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Die Himba und der große Damm

Die Kultur eines namibischen Stammesvolkes droht in einem Stausee unterzugehen. Dies sei eben der Preis des Fortschritts, behaupten die Befürworter des Großdamms.

Von Carol Ezzell

Die Wasser des Kunene bilden Namibias Nordwestgrenze zu Angola. Der Fluss durchzieht ein karges, trockenes Bergland, das gleichwohl Heimat ist für einen der letzten weit gehend autark lebenden Stämme Afrikas, für die Himba. In diesem Land, das sie nach einem mythischen Vorfahren Kaoko nennen, errichten diese Halbnomaden ihre Dörfer und lassen ihre Rinder weiden. Dort liegen ihre Vorfahren begraben, und die heiligen Gräber vermitteln kulturelle Identität und Kontinuität. Doch geht es nach dem Willen der Regierung in Windhoek, wird im Kaoko-Land ein gewaltiger Damm entstehen, um Namibias Energiehunger zu stillen. Fast 400 Quadratkilometer Land würden ihm zum Opfer fallen. Gegen den erklärten Willen der Himba.

Etwa 16000 Menschen umfassen die Sippen dieses Hirtenvolks. Im kargen Bergland leben sie von dem Fleisch und der Milch ihrer Rinder und Ziegen, dazu gibt es hin und wieder Kürbis oder Melone. Man nennt die Himba manchmal auch das rote Volk, weil sie traditionell Körper, Haar und die aus Tierhäuten gefertigte Kleidung mit einer Mischung aus Butterfett und gestoßenem roten Ocker einreiben. Nach eigenem Bekunden tun sie dies um der Schönheit willen, doch zweifellos schützt die Paste auch vor Sonne und Austrocknung.

Seit vielen Jahrzehnten leben diese Menschen weit gehend isoliert - kein anderer Stamm machte ihnen das öde Land streitig. Auch die deutschen Kolonisatoren, die Ende des 19. Jahrhunderts "ihr Deutsch-Südwestafrika" gründeten, hielten sich fern. Die Lage änderte sich erst in neuerer Zeit: Unter südafrikanischem Protektorat wurde ihr Umherziehen eingeschränkt, was viele Himba entwurzelte und ins soziale Abseits trieb.

Mit ihrer Isolation könnte es bald vorbei sein. Ein Standort unterhalb der Epupa-Wasserfälle erscheint viel versprechend für den Bau eines Damms. Erste Pläne für einen Staudamm an dieser Stelle gab es schon 1969, als das ehemalige Deutsch-Südwestafrika noch der Verwaltung Südafrikas unterstellt war. Die Idee verschwand in der Versenkung, bis Namibia im Jahr 1990 seine Unabhängigkeit erlangte. Ein Jahr später gaben die beiden Nachbarländer Namibia und Angola eine Machbarkeitsstudie in Auftrag, die zwei mögliche Standorte für einen Staudamm unter die Lupe nahm: die Epupa-Fälle und eine weiter flussabwärts gelegene Stelle in den Baynes Mountains. Die Studie kam zu dem Ergebnis, Epupa sei die wirtschaftlich sinnvollere Alternative, doch Angola hält am zweiten Standort fest. Zum Teil wohl deswegen, weil das Land dann auch mit Geldern für die Sanierung eines im Bürgerkrieg zerstörten Staudammes an einem angolanischen Nebenfluss des Kunene rechnen könnte. Das macht dieses Projekt dann aber auch teurer im Vergleich zu dem namibischen.

Bis zum Jahr 2008 soll deshalb nach dem Willen der namibischen Regierung an den Epupa-Fällen ein provisorisches Dorf für mehr als tausend Arbeiter entstehen. Die Häuptlinge der Himba sehen dem mit gemischten Gefühlen entge-gen, denn sie fürchten soziale Probleme wie Alkohol, Prostitution und Aids. Die Verheißungen des Fortschritts - bessere Straßen, bessere Gesundheitsversorgung, Schulen und elektrischer Strom - bedeuten ihnen dagegen nur wenig. Ihre Sorgen sind nicht unbegründet. Die Weltstaudammkommission konstatierte im November 2000, dass weltweit vierzig bis sechzig Millionen Menschen durch den Bau großer Dämme ihre Heimat verloren haben. Gerade die einheimische Urbevölkerung hatte dem Bericht zufolge unter den negativen Konsequenzen solcher Vorhaben stets besonders zu leiden, ohne von ihrem Nutzen sonderlich zu profitieren. Welchen Wert soll man dem Recht eingeborener Völker auf ungestörte Ausübung ihrer überlieferten Lebensweise zumessen, welchen der schieren Notwendigkeit für Entwicklungsländer, ihre natürlichen Energieressourcen zu erschließen?

Ich hatte Gelegenheit, mit Hikuminwe Kapika, einem von etwa einem Dutzend Himba-Häuptlingen, zu sprechen. Das bedeutete allerdings eine Reise ans Ende der Welt. Erst zwei Tage nach dem Verlassen der letzten geteerten Straße erreichte unser allradgetriebener Pick-up-Truck die vierzig Meter hohen Epupa-Wasserfälle. An Bord hatten wir Benzinkanister (die nächste Zapfsäule ist eine halbe Tagesfahrt entfernt), Trinkwasser, Campingausrüstung, medizinische Notfallausstattung und Ersatzräder wie auch Tabak, Zucker und Decken als Gastgeschenke. Zu alledem prangte oben auf der Ladefläche noch ein nagelneues Fahrrad - die erbetene Bezahlung unseres Übersetzers. Mit einem großen Fahrradkorb, der auch eine Ziege aufnehmen kann.

Unser Fahrer tat sein Bestes, um der holprigen Piste zu folgen und gleichzeitig den Schlaglöchern und spitzen Felsen auszuweichen, doch meist kamen wir nur mühsam voran. Mehr als einmal blieben wir im Sand eines trockenen Flussbetts stecken. Da half alles nichts, wir mussten aussteigen und etwas Luft aus den Reifen lassen oder Äste unterlegen. Auch Landschaft und Tiere zu bestaunen motivierte manchen Halt. So sah ich einmal einen ganz enormen Skorpion. Ich habe schon Hummer gegessen, die kleiner waren. Schließlich erreichten wir die Siedlung nahe den Wasserfällen und schlugen dort unser Lager auf.

An diesem Kreuzungspunkt im Niemandsland treffen sich die namibischen Himba mit ihren Stammesgenossen aus dem Nachbarland Angola jenseits des Kunene. Hier werden auch Kontakte zu anderen Stämmen gepflegt, etwa zu den eng mit den Himba verwandten Herero, den Zemba, Thwa und Ngambwe. Missionare haben an diesem Ort ein stroh-gedecktes Kirchlein errichtet, außerdem gibt es ein kleines First-Class-Safaricamp, einen aus Wellblechplatten zusammengezimmerten Shop, der neben billigem Tabak hauptsächlich Maismehl und lauwarme Cola verkauft, sowie einen kommunalen Campingplatz, auf dem Besucher wie wir für fünfzig namibische Dollar (etwa sechs Euro) pro Nacht ihr Zelt unter Makalani-Palmen aufstellen können. Nur wenige Menschen leben das ganze Jahr über in dieser Siedlung; die Himba kommen jedoch regelmäßig dorthin, um Bestattungszeremonien abzuhalten, Erbschaften aufzuteilen, Vieh zu verkaufen und um Freunde und Verwandte zu besuchen. In dieser Zeit wohnen sie in provisorischen Hütten.

Häuptling Hikuminwe Kapika, ein würdiger älterer Herr, empfing uns in seinem von Dornreisern umzäunten Kral. Das Gespräch begann verhalten, denn schon viele Journalisten hatten ihn interviewt, seinen Sorgen um die Zukunft des Stammes gelauscht und Artikel geschrieben, die Kapika nie zu Gesicht bekam. Er mochte mittlerweile auch bezweifeln, dass das Medienecho wirklich etwas änderte. Doch schließlich erzählte er: Dass er fürchtete, die fremden Arbeiter könnten das Vieh der Himba stehlen - keineswegs eine irrationale Angst, denn Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Himba durch Raubzüge des weiter südlich lebenden Stammes der Nama beinahe ausgelöscht, und auch heute ist der Viehdiebstahl noch durchaus an der Tagesordnung. Außerdem bekümmert Kapika die Vorstellung, die Neuankömmlinge könnten wertvolles Weideland in Besitz nehmen und übernutzen. Die Familienverbände der Himba wechseln ihren Aufenthaltsort mehrmals im Jahr, sodass sich abgeweidete Gebiete immer wieder erholen können.

Vor allem aber: Der entstehende Stausee würde Hunderte von Grabstätten überfluten, die sowohl für die Religion als auch für die sozialen Strukturen dieses Volkes eine zentrale Rolle spielen. Durch rituelle Handlungen auf den Grabfeldern nehmen die Familienoberhäupter in Krisenzeiten Kontakt zu ihren Ahnen auf, und auch Streitigkeiten werden häufig über den Ruhestätten der Vorfahren beigelegt. Kommt es einmal zum Streit um Weidegründe, dann fragen die Himba: "Wie viele eurer Vorfahren sind hier beerdigt? Sind eure Ahnengräber älter als unsere?"

Häuptling Kapika mochte es besonders erzürnen, dass er die Bedenken und Ängste längst der Regierung hinterbracht und in Gesprächen dargelegt hatte, das Vorhaben aber dennoch weiter vorangetrieben wird. "Das ist auch nicht anders, als es unter der Apartheid der Weißen war. Wir Himba werden Widerstand leisten und gegen diese Pläne kämpfen. Mit Steinen und Speeren!"

Den vollständigen Artikel von Carol Ezzell über "Die Himba und der große Damm" finden Sie ab Seite 74 in der April-Ausgabe 2002 von Spektrum der Wissenschaft

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