Unser Schlaf-Wach-Rhythmus

Unsere heutigen Schlafgewohnheiten unterscheiden sich erheblich von denen in vorindustrieller Zeit. Den »honigschweren Tau des Schlummers« zu genießen, wozu Shakespeare in »Julius Caesar« aufforderte, besteht anscheinend kaum noch Gelegenheit – wir erstreben, arbeiten und erwarten immer mehr, vernachlässigen dabei den Schlaf. Die Nacht in Beschlag zu nehmen hat unerwartete negative Folgen für die körperliche wie seelische Gesundheit. Wenn sich dies fortsetzt, dürften weite Teile unserer Gesellschaft einer unheilvollen Zukunft entgegensehen.

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Nature Reviews Neuroscience
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Über Jahrhunderte wurde der Schlaf einfach als vorübergehendes Einstellen der Wachaktivität angesehen. Heute begreifen wir ihn als komplexe und hoch organisierte Abfolge physiologischer und verhaltensbiologischer Stadien und Prozesse. Im Durchschnitt verbringen wir etwa 30 Prozent unserer Lebenszeit schlafend, ohne viel Ahnung weshalb. Dieses Unwissen ist vermutlich der Hauptgrund dafür, dass unsere Gesellschaft den Schlummer so wenig achtet. Bestenfalls nehmen wir den Umstand, schlafen zu müssen, einfach hin. Schlimmstenfalls sehen wir in ihm ein Übel, das bekämpft werden muss. Diese Ansicht ist so gefährlich wie unhaltbar. Immunabwehr, kognitive Leistung und psychische Gesundheit werden durch Schlafen und unsere circadianen Rhythmen beeinfl usst. Eine gestörte Schlaf-Wach-Schiene zieht ein breites Spektrum miteinander verquickter krankhafter Erscheinungen nach sich, darunter verminderte Vigilanz und Gedächtnisleistung, schlechtere geistige und körperliche Reaktionsfähigkeit sowie Motivationseinbußen, ferner Depressionen, Schlaflosigkeit, Stoffwechselfehlfunktionen, Adipositas, Abwehrschwäche und sogar ein erhöhtes Krebsrisiko. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen diesen Problemen und wie unsere Gesellschaft ihr Leben in neuerer Zeit organisiert.

Mit der Einführung künstlicher Beleuchtung und der Umstrukturierung der Arbeitszeiten hat sich unsere Spezies zunehmend vom natürlichen Hell-Dunkel-Rhythmus abgekoppelt. Lange Arbeitszeiten und Schichtarbeit sowie die 24-stündige Verfügbarkeit von fast allem ließen den Schlaf in unserer Prioritätenliste zurückfallen. In einer Rund-um-die-Uhr-sieben-Tage-die-Woche-Gesellschaft, mit ihrem neuen Wachheitsanspruch, verlangen viele Arbeitgeber von ihrem Personal, im unnatürlichen Takt der Schicht zu arbeiten und zu jeder Tages- und Nachtzeit gleich leistungsfähig zu sein. Doch der von außen aufgezwungene Rhythmus kollidiert mit den Grundfesten unserer Biologie und ist alles andere als optimal für unsere Gesundheit. Um Müdigkeit und Schlaflosigkeit zu bekämpfen, geraten wir in einen Teufelskreis von Stimulanzien und Beruhigungsmitteln. Tagsüber putscht man sich mit stimulierenden Substanzen wie Koffein und Nikotin auf, abends beruhigt man sich mit sedierenden Substanzen wie Schlafmitteln und Alkohol. Am nächsten Morgen sind dann wieder Stimulanzien vonnöten, um die Nachwirkungen von Sedativa und beeinträchtigtem Schlaf zu kompensieren. Zahlreiche Medikamente wurden eigens entwickelt, um Schlaf und Aufmerksamkeit zu manipulieren, um den Jetlag zu bekämpfen und um »metabolisch dominante« Soldaten zu schaffen – Krieger, die sieben Tage die Woche rund um die Uhr im Einsatz sein können...


Den vollständigen, insgesamt achtseitigen Artikel mit Grafiken finden Sie gedruckt in Spektrum der Wissenschaft 08/2005. Eine PDF-Version steht Abonnenten von spektrumdirekt und Spektrum der Wissenschaft frei zur Verfügung (siehe Box oben). Nicht-Abonnenten können ihn für 1,00 Euro über unseren Partner firstgate erhalten.



Die Autoren

Russel Foster ist Professor für molekulare Neurowissenschaften an der Medizinischen Fakultät des Imperial College in London (Großbritannien) und arbeitet am Charing Cross Hospital. Sein Forschungsinteresse richtet sich auf die molekularen und physiologischen Mechanismen, die den Schlaf und andere circadiane Verhaltensweisen hervorbringen und regeln. In Anerkennung für seine Entdeckung einer unbekannten Form der okulären Photorezeption, die ohne Zäpfchen und Stäbchen auskommt, erhielt er 1997 den japanischen Honma Preis, 2000 die Wissenschaftsmedaille der Britischen Zoologischen Gesellschaft und 2001 den amerikanischen Cogan Award; 2005 wird er die Edridge-Green-Vorlesung auf dem Kongress des Royal College of Ophtamologists halten. Er leitet das Animal Sciences Committee des Biotechnonology and Biological Sciences Research Council (Großbritannien). Zusammen mit Leon Kreitzman schrieb er 2004 das Buch Rhythms of Life, das bei Profile Books und Yale University Press erscheint.

Katharina Wulff ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Medizinischen Fakultät des Imperial College in London (Großbritannien). Zu ihren Interessen gehören die neuronalen Mechanismen des Schlafs und anderer circadianer Verhaltensweisen. Im Augenblick konzentriert sich ihre Forschung auf abnorme Schlaf-Wach-Rhythmen bei Schizophrenie und wie dies mit der klinischen Manifestation der Erkrankung zusammenhängen könnte. Sie promovierte in Chronobiologie an der Medizinischen Fakultät (Charité) der Humboldt-Universität Berlin. 2002 erhielt sie ein Marie-Curie-Stipendium der Europäischen Union und zog nach London, um dort in Fosters Labor am Charing Cross Hospital zu arbeiten.
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Referenz
Der Originalartikel ist erschienen in
Nature Reviews Neuroscience May 2005 Vol 6 No 5

Spektrum der Wissenschaft
veröffentlichte die deutsche Übersetzung in der Ausgabe 08/2005


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