Jeder Zweite erkrankt im Laufe seines Lebens mindestens einmal an Krebs (laut einem Bericht des Robert-Koch-Instituts). Für viele der Betroffenen gehen damit auch psychische Folgen wie Depressionen und Ängste einher, die sogar ihre Überlebenschancen verringern können. Es zeigt sich jedoch, dass konventionelle Antidepressiva in diesen Fällen oft versagen. Im psychoaktiven Wirkstoff Psilocybin (Hallucinogenic mushrooms drug profile) sehen manche Forscher nun eine wirksame und gesundheitlich meist unbedenkliche Alternative. Und das obwohl die aus Pilzen gewonnene Substanz in vielen Ländern zu den illegalen Drogen gezählt wird und damit bislang in einer Reihe steht mit Ayahuasca-Tee aus Pflanzen des Amazonasbeckens, dem chemisch synthetisierten LSD oder mit Mescalin, einem Nachbau des in einem Kaktus vorkommenden Halluzinogens Peyote.

Das Video des Magazins The New Yorker stellt Eddie Marritz vor, der 2013 an einer Psilocybin-Studie des Cancer Anxiety Project der New York University School of Medicine teilnahm, und lässt zudem die verantwortlichen Wissenschaftler zu Wort kommen. Außerdem beobachtet es einen Versuch in einem wohnzimmerartigen Ambiente des New Yorker Bellevue Hospitals; hier soll Marritz als Element eines psychischen Heilungsprozesses emotionale Zustände wie Angst, Traurigkeit und Zorn durchleben. Filmische Rückblicke auf die Geschichte der Psychedelika-Forschung, die unter anderem als Reaktion auf die Hippiebewegung jahrzehntelang unterbrochen war, ergänzen die einfühlsame Dokumentation.

Wissenschaftlich bleibt sie allerdings an der Oberfläche. Eddie Marritz' Krebserkrankung war bereits auf dem Rückzug, als er das Psilocybin einnahm; das mag ihn von anderen Testpersonen unterscheiden. Mit Blick auf die unmittelbare wie auch lang anhaltende Wirkung der Substanz ist seine ergreifende Erzählung jedoch repräsentativ. Den Ergebnissen der kleinen, aber placebokontrollierten Projektstudie von 2016 zufolge, verspürten trotz der Krebserkrankung etwa 60 bis 80 Prozent der Teilnehmer noch Monate nach der einmaligen Gabe deutlich weniger Angst vor dem Tod und zugleich weit mehr Freude am Leben.

Das therapeutische Potential psychedelischer Substanzen untersuchen Forscher seit etwa zwei Jahrzehnten wieder verstärkt. 2017 lieferten zwei britische Wissenschaftler eine Übersicht über heute bekannte bewusstseinsverändernde und heilsame Wirkungen von Psilocybin, LSD und dem Tryptamin-Alkaloid DMT – allesamt Kandidaten für die Therapie von Depressionen, Zwangsneurosen und Suchterkrankungen.

Bei allem Optimismus sind sich die britischen wie die amerikanischen Forscher jedoch einig: Zum einen ist die Wirkungsweise der Substanzen längst nicht gut genug erforscht, als dass man sie in der Breite einsetzen könnte. Zum anderen lösen sie sehr nachhaltige psychische Erfahrungen aus, teils erhebend, teils beängstigend, mit denen die Patienten nicht alleine gelassen werden dürfen. Psychedelika mögen sich als wirksam gegen Depressionen und Ängste erweisen – ohne umfangreiche psychotherapeutische Begleitung sind sie schlicht Drogen, die mit erheblichen Risiken und Nebenwirkungen einhergehen.