Wer schon einmal in einer WG gewohnt hat, weiß: Passende Mitbewohner sind die halbe Miete. Auch jeder Mensch für sich genommen ist letztlich eine riesige WG: Auf ihm und in ihm leben Seite an Seite mit menschlichen Zellen Billionen von Mikroben. Die Mikroorganismen besiedeln vor allem den menschlichen Darm, sind aber auch auf der Haut, im Mund oder im Vaginalbereich zu Hause.

Mehr und mehr Wissenschaftler gehen darum der Frage nach, welche Rolle dieses so genannte Mikrobiom für Gesundheit und Wohlbefinden spielt. Das unterhaltsame, gut fünfminütige Video des NPR (ehemals National Public Radio) gibt einen Kurzüberblick zum Stand der Forschung. Dabei verwandelt es die Welt der Mikroorganismen im menschlichen Körper in eine Märchenwelt: Mit originellen und staunenswerten Animationen wie aus einem Kinderfilm richtet sich das Video an eine breite Öffentlichkeit – die durchaus Gefallen an dem spielerischen Umgang mit Farben, Formen, Musik und Soundeffekten findet.

Wissenschaftlich nicht eindeutig belegte Aussagen halten die Macher im Konjunktiv. Zu Recht: Schließlich steckt die Mikrobiomforschung noch in den Kinderschuhen. Auf manche Aussage hätten sie trotzdem besser verzichten sollen. So ist etwa die gesundheitsförderliche Wirkung von Probiotika, Lebensmitteln mit speziellen Bakterienkulturen, laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA noch keineswegs hinreichend belegt. Von probiotischer Babynahrung rät die deutsche Verbraucherzentrale gar ab. Die Behauptung jedoch, mit der das Video einsetzt – dass im Körper zehnmal mehr mikrobielle als menschliche Zellen existieren –, ist wohl schlicht ein Mythos. Laut diesem Nature News-Beitrag von 2016 datiert er zurück auf das Jahr 1972. Im vergangenen Jahr haben israelische Forscher aber nachgerechnet und für einen "Durchschnittsmann" Werte von 30 Billionen menschlichen versus 39 Billionen bakteriellen Zellen ermittelt, wobei die Abweichungen von Person zu Person sehr groß sind.

Unterdessen nimmt die Mikrobiomforschung immer mehr Fahrt auf. Im Human Microbiome Project, das bis 2012 lief, wurden mindestens vier Fünftel der im menschlichen Körper vorhandenen Mikrobenarten identifiziert. Andernorts arbeiten Forscher mit Mäusen, denen das Mikrobiom fehlt: Keimfrei gezüchtete Mäuse leiden zum Beispiel häufiger an Fettleibigkeit und Diabetes als ihre Artgenossen mit gesunder Darmflora. Und im weltweiten Earth Microbiome Project etwa haben sich seit 2010 über fünfhundert Forscher zusammengeschlossen, um 200 000 Mikrobiom-Proben auch von Pflanzen und Tieren zusammenzutragen.

Die medizinischen Potenziale dieser Forschungsrichtung erscheinen so gewaltig, dass mancher Wissenschaftler mittlerweile schon vor einem Hype warnt. Zu häufig wird etwa die menschliche Darmflora zur Ursache vor allem von Zivilisationskrankheiten von Diabetes bis Allergien erklärt. Doch für solche weit reichenden Aussagen – und vor allem für die Wirksamkeit entsprechender Therapien – fehlen schlicht noch die Belege.