Auch wenn seine Grafiken im unschuldigen Stil von Kinderzeichnungen gehalten sind, berührt dieses Video schwierige Fragen. Mitchell Moffit und Gregory Brown, die kanadischen Macher des Videos und Betreiber des YouTube-Kanals AsapSCIENCE, wollen wissen: Ist Homosexualität genetisch mitbedingt und wenn ja, tragen wir vielleicht alle entsprechende Gene in uns? Ist die gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung eher angeboren oder eher erworben, und wenn ja: Welchen Einfluss haben dabei Umweltfaktoren?

Moffit und Brown stellen zahlreiche gut ausgesuchte Belege für die wichtige Rolle der Gene und der Epigenetik vor (die sich übrigens vor allem auf Untersuchungen der männlichen Sexualität beziehen). Längst geht man nicht mehr davon aus, dass Homosexualität ein gewählter "Lifestyle" ist. So manche Zwillings-Studie hebt die Aktivität bestimmter Gene, vor allem auf dem X-Chromosom, als eine der möglichen Ursachen von Homosexualität hervor, wie Moffit und Brown berichten.

Die interessante Frage, wie Homosexualität im Verlauf der Evolution Bestand haben konnte, wo sich doch nur die wenigsten homosexuellen Menschen fortpflanzen, beantworten sie, indem sie eine 2015 auf einer US-Tagung vorgestellte und viel zitierte Zwillings-Studie anführen. Sie untersuchte epigenetische Marker an der DNA, die darüber mitentscheiden, in welchem Maß bestimmte Gene in Aktion treten oder auch nicht. Solche molekularen Mechanismen lassen sich zum Beispiel auf äußere Einflüsse von Umweltfaktoren oder des Ernährungsverhaltens zurückführen, sind also nicht rein genetisch bedingt.

Im Video wird angedeutet, dass der Studie zufolge vielleicht "jeder ein Homo-Gen" besitzt: Dann wäre es in seinem evolutionären Überleben nicht gefährdet, könnte aber jederzeit durch Umweltfaktoren epigenetisch angetriggert werden. Allerdings werfen mehrere Forscher der genannten Zwillingsstudie mangelnde statistische Aussagekraft vor, wie in Nature News zu lesen ist. Dort heißt es auch, dass es "noch zu früh" sei, "die epigenetischen Marker direkt mit bestimmten Umweltfaktoren oder der Expression eines bestimmten Gens in Verbindung" zu bringen. Im Video fehlt zudem der Hinweis auf die Möglichkeit, dass umgekehrt diese epigenetischen Faktoren eine Folge der Homosexualität sein könnten.

Trotz jahrzehntelanger Forschung ist die genaue Rolle von Genen und Umwelt für die Homosexualität weiterhin offen. Eines scheint allerdings heute sicher: Zu den für sexuelle Vorlieben prägendsten Umweltfaktoren zählen Einflüsse wie etwa die Hormone im Mutterleib.

Hingegen gilt derzeit als recht unwahrscheinlich, dass Homosexualität eine Sache der Erziehung oder anderer sozialer und kultureller Einflüsse sein könnte. Belege für Homosexualität als kulturübergreifendes Phänomen finden sich zum Beispiel in einer Studie von 2017. Ihr zufolge berichten homosexuelle Männer in westlichen Kulturen häufiger als heterosexuelle Männer von bestimmten Trennungsängsten in der Kindheit. Die Autoren der Studie fanden heraus, dass homosexuelle Mitglieder des Stammes der Zapoteken in Südmexiko (eines der Urvölker Mexikos) als Kinder ähnliche ängstliche Verhaltenszüge zeigen wie homosexuelle Männer aus Kanada, und vermuten daher eher biologische Faktoren am Werk.

Wie also geht die Debatte weiter? "Weitere Forschung an genetischen und epigenetischen Faktoren für Homosexualität", so heißt es im Video, "wird rund um den Globus die Zahl homophober Gesetze verringern, indem sie weitere Belege dafür findet, dass Schwulsein keine Frage einer Willensentscheidung ist." Wie auch immer diese Erkenntnisse ausfallen, einen irgendwie begründeten wissenschaftlichen "Anlass" für Diskriminierung liefern sie nicht.

Übrigens: In der Beschreibung unter dem Video gibt es offenbar einen Linkfehler. Die Studie zu Toxoplasmose trägt sicherlich nicht zu Erkenntnissen über Homosexualität bei.