Rezension | 22.02.2014 | Drucken | Teilen

Parade der besten Ideen

Romeo liebt Julia, und Julia liebt Romeo. Und das, obwohl er ein Montague und sie eine Capulet ist und sich beide Familien bis auf den Tod hassen. Was unmöglich erscheint, wird wahr, weil der Geist des Menschen aus spezialisierten Einzelteilen oder Modulen besteht, die mehr oder weniger unabhängig voneinander arbeiten. Während ein Teil dafür zuständig ist, sich mit der eigenen Gruppe zu identifizieren und die Feindseligkeit gegenüber Außenstehenden zu pflegen, ist ein anderer auf persönliche Beziehungen spezialisiert. Zwar sammeln beide fleißig Informationen über Menschen, sie verarbeiten diese aber auf verschiedene Weise. Daher kann es passieren, dass sie einander widersprechende Signale aussenden – wie im Fall des wahrscheinlich berühmtesten Liebespaares der Literaturgeschichte.

Die Theorie des modularen Geistes ist laut dem vorliegenden Buch eines der brillantesten Gedankengebäude unserer Zeit. Der Autor John Brockman, amerikanischer Literaturagent, gibt die Internetpublikation "Edge" heraus, über die namhafte Wissenschaftler und Künstler ihre Ideen austauschen. Jedes Jahr stellt Brockman den Denkern eine Frage, die unkonventionelle Antworten provozieren soll. Im Jahre 2012 lautete sie sinngemäß: Welches ist für Sie das tiefgründigste, eleganteste oder schönste Erklärungsmodell aus der Wissenschaft? Aus etwa 200 eingegangenen Antworten stellte Brockman die 148 Essays dieses Buchs zusammen. Sie behandeln unterschiedliche Konzepte aus Physik, Biologie, Philosophie, Mathematik, Psychologie und Wirtschaft.

Trotz der immensen thematischen Vielfalt haben alle vorgestellten Entwürfe eines gemeinsam: die Absicht, vielschichtige und komplexe Phänomene mit einfachen Prinzipien zu erklären. Natürlich fallen einem hier sofort Namen wie Charles Darwin (1809-1882) ein, der mit seiner bahnbrechenden Evolutionstheorie die Sicht auf die Welt veränderte – folgerichtig wird sie im Buch behandelt. Auch das Doppelhelix-Modell der DNS von James Watson und Francis Crick sowie die spezielle Relativitätstheorie von Albert Einstein tauchen auf. Das Buch geht aber auch auf weniger bekannte Ideen ein, etwa die des modularen Geistes. Diese Abschnitte sind es, die das Werk erst richtig interessant machen.

Der eine oder andere Essay ist für Laien schwer verständlich, die meisten Texte präsentieren sich aber als leicht verdaulich und unterhaltsam. Kein Beitrag ist länger als vier Seiten. Der kürzeste Essay besteht sogar nur aus drei Wörtern: "Fasse Dich kurz." Er bringt eine Idee aus der Philosophie auf den Punkt – die von Ockhams Rasiermesser. Sie besagt, dass man bei der Bildung von wissenschaftlichen Theorien sparsam sein sollte: Hat man die Wahl zwischen mehreren möglichen Erklärungen desselben Sachverhalts, ist die einfachste Theorie vorzuziehen – das heißt diejenige, die mit möglichst wenigen Hypothesen auskommt. Die Straffheit der Beiträge macht das Buch auch dann zur gewinnbringenden Lektüre, wenn man eben nur mal zehn Minuten Zeit zum Lesen hat.

Etwas irreführend ist der Titel des Buchs, denn natürlich erfahren die Leser nicht, wie die Welt funktioniert, sondern bekommen Thesen und Theorien zu spezifischen Phänomenen vorgestellt. Das mindert aber nicht den Lesegenuss. Die Zusammenstellung der genialen, teils sogar atemberaubenden Ideen lässt sich allen empfehlen, die an Wissenschaft interessiert sind.

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