Mit dem Konzept der so genannten Work-Life-Balance unterscheiden wir in etwas bemühter Modernität zwischen dem Pflichtteil unseres Daseins (der Arbeit) und den schönen, selbstbestimmten Stunden (der Freizeit). Diese Trennung sei eine künstliche, meint Thomas Vašek. Denn Arbeit sei auch Lebenszeit – und könne genauso erfüllen wie Muße. Vašek plädiert nicht für weniger, sondern für mehr gute Arbeit.

Sofern der Job uns Sinnhaftigkeit, Freude und Anerkennung vermittle und zugleich hinreichend entlohnt würde, mache es nichts, wenn die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit immer mehr verschwimmen. Es werde ohnehin zur Normalität, dass wir im Urlaub dienstliche Telefonate führen, E-Mails nach Feierabend beantworten und auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier noch schnell einen Auftrag erledigen. Das Positive daran sei, dass wir auch mal früher nach Hause gehen und Eltern sich flexibler um ihre Kinder kümmern könnten. Eine "feindliche Übernahme" von Freizeit durch den Job gibt es laut Vašek nicht, und mit der richtigen Einstellung könnten wir einsehen, dass Arbeit für ein glückliches Leben unabdingbar sei.

Zwischen den Zeilen hört man deutlich das Credo heraus, wonach glücklich, reich und erfolgreich wird, wer das tut, was er liebt. Doch wie schöpferisch und erfüllt ist wohl die Tätigkeit einer Supermarkt-Kassiererin? Nach dem Verständnis des Autors hat sie keine "gute Arbeit", sofern sie ihrem Job rein zweckorientiert nachgeht, etwa um mit ihren Kindern nicht auf Hartz IV angewiesen zu sein. "Wie langweilig, wie eintönig, wie opportunistisch" – und nicht auch ein wenig anmaßend von Ihnen, Herr Vašek? Zwar betont der Autor, dass er seine Tätigkeit als Chefredakteur des Philosophie-Magazins "Hohe Luft" nicht mit der einer Putzkolonne vergleichen könne, tut es dann aber doch.

Vašek Erörterungen klingen mitunter wie Rufe aus dem Elfenbeinturm. Natürlich ist es schön, wenn man in seinem Job aufgeht und sich nicht jeden Morgen aufs Neue überwinden muss, zur Arbeit zu gehen. Aber es ist eben ein Privileg und nicht unbedingt der Normalfall. Mehrfach betont der Autor, gute Arbeit müsse auch gut bezahlt werden; nur weil man etwas liebe, heiße das nicht, dass man dafür ausgebeutet werden dürfe. Wer wollte da nicht zustimmen?

Sicher hat Vašek recht damit, dass die Arbeitswelt bewegter und unübersichtlicher wird und von Mitarbeitern mehr und mehr Engagement an Feierabenden und Wochenenden verlangt. Wer Arbeit als Lebenszeit begreift, kommt damit gewiss besser zurecht als jemand, der sie strikt von der Freizeit trennt. Aber es ist eben auch wichtig, sich das Recht auf einen Feierabend zu erkämpfen – darauf, nicht ständig erreichbar sein zu müssen und auch einmal nicht im Interesse der Firma oder des beruflichen Weiterkommens zu handeln. Dies spricht der Autor leider nicht an.

Vašek will verschiedene Arbeits- und Gesellschaftskonzepte aus philosophischer Perspektive beleuchten und einen Überblick über den historischen Wandel der Arbeitswelt vermitteln, von der Antike, in der alle nicht-schöngeistige Arbeit verpönt war, über Hegels Theorie der "Verdinglichung" bis zur Fließbandarbeit. Auch Exoten wie die "digitalen Bohèmes" und die "glücklichen Arbeitslosen" stellt er vor. Zudem befasst er sich mit der alten Debatte über ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das könnte in der Gesamtschau durchaus ein rundes Bild ergeben, tut es aber nicht. Zu viele Sichtweisen und Aspekte versucht der Autor unter einen Hut zu bringen. Die logische Argumentationsfolge, die auf seine Kernthese hinführt, bleibt da auf der Strecke.