Es soll bekanntlich Frauen geben, die ihrem Partner beim Sex einen Orgasmus vortäuschen. Manche wollen damit die Angelegenheit schnell zu Ende bringen, manche den Partner nicht enttäuschen. Das Schauspiel ist für diesen schwer zu durchschauen. Beim Mann ist die Sache dagegen klar: Er ejakuliert – und hat damit seinen evolutionsbiologisch vorgegebenen Auftrag erfüllt. Im Gegensatz dazu scheint der weibliche Orgasmus eine nutzlose Erfindung der Natur zu sein. Doch ist er das wirklich?

Wer erst einmal anfängt, nach dem evolutionsbiologischen Sinn von sexuellen Phänomenen bei der Frau zu fragen, trifft bald auf weitere Rätsel. Welche Rolle spielt die kurvenreiche Form des weiblichen Körpers, der unsichtbare Eisprung und die Menopause? Warum fällt die Monatsblutung bei Homo sapiens erheblich stärker aus als bei anderen Primatenweibchen? An fünf Beispielen stellen der Biologe und Psychologe David P. Barash und seine Frau, die Psychiaterin Judith E. Lipton, die große Sinnfrage. Und fünfmal stellen sie mögliche Antworten sowie deren Belege zur Diskussion.

Erklärungen auf der Ebene von Biomolekülen halten sie für Faktenhuberei; die Autoren suchen stets eine evolutionsbiologische Bedeutung. Die Menstruation etwa könne ein soziales Signal sein. Es teile den Geschlechtsgenossinnen mit, dass ein Mädchen geschlechtsreif ist und in den Kreis der Frauen aufgenommen werden soll. Einer anderen Annahme zufolge diente die Blutung in der Steinzeit dazu, Männer abzuschrecken, damit sie auf die Jagd gehen. Kamen sie einige Tage später mit der Beute zurück, hatte die Frau ihre fruchtbaren Tage erreicht und bot zur Belohnung Sex an, so die skurrile Hypothese.

Andere Ansichten finden schon eher die Zustimmung der Autoren. So könnte die Monatsblutung helfen, Krankheitserreger auszuschwemmen. Oder ist es schlichtweg effizienter, wenn der Körper die Gebärmutterschleimhaut immer wieder neu aufbaut und nicht ständig empfangsbereit hält? Am meisten unterstützen Barash und Lipton die Embryo-Eignungstest- Hypothese. Demnach habe die Evolution die Menstruation entwickelt, damit die Frau Embryonen, die das Überleben der Art nicht gewährleisten, wieder abstößt und sich an ihrer Stelle neue befruchtete Eizellen einnisten können.

"Evolutionsbiologische Detektivgeschichten" nennen die Autoren ihre Suche nach den Ursachen der weiblichen Mysterien. Und das trifft es ganz gut: Der Leser verfolgt die Wissenschaftler dabei, wie sie Indizien auswerten, Hypothesen überprüfen, Hinweisen nachgehen, alle Erkenntnisse abwägen und sich schließlich für eine Hypothese entscheiden. Anders als im Krimi finden die Detektive aber keine Beweise, sondern bestenfalls gute Indizien. Somit gehen Barash und Lipton nicht davon aus, dass sie immer die wahre Ursache entdecken, sondern entscheiden sich für die wahrscheinlichste, die sinnvollste oder überzeugendste Alternative.

Dabei schließen sie einen Irrtum nicht aus, denn Wissenschaft sei immer nur vorläufig. Die Autoren fordern ihre Leser zu gesundem Misstrauen auf – egal wie plausibel die Antworten klingen, die sie gerade präsentieren.

Welchen Sinn der Orgasmus der Frau oder die weiblichen Kurven nun tatsächlich haben, wird an dieser Stelle nicht verraten. Bei einem Krimi darf man schließlich auch nicht ausplaudern, wer der Mörder ist.