Die erst vor wenigen Jahrhunderten aufgekeimte und dann lauthals verkündete Hoffnung, der Mensch sei mit Hilfe seines Verstands und rationaler Entscheidungen in der Lage, Krieg und Elend, Not und Leid und sogar seine Ängste und Krankheiten zu überwinden, hat sich nicht erfüllt. So stellt sich erstmals seit Beginn der Aufklärung die Frage, ob der Mensch gut beraten ist, wenn er sich allein auf seinen Verstand verlässt. Das Zeitalter der nackten Vernunft geht zu Ende – und zwar kleinlauter, als es begonnen hatte.

Nur leider haben noch immer viele Führungskräfte das aus dem vorigen Jahrhundert stammende Menschenbild einer auf maximale Ressourcenausnutzung orientierten Gesellschaft im Kopf. Da werden Dressurmethoden eingesetzt, Konkurrenz geschürt, Fachidioten ausgebildet, Abhängigkeiten erzeugt und klare Hierarchien und Karriereleitern aufgebaut. Und es werden ständig neue Maßnahmen, Regeln und Kontrollverfahren eingesetzt und möglichst viel Druck erzeugt, damit man den Wettkampf um die noch verfügbaren Ressourcen gewinnt. Kurzfristig mag das auch heute noch gelegentlich funktionieren, langfristig führt das aber in die Sackgasse. Denn überall dort, wo Angst geschürt, Druck gemacht, genau vorgeschrieben und peinlich überprüft und kontrolliert wird, wo Mitdenken nicht wertgeschätzt und eigene Verantwortung nicht übernommen werden kann, geht der Innovationsgeist der Menschen verloren. Dann kommt es zunehmend zu Frustrationshaltungen und Resignation.

Der Neurowissenschaftler Hüther beschreibt in einem leicht verständlichen und unterhaltsamen Stil, der gänzlich ohne komplizierte Fachtermini auskommt, wie die Routine der gegenwärtigen Erwerbsarbeit Spuren in das Gehirn gräbt und uns um das bringt, was uns zum Menschen macht: die Freiheit, Dinge für wichtig zu halten, die für das eigene Überleben und die Reproduktion nicht erforderlich sind. Das Gehirn funktioniert dann zwar noch, entwickelt sich aber nicht weiter. Dadurch verschenken wir das ungeheure Potenzial des plastischen Organs, das sich nicht nach dem Diktat der genetischen Anlagen entwickelt, sondern so wird, wie und wofür wir es mit Begeisterung nutzen. Geht die Begeisterungsfähigkeit verloren, kommt es zum Stillstand.

Der Forscher plädiert deshalb für einen Wechsel von einer Gesellschaft der Ressourcenausnutzung zu einer Gesellschaft der Potenzialentfaltung. Statt in einer Kultur von Leistungsdruck, Wettbewerb, Stress und Angst die Begeisterung und Kreativität zu verlieren, könnten wir unsere Fähigkeiten entwickeln und neugierig, entdeckerlustig und lebensfroh sein. Potenziale sind im Überfluss vorhanden, wie die Neurowissenschaft lehrt. Wer sich weiterentwickeln will, muss allerdings in Beziehungen denken und in Beziehungsfähigkeit investieren, meint der Autor. Das sei das Geheimnis der Kunst des miteinander und aneinander Wachsens. Erreichen ließe sich das aber nur durch die Wertschätzung des anderen als einzigartige Persönlichkeit.

Nach Ansicht des Autors werden nicht länger Menschen gebraucht, die fast so gut wie Maschinen funktionieren, sondern solche, die mitdenken, mitgestalten, sich einbringen, die Fehler machen und daraus lernen und die mit anderen gemeinsam nach neuen Lösungen suchen. Glücklich sind Menschen nur, so Hüther, wenn sie Gelegenheit bekommen, ihre beiden Grundbedürfnisse nach Verbundenheit und Nähe einerseits und nach Autonomie und Freiheit andererseits zu stillen. Dann können sie gemeinsam mit anderen über sich hinauswachsen. Wer möchte, dass Menschen frei werden, muss Lebensbedingungen schaffen, die souveräne und authentische Persönlichkeiten formen.

Was Hüther in seinem Buch sucht, ist nicht das Geheimnis des Erfolgs, sondern das Geheimnis des Gelingens. Das Besondere an diesem Geheimnis ist, dass man es im Grunde nicht beschreiben kann. Es offenbart sich nur dem, der offen dafür ist, es zu erspüren. Und das kann nur gelingen, wenn man nicht nach fertigen Rezepten sucht. Die wird der Leser in diesem Buch auch nicht finden. Denn der Hirnforscher möchte lediglich dazu ermutigen, sich gegenseitig zu inspirieren, all das zu entdecken, was es in dieser Welt zu entdecken gibt. Und er ermutigt den Leser dazu, etwas aus seinem Leben zu machen. Man muss nicht, aber man kann, wenn man will. Denn an dem Gehirn liegt es nicht, dass man glaubt, so weitermachen zu müssen wie bisher.