Spätestens auf Seite acht beschleicht den Leser das Gefühl, dass die Debatte über den freien Willen in den vergangenen Jahren anders verlaufen wäre, wenn sich alle Beteiligten vorher ein wenig in die Philosophie eingelesen hätten. Falls es an einem Handbuch gefehlt haben sollte, hier ist es: Der Philosoph Geert Keil skizziert bereits auf den ersten 14 Seiten seines neuen Bands kompakt und verständlich die wichtigsten Positionen. In vertiefenden Kapiteln beleuchtet der Autor dann, in welchen zentralen Punkten sich die Betrachtungsweisen voneinander unterscheiden und in welchen sie übereinstimmen.

Aha-Erlebnis Nummer eins: Philosophen diskutierten schon lange nicht mehr darüber, ob Freiheit und Determinismus einander grundsätzlich ausschließen. Viel wichtiger ist die Frage, wie und in welchem Maße sie sich vereinbaren lassen. Was dem Laien also erst einmal unmöglich erscheint, halten viele Denker für abgemacht: dass auch in einer zumindest teilweise deterministischen Welt – bestimmt durch Naturgesetze – freie Entscheidungen möglich sind.

Es ist also gar nicht so, wie die klassischen Experimente von Benjamin Libet (1916 – 2007) nahelegen. Der Physiologe hatte Anfang der 1980er Jahre herausgefunden, dass das Gehirn offenbar "entscheidet", einen Finger zu heben, bevor der betreffenden Person die Absicht bewusst wird. Daraus schlossen und schließen noch heute manche Wissenschaftler, dass es keinen freien Willen gibt. Doch vor dem Hintergrund des philosophischen Diskurses erscheint das so abwegig und vereinfachend, dass es Keil "schwerfällt, hier nicht sarkastisch zu werden".

Libets Experiment taucht denn auch in seinem Buch überhaupt erst im letzten Kapitel auf. Keil platziert es dort, wo es hingehört: ans Ende einer langen Reihe von philosophischen Überlegungen über den freien Willen, die (mindestens) bei Aristoteles begannen. Im letzten Kapitel legt er diese Debatte auf den Seziertisch und arbeitet ihre Fehl- und Kurzschlüsse fein säuberlich heraus.

Wer dieses Buch liest, kann mit Vergnügen mitdenken. Das Ganze ähnelt einer Denksport-Aufgabe: Was ist denn nun eigentlich Ursache und Wirkung, was bedeuten Determinismus und Freiheit? Keils Kredo: Nur weil Neuronen feuern, bevor ein Finger zuckt, heißt das noch lange nicht, dass unsere Welt vollkommen vorhersehbar ist.

Es empfiehlt sich unbedingt, die Einleitung zuerst zu lesen, denn sie erklärt alle Fachbegriffe und nimmt sperrigen Kapitelüberschriften wie "Skizze eines fähigkeitsbasierten Libertarismus" ihre abschreckende Wirkung. Nur manchmal geht der Philosophenjargon mit dem Autor durch, wenn er zum Beispiel Ausdrücke wie "semantisch opak" verwendet, die dem Laien, nun ja, semantisch opak erscheinen – also schwer verständlich.

Trotzdem ist Keils Buch ein gelungenes Beispiel für ein Überblickswerk, das zeigt, dass Philosophen mehr tun als einfach nur wild herumzuspekulieren – ein Vorurteil, das bei vielen Äußerungen von Naturwissenschaftlern mehr oder minder deutlich mitschwingt. Notabene: Probleme zu durchdenken, Begriffe zu klären und eine theoretische Diskussion zu führen lohnt sich.