Dieser Tage hat die Wissenschaft in den USA einen schweren Stand. "Ein großer Teil der Erwachsenen in den USA ist überraschend empfänglich für ungereimte Argumente, die darauf ausgelegt sind, sie irrezuführen." Das schrieb Bruce Alberts, früherer Chefredakteur des Fachjournals Science und Ehrenpräsident der US-amerikanischen National Academy of Sciences jüngst im Editorial einer Ausgabe von Science. Schulen und Hochschulen lehrten zwar unzählige wissenschaftliche Fakten, so Albert in seiner Analyse, aber kaum etwas über den Prozess ihres Zustandekommens. Unter anderem aus diesem Grund fehle den Menschen die Fähigkeit, sie zu beurteilen.

In ihrem TED-Talk gibt Naomi Oreskes Nachhilfe. Die Wissenschaftshistorikerin und Harvard-Professorin für Geowissenschaften erklärt, wie Wissenschaft funktioniert und worauf sich die Autorität der wissenschaftlichen Community gründet. Nebenher stellt sie fehlerhafte, aber gleichwohl verbreitete Annahmen richtig. Der wissenschaftliche Alltag folge in der Regel eben nicht der hypothetisch-deduktiven Methode zur Erkenntnisgewinnung, wie sie vielen von uns in der Schule beigebracht wurde. Und die Autorität der Wissenschaft, zwischen richtig und falsch unterscheiden, basiere nicht auf den Erkenntnissen einzelner Forscher, wie genial diese auch sein oder gewesen sein mögen – sondern vielmehr auf der kollektiven Anstrengung unzähliger Wissenschaftler über Jahre hinweg, zu einer gemeinsamen Sicht auf diese Erkenntnisse zu gelangen. So wie die Zuverlässigkeit heutiger Autos nicht Henry Ford zu verdanken ist, sondern den Generationen von Ingenieuren, die ihm folgten.

Oreskes' Vortrag stammt von 2014, als von alternativen Fakten noch keine Rede war. An Aktualität hat er aber seither nur gewonnen und lohnt auch deshalb, weil Oreskes eine namhafte und engagierte Verteidigerin der Klimawissenschaft ist. Seit Jahrzehnten erforscht sie Methoden und Motive berufsmäßiger Wissenschaftsskeptiker. Ihr Buch "Merchants of Doubt" (2012, mit Erik Conway) beschreibt die PR- und Propagandastrategien der Tabakindustrie und deren Anwendung und Weiterentwicklung im Rahmen der Klimadebatte.

Letztere ist künstlich erzeugt, so Oreskes, ein Produkt der Öl- und Klimaskeptiker-Lobby. Bereits 2004 hatte sie in ihrem Science-Essay Der wissenschaftliche Konsens zum Klimawandel gezeigt, dass sich 97 Prozent aller Klimaforscher über den Klimawandel und seine Verursachung durch Menschen einig sind und ihn als Problem höchster Dringlichkeitsstufe betrachten.

Auch die Deutschen vertrauen der Wissenschaft und den Fakten keineswegs rückhaltlos. Jüngst ermittelte das Allensbach-Institut für Demoskopie, dass es 43 Prozent der Bürger in vielen Fällen für Ansichtssache halten, was stimme und was nicht. Weniger als die Hälfte der Befragten zeigte sich davon überzeugt, dass zu vielen Themen und in vielen Situationen klare Fakten existieren, die beweisbar und schlicht richtig seien.

Zudem wissen gegenwärtig drei von vier Deutschen nicht, so eine europäische Studie, dass Existenz, Ursachen und Gefahren des Klimawandels unter Wissenschaftlern nahezu unumstritten sind.