Spektrum-Essay Evolution
Die Fortschrittsillusion
Wir sehen Fortschritt, weil unser Gehirn dafür konstruiert ist, stets zu vergleichen und zu bewerten. Wahrscheinlich aber existiert er nur in unserer naiven Vorstellung.
Bitte teilen Sie uns auch weiterhin Ihre Meinung und Ihre Fragen zum Thema Fortschritt mit!
Wir haben uns sehr über Ihre zahlreichen Zuschriften gefreut und möchten Ihnen auch andere kontroverse Themen vorab zur Diskussion stellen. Haben Sie Interesse daran? Schreiben Sie uns, ob Sie diese Aktion gut finden und sie mit anderen Themen fortsetzen möchten.
Die Redaktion


Eckart Voland ist Professor für Philosophie der Biowissenschaften am Zentrum für Philosophie und Grundlagen der Wissenschaft der Universität Gießen.
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1. Es gibt Gegenpositionen und -argumente
22.01.2007, Ingo Bading, M.A., Frankfurt am MainAuch schon allein wenn man sich die Humanevolution auf dem Wissen der gegenwärtigen Zeit ansieht, könnte es sich herausstellen, dass Fortschritt KEINE Illusion ist. So scheint es doch offenbar seit 200 000 Jahren eine IQ-Evolution zu geben von einem durchschnittlichen IQ von etwa 65 (heutige Buschleute) zu einem durchschnittlichen IQ von etwa 115 (heutige aschkenasische Juden) mit einer Fülle von Zwischenstufen, die grob mit einem geographischen Nord-Süd-Gradienten korrelieren. (Siehe: www.gnxp.com/blog/2006/02/ world-of-difference-richard-lynn-maps.php )
Dass es solche gewichtigeren Gegenpositionen und -argumente GIBT, sollte zumindest im Artikel genannt werden.
2. Der Mensch - die dümmste Biomasse, die es gibt?
22.01.2007, Hans Tappeiner, I-39021 Latsch (Südtirol)Damit haben sie dann die Aufmerksamkeit von der süßen Wonne, die das Geschlechtsorgan verspricht, mit süßen Äpfeln befriedigt. Tatsächlich hatte sich ein Tier gefunden, das irgendwann auch nach höheren Früchten strebte und in die Bäumen zu klettern begann. Damit erfuhr das Begreifen einen Fortschritt, der Rest ist bekannt, und die Bäume kichern unbemerkt im Hintergrund und freuen sich am Treibhaus.
Es ist mir nicht gelungen diesen Ausspruch zu falsifizieren, und der Artikel von Prof. Eckart Volant scheint diese These noch zu bestärken.
Der biologische Fortschrittswunsch steckt meiner Meinung nach in jeder Zelle. Es geht um Ökonomie, bei der Zelle um Energieökonomie. Ein kleiner Energievorrat (Zugewinn) erhöht die Energiebeschaffungschancen. Wenn aber die Energiebeschaffung - vielleicht aus Mangel an Reserve, die die Grundlage zur Anpassungsfähigkeit bietet - mehr Energie verbraucht, als sie bringt, so führt das in die Pleite, egal ob in der Zelle oder einem Wirtschaftsbetrieb.
3. Es gibt Fortschritt - aber bewerten muss jeder selbst
22.01.2007, Peter Artmann4. Nur gegenwärtige Sichtweise
22.01.2007, Prof. Dr. H.-W. Vohr, Erkrath5. Dubito ergo sum
22.01.2007, Margarete Lösch, Völklingen6. Zwar nicht neu, aber gut dargestellt
22.01.2007, Dr. Holger Kurz, HamburgInsgesamt betrachtet, ergibt sich eine mosaikartige Komplexitätszunahme über Jahrmillionen.
Wenn der Autor aber zu der Schlussfolgerung kommt: "Evolution ist vielleicht Komplexitätszunahme, aber Komplexitätszunahme ist nicht Fortschritt und Fortschritt keine biologische Kategorie", so stellt sich natürlich die Frage nach der Definition von Fortschritt. Das Wort selbst impliziert im biologisch-evolutorischen Zusammenhang wohl nur die Veränderung der Organismen im Wettrennen der Evolution. Mit dem menschlichen Begriff Fortschritt ist dann wohl die Interpretation dieses Wettrennens als Verbesserung für den Einzelnen gemeint. Biologisch betrachtet findet sich die Gesamtheit der Organismen nach einer Zeitspanne auf einem höheren Komplexitätsniveau, ohne dass jedoch Individuen Vorteile im Sinne eines "besseren", das heißt konkurrenzärmeren Lebens erfahren haben.
Der Autor hat meines Erachtens Recht, dass Fortschritt im Sinne einer Verbesserung des Lebens nur ein Konstrukt unseres Gehirns ist.
7. Was heißt archimedischer Punkt?
22.01.2007, Thomas Bauer, UnterölsbachIch finde, dass immer alles, was angeblich keine Entsprechung in der Natur findet, als Illusion hinzustellen, ist nicht richtig. Der Mensch ist Teil der Natur, der in der Lage ist, darüber zu reflektieren, dass macht den Menschen zum Menschen. Wir sollten uns nicht über die Natur erheben, aber wir sollten auch nicht zu bescheiden sein.
8. Fortschritt = Rückschritt?
22.01.2007, Carlo Gradl, PragAutos sollten am besten mit Wasser fahren, da wir festgestellt haben, dass dieses - vor nicht allzu langer Zeit als Wunder des Fortschritts gepriesene - Transportmittel uns und unsere Umwelt zerstört.
Vor auch nicht allzu langer Zeit war jedes Kleidungsstück handgemacht und jedes Stück ein Unikat, was damals nichts bedeutet hat, heute aber, nach all den Jahren der Stückzahlsteigerung durch Fortschritt, auch wieder schick ist.
Auch Sport war damals nicht notwendig, weil jeder sich genügend bewegt hat. Heute muss man sich dazu zwingen, wenn man gesund bleiben will, obwohl der Fortschritt uns doch all die Annehmlichkeiten eines bequemen Lebens ohne einen Handgriff zu viel ermöglicht, etc...
Also ein eindeutiges Ja zum Artikel. Fortschritt ist wohl eher die Ausreizung des jeweils technisch Machbaren in jeder Epoche. Ob er "gut" oder "schlecht" ist, hängt nur von der Bedeutung ab, welche ihm die Individuen geben.
9. Fortschritt ist keine qualitative Aussage
22.01.2007, Dietzsch, Teltow10. Viele Fortschritte,viele Rückschritte
22.01.2007, Rüdiger Söhnen, Dresden11. Evolution des Bewusstseins
22.01.2007, Anna Reeves, LondonDie biologische Evolution ist mit dem Hervorbringen von bewusstseinsfähigen Wesen zu Ende gegangen bzw. ist jetzt nicht mehr wichtig, und was nun begonnen hat, ist eine Evolution des Bewusstseins. Der Autor wird doch kaum abstreiten, dass er intelligenter ist als z.B. ein Neandertaler oder ein Affe. Aber nicht nur in Bezug auf pure Intelligenz haben wir uns weiterentwickelt, sondern auch in moralischer, emotionaler und spiritueller Hinsicht, und diese Entwicklung geht weiter.
Der Autor begeht auch den Fehler, zu versuchen, die Biologie dort anzuwenden, wo sie nicht angebracht ist. Psychologie ist eine höhere Stufe der Emergenz als Biologie. Man kann sie nicht auf die Biologie reduzieren. Die Methoden und Ergebnisse einer niedrigeren Ebene sind nicht auf die einer höheren anwendbar.
Ich würde dem Autor raten, das Buch von Ken Wilber, "Halbzeit der Evolution - Der Mensch auf dem Weg vom animalischen zum kosmischen Bewusstsein" zu lesen und dann den Artikel nicht zu veröffentlichen.
12. Feststehende Begriffe
22.01.2007, Heinrich van Martens13. Was ist "objektiv"?
22.01.2007, Dr. Ekkard Brewig, Overath14. Voraussage als Erkenntnismaßstab
23.01.2007, MMag. Manfred GotthalmsederIm Ursprung dient unser Gehirn nur einer einzigen Sache, nämlich der Voraussicht. Jede geplante Handlung basiert auf einer vorgestellten Zukunft. Und tatsächlich sind wir in Hinsicht auf unsere Fähigkeit, Zukunft abzuschätzen und planend zu handeln, heute wesentlich weiter als einst. Man denke nur, welche komplexen Pläne heute technisch umgesetzt werden können. Auch die nötige Organisation ist eine Erkenntnisleistung.
Da die noch nicht reale aber bereits vorgestellte Zukunft unser Verhalten bestimmt, und dieses wiederum auf die Zukunft wirkt, kann man auch sagen, dass unsere Freiheit mit unserer Vorstellungsfähigkeit wächst. Wir können uns zahlreichere Möglichkeiten erdenken mit Anforderungen umzugehen als je zuvor. Wenn wir heute schon wissen, dass uns in den kommenden Jahrzehnten ein Klimawandel droht, dann ist das nur dem Fortschritt, also unserer ständig wachsenden Voraussicht zu verdanken.
15. Fort-Schreiten in eine andere Zukunft
23.01.2007, Andreas Schwald, MünchenDie Bibel beginnt mit der Darstellung des Paradieses und endet mit der Beschreibung des himmlischen Jerusalems. Die derzeitige Befindlichkeit des Landes Irak (wo der Garten Eden vermutet wird) oder der Stadt Jerusalem ist weder paradiesisch noch himmlisch.
Die „gute alte Zeit“ ist keine Illusion, sondern eine Selektion, die unangenehme Dinge ausblendet. Die „neue Gesellschaft“ ist ein Wunsch oder ein Plan, der sich als Illusion erweisen kann. Die Bemühungen zu ihrer Verwirklichung haben meistens einige der beabsichtigten und viele ungeplante Auswirkungen.
Fortschritt ist keine Illusion. Die Neuerungen in der Technik und die Änderungen im sozialen Leben sind sehr real; sie werden verschieden bewertet. Karl Popper hat das Streben nach Wahrheit als die Beseitigung von Irrtümern umschrieben. Ein Arzt kann Leiden mildern und Leben verlängern, nicht den Tod besiegen. Das Zusammenleben von immer mehr Menschen in einer zunehmend komplexeren Welt führt jeden Tag zu neuen Aufgaben und Problemen, für die tragbare Lösungen zu finden sind.
Fortschritt als Verbesserung der Lebensumstände ist immer gefordert, die Möglichkeit des katastrophalen Scheiterns stets präsent. Die Diktaturen des 20. Jahrhunderts mit ihren Fortschrittsideologien zeigen dies in erschreckender Deutlichkeit.
16. "Fortschritt" als Semantik
23.01.2007, Dr.Wolfgang Vogt, Köln17. Fortschritt = Glückszunahme?
23.01.2007, Oliver Adrian, MünsterDie Evolution hat unser Gehirn nicht daraufhin geprägt, die reale Welt objektiv zu erkennen; wenn eine selbst gemachte Illusion der evolutionären Fitness förderlich ist, dann betrügen wir uns halt selbst. So weit, so gut.
Ist Fortschritt nun aber echt oder ausgedacht? Die zitierten Studien aus den USA über das Glücksempfinden sprechen für sich. Ist Fortschritt aber gleichzusetzen mit einer höheren Zahl glücklicher Menschen? Ich denke nicht. Unter Fortschritt verstehe ich vielmehr die Entwicklung neuer Technologien, die Möglichkeiten eröffnen, die bisher nicht da waren. Oder die Zurückdrängung mancher Krankheiten, auch wenn zeitgleich manche andere, „Zivilisationskrankheiten“, zunehmen; denn Fortschritt bezieht sich immer auf Erfolge in bestimmten, eng umgrenzten Bereichen. In diesem Sinne ist Fortschritt also etwas Reales.
In jedem Falle behält Voland mit der Aussage Recht, dass „Fortschritt“ keine biologische Kategorie und der Evolution wesensfremd ist. Ob wir jedoch nur eine Idee von Fortschritt haben oder Fortschritt real stattfindet, hängt allein davon ab, wie wir diesen Begriff definieren.
18. 1 + 1 = Fortschritt
23.01.2007, Michael Springer BayernWenn ich es richtig verstanden habe, wird sie darauf gegründet, dass die Evolution eigentlich keinen Fortschritt kennt, da alle Parameter subjektiver Art sind.
Nun denke ich aber, dass es doch einen objektiven Parameter in der Evolution gibt.
Es ist schlicht die Zahl eines ähnlichen Systems, z. B. die DNA des Menschen, die über die Zeit anwächst.
Vor tausend Jahren gab es nur einen Bruchteil der heute lebenden Menschen, ich denke man kann dies als Fortschritt für die Spezies bezeichnen.
Ob sie diesen Fortschritt durch genetische Überlegenheit oder kulturelle Entwicklung geschafft hat, ist irrelevant.
Affen haben beinahe die gleiche DNA wie wir Menschen, die Ameisen haben eine beinahe perfekt funktionierende Staatsform, aber dennoch gab es bei ihnen keinen Fortschritt, sie haben sich über die Zeit entwickelt, verändert, aber um dies zu bewerten, müsste man wieder einen subjektiven Standpunkt einnehmen.
Positive Entwicklungen, ob in Medizin, Wirtschaft, Politik oder einfach privater Art werden schnell wieder als selbstverständlich und als Grundlage betrachtet, ich glaube, unser Gehirn lässt uns dies denken, da wir sonst stehen bleib würden.
Wir würden die Entwicklung mit dem Vorherigen vergleichen, anhand bestimmter subjektiver Parameter feststellen, dass es uns nun in irgendeiner Weise besser geht.
Würden wir nun stehen bleiben, bestünde das Risiko darin, dass die Zahl unseres Systems, der Menschen, nicht mehr weiter, oder nicht mehr so stark, anwächst.
In meinem Sinn brächte somit eine Entwicklung, die unsere Überlebens- und damit Fortpflanzungsrate steigert, Fortschritt.
Hierbei ist keine subjektive Bewertung wie „dies ist eine gute Entwicklung“ oder „dies ist eine schlechte Entwicklung“ nötig, es zählt nur das Resultat, das Anwachsen einer Zahl.
Unter diesem Gesichtspunkt brachte die Pille beispielsweise keinen Fortschritt, sondern bremste ihn sogar.
Andererseits, wenn morgen ein Tyrann an die Macht käme, der die Bevölkerung zwingen würde, Kinder zu bekommen, damit er sie zu einer Armee ausbildet, empfänden das die Menschen ziemlich sicher nicht als eine positive Entwicklung, bzw. Veränderung für sich, es wäre aber objektiv gesehen, obskurerweise doch ein Fortschritt.
Es ist daher nicht zwingend, dass Fortschritt und das was wir als Glück empfinden, miteinander verknüpft sind. Er kann jedoch wie in vielen Fällen der Medizin auch mit Glück, oder Wohlbefinden einhergehen.
Und mal subjektiv gesehen, sein ganzes Leben lang einer Sache hinterherzulaufen, die es nie gegeben haben soll und auch nie geben wird und vom eigenen Gehirn anscheinend nur vorgegaukelt wird, kein Wunder, dass man da nicht dauerhaft glücklich werden könnte...
Michael Sp.
19. Fortschrittsgläubigkeit als Glaubensersatz
23.01.2007, Krimm Hans , 94401 Landau, P-Fach 4Ich sage immer: "Im Namen der Humanität wurde auch das MG erfunden (und sofort eingesetzt) und alles Machbare wird gemacht ..." Im Cowboy-, Lobby- und Kartell-Pragmatismus, hinter "Fortschrittspropaganda" steht nämlich oft nur Gewinnstreben, wie z.B. bei Interessen-Verbänden "zum Wohl" der Kinder (meint z.B. eigenen Sieg vor Gericht), der Behinderten, der Familien (meint oft der Alleinerziehenden), der Zuwanderer, der Patienten (Klonen auf Frankenstein/Homunculus komm raus...), der Alten (im Heim...), der Sterbenden usw. Und mit dem nicht hinterfragten "Fortschritt", der nur als (fragiler?) verwöhnender, außen-motivationsabhängiger Wohlstand erlebt wird, sind dann viele oberflächliche, bes. junge unkritische Konsumenten/Innen "happy" mit Glimmstengeln (bis Drogen...). Es scheint keine so natürliche Freude zu sein, sondern meist eine künstliche. Gute Nacht, ausgeschaltetes bzw. ferngesteuertes Gehirn ... und fortschrittlich von Handies früh und jung "aufgeweichtes Hirn" (vgl . Contergan-Spätwirkung ): Für mich stinkt (wirtschaftlich begründeter) "Fortschritt" meist nach "Rückschritt". Die Geschichte der Kulturen und die Umweltschäden geben dem Fortschrittspessimismus Recht.
20. Fortschritt als Wandel vom Umgang mit der Natur
24.01.2007, Michael Völkerder nicht scharf definiert ist. Dies explizit zu tun, hat der Autor
leider versäumt. Implizit definiert Voland Fortschritt als psychologische Kategorie, die sich aus "Zielen und Wünschen" generiert. Die Ablehnung objektiver Erkenntnis kennzeichnet den Autor als radikalen Konstruktivisten, was auch der Verweis auf Michael Ruse deutlich macht. Damit kommt das Standardproblem dieser Strömung ins Spiel, wenn Voland zum Beleg seiner Theorie empirische Ergebnisse in Form von Umfragen zum Beleg seiner These anführt. Wenn die "evolutionär nützlichen Weltzugänge als konstruierte Illusionen des Zentralnervensystems" "enttarnt" werden, um das zu belegen jedoch Empirie bemüht, kann man mit Ludwig Feuerbach von "physikalischem Idealismus" sprechen.
Abgesehen von dieser Schwäche des Ansatzes gibt es in der Erkenntnistheorie eine ganze Reihe alternativer Modelle, auf die der Autor keinen Bezug nimmt.
Fortschritt könnte etwa mit Blick auf Martin Heideggers Philosophie der Technik als ein Wandel vom Umgang des Menschen mit der Natur betrachtet werden. Dafür ist das geschichtsphilosophische Axiom der planvollen Entwicklung der Geschichte, auf das Voland anspielt, irrelevant. Ebenso wenig ist Fortschritt hierbei an Wertungen wie "besser als vorher" oder "komplexer als vorher" gebunden. Heidegger verzichtet ganz bewusst darauf, die Philosophie der Technik mit einem Kulturoptimismus zu vermengen. Seine Erklärung der Entwicklung der Technik als Umdeutung der Natur zum reinen Bestand - und in diesem Punkt ist die Heidegger'sche Position wahrlich keine Außenseiterposition - könnte als Fortschritt definiert werden. Und das weit weg von Zielen und Wünschen.
21. Der menschliche Geist kann mehr als Evolution!
24.01.2007, Jonas Schnaitmann, MünchenUnd genau hier liegt auch der Widerspruch des Artikels: Über sich selbst und die Konstrukte der eigenen Rasse nachzudenken liegt sicher auch nicht im Wesen der Evolution, doch der Autor tut genau dies und - übertrieben gesagt - beschwert sich darüber, dass der Mensch sich diese Fähigkeit zunutze macht.
Überhaupt: Musik, Literatur, Mathematik, aber auch Sozialsysteme, Demokratie und so weiter sind ebenfalls Dinge, die der Mensch nur deswegen erschaffen konnte, weil er dem evolutionären Prozess eben nicht mehr (oder zumindest nicht mehr gänzlich) unterworfen ist.
22. Gibt es Gott?
24.01.2007, Dr. Jozef Goblinsky, WarzawaDass dieses alte Fragen nicht auszumerzen ist und immer wieder wieder auftaucht, indem neue Begriffe für Gott Platz einnehmen, ist ein interessantes Phämonen, gerade im Hinblick auf die rhetorische Verwendung dieser Begriffe, denn "Fortschritt ist Opium fürs Volk!"
Die Frage, wieso - zum Teufel - die Menschen an Fortschritt glauben, mag auch interessant und ergiebig sein, doch ist sie nicht geeignet um festzustellen, ob Fortschritt eine Illusion ist oder nicht. Sie ist vielmehr etwas vollkommen anderes. "Gott sitzt im Gehirn des Menschen und kann deswegen nicht existieren" ist nicht die Antwort auf die Gottesfrage, sondern spricht nur von der Vorstellung des Menschen von Gott.
Der Begriff Fortschritt hat auf eben diese Weise verwendet keinen objektiven Sinn. Er kann aber, indem ihm die eine oder andere Bestimmung beigelegt wird, durchaus sinnvolle Verwendung haben: So könnte es zum Beispiel einen (ob nun in meiner eingebildeten oder der wirklichen Welt) feststellbaren Fortschritt in der medizinischen Versorgung in einer bestimmten Region geben. Ein solcher Begriff wäre auch gegen die Gefahr des Mißbrauchs geschützt, da er nicht auf allgemeine Glückssteigerung oder ähnliches referierte, sondern klare Grenzen hätte.
Auf ewige Glückseligkeit!
23. Soziobiologie: alles fortschrittliche Illusion?
24.01.2007, Gerhard Frensel, OldenburgWie sonst wäre die Hypothese einzuordnen, dass "die Erfüllung persönlicher Präferenzen der Zunahme reproduktiver Trümpfe" diene? Ebenso führen ewige Anleihen bei Darwin oder zeitgenössischer Statistik nicht am Problem vorbei: Wie der Fortschrittsgedanke selbst, sind auch "struggle for life", "survival of the fittest", oder auch amerikanische Umfragen zum Befinden seiner Bevölkerung nur naiv-realistische Interpretationen eines im unverstehbaren Chaos der Welt sich taktisch organisierenden Zentralnervensystems von Angehörigen der Spezies Homo sapiens.
Und werden soziobiologische Utopien nicht durch realpolitische und -ökonomische Prozesse geradezu widerlegt? Nicht alles dient der Reproduktion: Schrumpft nicht seit Jahrzehnten die hier ansässige (Stamm-) Bevölkerung - womöglich erst recht auf Grund der stets aufs Neue erfüllbaren persönlichen Präferenzen ihrer einzelnen Mitglieder? "Immer schneller, immer weiter, immer höher" passen als Leitkategorien eher zu Quartalsberichten börsennotierter Kapitalgesellschaften, deren Mitglieder der seltsam angstbesetzten Illusion des "Zurückbleibens" erliegen, eignen sich aber nicht als durchgängige Motive für Evolutionsprozesse.
Soziobiologie beansprucht, biologistische Modelle für die Entwicklung von Gesellschaften herleiten zu können. Tatsächlich liefert sie aber nur retrospektive Interpretationen - ein psychisches Bedürfnis ihrer Vertreter? Den Beweis für wissenschaftliche Überprüfbarkeit und antizipatorisches Potenzial sind sie schuldig geblieben. Die kognitive Erfassung und Bewertung von Unterschieden mag zwar eine Fähigkeit menschlicher Psyche - insbesondere des limbischen Systems - sein, findet aber mehr oder weniger organisiert in allen lebenden Systemen statt - eine Voraussetzung für biologische Evolution überhaupt. Allerdings kann hieraus keine eindeutig gerichtete Entwicklung abgeleitet werden.
Ob Fortschritt als soziobiologisches Strategiekonzept - besser als Fortschrittsglaube zu bezeichnen - tatsächlich zur Bewältigung der "Tretmühle des Lebens" beiträgt, oder bei entsprechender philosophisch-ideologischer Überhöhung allein dem weiten Feld menschlicher Irrtümer zuzuweisen ist, bleibt - wie auch das "Wesen" der Evolution - weiter im Dunkeln. Jedenfalls zeigt sich auch in dieser Fragestellung unser immanenter Drang zu Reflektion und Erkenntnis, vor allem angesichts der zeitigen Endlichkeit lebendiger Existenz.
24. Realitätsfern
25.01.2007, Fritz Kronberg, Rondeshagen25. Fortschritt und Weiterentwicklung
27.01.2007, Alexandra Surdina, DüsseldorfÜber Zwang zu evolutionärer Veränderung zur Überlebenssicherung sind wir hinweg. Der Mensch, der längst mit der eigenen Anpassung aufgehört und begonnen hat, das Leben in der Umwelt an sich selbst anzupassen, liegt im Überlebenschancen-Ranking weiter vorn als sein Versuchskaninchen Maus.
Von der ohnehin langsamen Weiterentwicklung durch Evolution wird für uns wenig zu erwarten sein. Da wir die Umwelt an uns anpassen, werden Mechanismen, die uns an die Umwelt anpassen, funktionsuntüchtig. Es überleben in heutigen Zeiten mehr Kranke und Behinderte als je zuvor. Wenn technischer Fortschritt — Gentechnologie, künstliche Intelligenz — uns in die Lage bringen wird, direkten Einfluss auf den Entwicklungsgrad des Menschen zu nehmen, werden wir Fortschritt herstellen und beschleunigen können.
Es gibt verschiedene Formen von Weiterentwicklung, die nicht miteinander zu verwechseln sind. Die drei meines Erachtens wichtigsten Gebiete, auf denen Weiterentwicklung existiert, sind Evolution, Gesellschaft sowie Technologie. Die Existenz von bspw. Computern ist kein Beweis für evolutionären Fortschritt oder für Menschenrechte.
Weiterentwicklungen und neue Entdeckungen in Technologie und Wissenschaft öffnen neue Türen. Offene Türen sind eine Voraussetzung für Fortschritt, jedoch nicht mit ihm zu verwechseln. Die Erfindung einer Atombombe bedeutet keinen Fortschritt, die Verbesserung von Altersheimgeräten ebenfalls nicht, Letztere wohl Symptommilderung — eine andere Art Nutzung offener Türen. Fortschritt als Zunahme von Komplexität zu definieren bedeutet, dass die Erfindung neuer Waffen und ungerechter, komplexerer Herrschaftssysteme nach dieser Definition ebenso fortschrittlich ist wie neue Krebsbehandlungstechniken. Im Fortschritt schwingt immer ein moralischer Aspekt mit, ein Bezug auf bestimmte Ziele.
Unser Hirn ist vielleicht komplexer, aber nicht unbedingt fortschrittlicher und besser als das der Maus; misst man in Glück, sind Mäuse vielleicht glücklicher als wir und misst man in Lebensdauer, empfinden die ihre vielleicht genauso wie wir unsere.
Evolution ist richtungslos und Fortschritt im Sinne von Vorwärtsbewegung braucht Bezugspunkte und Richtungen.
26. Fatal komplex
27.01.2007, Stephan FrödeWenn ich das Gehirn verstehen will, dann muss ich bei einer deduktiven Vorgehensweise erst einmal die Metaebenen über dem Gehirn begreifen.
Alles andere ist induktiv mit den bekannten Problemen.
So gesehen führt der Artikel in die Irre, die Idee Fortschritt und Gehirn (freier Wille usw) zu verbinden ist gut, aber fatal komplex und so zur puren Spekulation verdammt.
Zum Konstruktivismus, eine interessante Idee, aber ich mag sie nicht, weil sie das Gehirn zum deterministischen Automaten degradiert und zur Schlussfolgerung führt, dass es weder einen freien Willen, noch eine Seele, noch eine Leben nach dem Tod gibt.
Und darüber hinaus stellt sie die freie Gesellschaft in Frage.
Dann bevorzuge ich lieber den "kalten" hellenistischen Rationalismus plus eine ordentliche Prise Epikur.
27. Evolution und Fortschritt
27.01.2007, Dr. Peter Altreuther, Wuppertal"Evolution setzt bekanntlich auf Nützlichkeit" wird zu Beginn festgestellt. Wer ist dieses Subjekt "Evolution", das etwas mit uns anstellt, das wir vielleicht gar nicht wollen? Ist es ein Nachfahre der "vis vitalis", die man zur Erklärung anderweitig nicht verständlicher Lebensvorgänge brauchte? Oder ist sie einfach eine Erklärung von (bereits erfolgten) Strukturänderungen, die ohne sie nicht verstanden werden können? "Survival of the fittest", das klingt zielgerichtet - wie, wenn auch diese Zielrichtung nur eine Illusion wäre? Wäre sie keine Illusion, dann gäbe es Prognosen über Ziel und Ende der Evolution. Stattdessen aber nur:" Die Evolution geht ziemlich langsam nirgendwohin" (Michael Ruse, Zitat Voland). Zur Erklärung eines Fortschritts via Wettrüsten und natürlicher Selektion ist diese Idee nicht brauchbar, vielleicht weil Evolution eben kein handelndes Subjekt ist. Damit wäre aber auch die Behauptung erledigt, ein Trick der Evolution habe uns den Fortschritt vorgegaukelt, "nicht weil sie wirklich Fortschritt generiert, sondern allein um im System zu bleiben" (Voland).
Dass wir die Welt nicht so sehen, wie sie ist, ist keine neue Erkenntnis; das "Ding an sich" ist keine Erfindung der Neuzeit. "Die Realität ist das, was man nicht erkennt, wenn man sie erkennt" (N. Luhmann). Oder (Drewermann): "Unser Wahrnehmungssystem ist ein Instrument eben nicht zum Erkennen der Wahrheit, sondern zum Bestehen der Wirklichkeit". Sollte es auch nützlich sein, anstelle der Farbe Grün eine Wellenlänge zu erkennen oder alles nur grau in grau zu sehen? So kann man unser Wahrnehmungssystem durchaus als "nützliche Konstruktion des Gehirns" betrachten, aber es erzeugt nicht Illusionen, sondern Transskriptionen von Wirklichkeit, mit denen wir besser umgehen können.
Was ist dann der Fortschritt, Illusion oder transskribierte Wirklichkeit? Dass es ihn nicht gäbe, weil man ihn nicht messen könne, greift zu kurz. "Wer mag schon angesichts der heutigen biologischen und kulturellen Lebenschancen im Mittelalter leben - oder auch nur in der Generation seiner Großeltern"? fragt der Autor. Natürlich müsste man die Parameter kennen, an denen Fortschritt zu messen wäre; am Beispiel der Lebensverlängerung durch die Fortschritte der Medizin erschiene das einfach - oder auch nicht? Vielleicht könnte Ernst Bloch helfen: "Klar bleibt, der Ruf nach vorwärts ist so wenig mit sich selber fertig wie die Sache, die er bedeutet. Der Begriff Fortschritt impliziert ein Wohin und Wozu, und zwar ein zu wollendes, also gutes Wozu und ein zu erkämpfendes, also noch nicht Erreicht-Vorhandenes. Ohne Wohin und wozu ist ein Fortschritt überhaupt nicht denkbar, an keinem Punkte meßbar, vor allem auch als Sache gar nicht vorhanden". Wohin und wozu - Fortschritt nicht in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft, nicht für das Tretrad, aber zum Wohle von Menschen. Frieden wäre so ein Ziel und ein ungeheurer Fortschritt.
28. Fortgeschritten von seiner Mitte
27.01.2007, Gerd Winkler, BerlinAlso der heutige Fortschritt ist schon eine Illusion.
29. Subjektivität des Fortschritts mathematisch beweisbar
27.01.2007, Manfred Weis, MalschWenn nun aber mehrere Ziele berücksichtigt werden sollen, so ist jedes Maß willkürlich in der Bewertung der Teilziele und was im Maß des einen Fortschritt ist, ist im Maß des anderen ein Rückschritt.
Der mathematische Hintergrund ist die Unmöglichkeit, Punkte eines 2-, 3- oder höherdimensionalen Raumes (für jedes Ziel eine Dimension) stetig auf den Zahlenstrahl abzubilden, und jeder hat eine eigene Vorstellung davon, wo geschnippelt und geklebt werden sollte, um eine subjektive Bewertung zu ermöglichen.
Diese Erkenntnis stammt von Georg Cantor aus dem vorletzten Jahrhundert.
Noch übler ist, dass komplexe Zahlen eine wichtige Rolle in physikalischen Modellen des Universums spielen, man aber beim Versuch, diese zu vergleichen unweigerlich widersprüchliche Ergebnisse erhält.
Somit existiert Fortschritt mangels objektiver Vergleichbarkeit von Lebensumständen bezüglich der real gegebenen Pluralität von Zielvorgaben bewiesenermaßen nur in Gehirnen mit eindimensionaler Wahrnehmung.
30. Fortschritt in der begrifflichen Fassung der Umgebung
27.01.2007, Tigris Seyfarth, MünchenHieraus ergibt sich allerdings die Frage, wodurch sich der Mensch motorisch/muskulär von den anderen beweglichen Organismen unterscheidet. Denn nicht die Nervenzellen sind die Grundlage der Bewegung, sondern die muskulären Strukturen der jeweiligen Organismen. Beim Menschen sind es immer noch die - zugegebenermaßen recht vielfältigen - Muskeln, die dem Sprechen zu Grunde liegen. Dass aber die daraus abgeleitete "begriffliche" Fassung der Bedingungen der Umgebung wie auch des menschlichen Organismus keine Fortschritte gemacht hätten, wird auch Prof. Voland nicht bestreiten. Wie die Menschen ihre Umgebung begrifflich fassen, so können sie auf die Umgebung ("Technik") bzw. auf ihren Körper (Medizin) einwirken.
Zugleich stellt die menschliche Bewegungsform einen wichtigen Faktor für den menschlichen Stoffwechsel dar, da in der Atemmuskulatur die Versorgung des Körpers mit Sauerstoff und das Sprechen zusammenfallen (an erster Stelle ist das Gehirn davon abhängig).
Fortschritt im Voland´schen Sinn kann es tatsächlich nicht geben, da kein Mensch sein Gehirn registrieren noch beeinflussen kann. Die Fokussierung auf das Gehirn bedeutet insofern eine "begriffliche" Sackgasse für die Menschen. Man bedenke, dass "Gehirn" und "Gott" gleiche Konstellationen beinhalten: das eine im Menschen, der andere außerhalb, werden beiden die gleichen Funktionen zugeschrieben: "steuern alles", beide kann man nicht "registrieren" und nicht "beeinflussen". Insofern konstituiert die Fokussierung auf das Gehirn lediglich eine neue Transzendenz - jetzt im Menschen. Das passt zur Individualisierung ohne begrifflichen Erklärungs-Fortschritt
31. Der Blick von außen
28.01.2007, Klaus Deistung, WismarWenn es um den Homo sapiens, seine Fähigkeiten und Entwicklungen geht, dann unterdrückt man die dort gegebenen Informationen [KS][SA][SE].
Ein bedeutenderes Epos ist das Enuma Elisch – das babylonisch-sumerische Schöpfungsepos [Zi], zu dem sich die Uni Essen mit einem Teil befasst [UE]: „Marduk schafft den Menschen“. Evolution im Allgemeinen schon – aber die Bibel mit 1 Mo 1,26 Gott schuf... wird hier klar und durchaus wissenschaftlich nachvollziehbar herausgearbeitet [SA]. Am Ende dieser Entwicklung sagte der König Anu vom (rausgerechneten [DN]) Nibiru in Nasca vor seinem Rückflug im Jahr 3760 v. Chr. [SE]: „Was auch immer die Bestimmung für die Erde und die Erdlinge vorgesehen hat, so möge es geschehen! Wenn dem Menschen und nicht den Anunnaki vorbestimmt ist, die Erde zu beherrschen, sollten wir das Schicksal befördern!“ Viele seiner Zuhörer – Kinder und Kindeskinder – sind namentlich bekannt: Ea/Enki/Ptah, Enlil, Ninhursag/Hathor, Marduk/Amun, Ningischzidda/Thot/Hermes, Ischtar/Inanna... Durch das Studium dieser Unterlagen (auch aus Indien...) in der Gegenwart könnten wir noch viel aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen!
Vielleicht verstehen wir so auch Prof. Linke besser [GK]: "Viele deutsche Wissenschaftler fürchten, ihr Gesicht zu verlieren, wenn sie sich auf religiöse Fragestellungen einlassen."
Literatur
[GE] -: Gilgamesch-Epos. Reclam 1999
[MS] Maul, St. M.: Das Gilgamesch-Epos. Beck, München 2005
[EV] Ercivan, E.: Verbotene Ägyptologie. Kopp, Rottendorf 2001
[KS] Kramer, S. N.: History Begins at Sumer. Thirty-Nine Firsts in Recorded History, Pennsylvania University Press, 1998, erste Ausgabe 1956, dt. 1959
[SA] Sitchin, Z.: Am Anfang war der Fortschritt. Knaur, München 1998, neu 2004: Die Hochtechnologie der Götter.
[SE] Sitchin, Z.: Das verschollene Buch Enki. Kopp, Rottenburg 2006
[Zi] Zimmermann, H.: Enuma Elisch - der mesopotamisch-altbabylonische Schöpfungsmythos.
http://www.earlyworld.de/enuma_elish.htm
[UE] Enuma Elisch: Marduk schafft den Menschen.
http://www.uni-essen.de/Ev-Theologie/courses/course-stuff/meso-enuma.ht
[DN] Deistung, K.: Planet X - Nibiru rausgerechnet!? Beitrag vom 02.05.06
http://www.wissenschaft-online.de/artikel/840775
[GK] Gaschler, K.; Könneker, C.: Die Kopflastigkeit der Religion. Gehirn & Geist 02/2002, S. 14 – 17
32. HEXE ???
30.01.2007, Keller Heinz> laut und deutlich.
So steht es im Leserbrief von Frau Dr. Reiterer.
In meiner Vorstellung sind Hexen weise Frauen, die viel Wissen über einen Teil der Welt angesammelt haben, damit aber nicht prahlen oder es lauthals anderen Leuten auf's Auge drücken wollen.
Gewissermaßen das komplette Gegenteil von dem oben Geschriebenen ...
33. Ist der Fortschritt eine Illusion?
01.02.2007, Klaus Deistung, WismarEvolution – ein Hasswort für Kreationisten, das schon vor Jahrzehnten in „Wer den Wind sät“ verfilmt wurde. Wir können aber auch nicht umhin, das „Buch der Bücher“ mit 1 Mo 1,26 zu berücksichtigen, wie mehr als 4000 Jahre alte Schriften berichten. Evolution auf der einen Seite und Eingriffe auf der anderen Seite – die Geschichte ist nicht nur schwarz/weiß – dazwischen liegt die ganze Farbskala!
Weder sind wir allein im All – G. Bruno wurde dafür vor gut 400 Jahren verbrannt – noch ist die Erde nur 6000 oder 15.000 oder 2 Millionen Jahre alt. G. Bruno würde heute noch nicht offiziell zum Stand der Wissenschaft gehören!
Wenn wir in der Gegenwart die Schriften der Vergangenheit (Sumer, Indien...) naturwissenschaftlich auswerten würden, könnten wir eine Menge für die Zukunft lernen – und so den Fortschritt beschleunigen.
Man entdeckt keine neuen Erdteile,
ohne den Mut zu haben,
alte Küsten aus den Augen zu verlieren!
André Gide, franz. Schriftsteller
34. Evolutionär vorteilhafte Hilfsbereitschaft
02.02.2007, Martin UrbanEs genügt jedoch ein Gegenbeispiel, um die These, es gäbe keinen biologischen Fortschritt, zu widerlegen. Fortschritt ist im Sinne evolutionär vorteilhaft also sehr wohl auch eine biologische Kategorie, natürlich auch eine psychologische, aber beispielsweise auch eine erkenntnistheoretische.
35. Wie halten Sie es mit dem Fortschritt?
03.02.2007, Berthold Arndt, KlötzeAlbert Einstein hat einmal sinngemäß gesagt, wir sollten die Wissenschaft lieben und die Pseudowissenschaft hassen. Mit der Liebe zur Wissenschaft ist es in Deutschland nicht weit her. Im Fernsehen laufen ständig Krimis und andere Formen von Gewalt. Nicht nur, dass damit kriminelles Denken in der Öffentlichkeit verbreitet wird und Vorlagen für Gewaltexzesse gegeben werden, es wird auch wertvolle Sendezeit verschwendet, die zur Bildung des Volkes genutzt werden müsste.
Stattdessen werden immer wieder Irrationalitäten in Umlauf gebracht. Bei Begründung der Notwendigkeit des Umweltschutzes wird häufig die Natur personifiziert. Ich denke hier an Formulierungen wie „Die Natur lässt sich nicht überlisten“ oder „Die Natur fordert ihr Recht“. Das ist natürlich Unsinn. Es kommt darauf an, die Naturgesetze zu kennen und auf Grundlage dieser Kenntnisse zum Wohle der Menschheit in die Umwelt einzugreifen. Alles, was dem Wohle der Allgemeinheit oder dem Interesse des Einzelnen dient, falls keine anderen Interessen verletzt werden, ist erlaubt.
Wir stehen am Anfang einer alles erfassenden wissenschaftlichen Revolution. Die Verwissenschaftlichung der Gesellschaft hat gerade erst begonnen. Staaten, die sich der Wissenschaftsfeindlichkeit hingeben, haben im internationalen Wettbewerb schlechte Karten. Ich denke hier zum Beispiel an die Gentechnik und die Stammzellenforschung – Technologien, die in Deutschland immer noch massiv behindert werden.
Die Nutzung embryonaler Stammzellen wird in Deutschland mit dem Argument verhindert, das Menschsein beginne mit der Befruchtung der Eizelle, also mit der Zygote. Doch dies ist ebenso willkürlich wie viele andere Festsetzungen. Es wäre durchaus sinnvoll, das Menschwerden mit der Bildung von Nervengewebe zu veranschlagen, denn ab diesem Zeitpunkt könnte der Embryo leidensfähig sein, und die Nervenfunktionen sind es, die das typisch Menschliche ausmachen. Wenn das Menschsein mit der Zygote begänne, dann müssten alle überschüssigen befruchteten Eizellen, die bei der In-vitro-Fertilisation (Befruchtung außerhalb des Mutterleibs) in der Fortpflanzungsmedizin entstehen und bei Tiefsttemperaturen aufbewahrt werden, schnellstens Frauen eingepflanzt werden, denn es wären Menschen, deren Entwicklung verhindert würde. Andererseits dürfen nach geltendem Recht Embryonen zu einem Zeitpunkt abgetrieben werden, wenn sie schon ein entwickeltes Nervensystem besitzen.
Diese Widersprüchlichkeit zeigt die Wissenschaftsfeindlichkeit in der deutschen Gesetzgebung
36. "Und es gibt ihn doch"
03.02.2007, Manuel Bärenz, HeidelbergDie Antwort auf diese Frage ist doch offensichtlich die, die gegeben werden muss, bevor man sich darauf einlässt, so umstürzende philosophische und psychologische Thesen aufzustellen. Denn das, was Prof. Voland da beschreibt, ist nichts anderes als Fortschritt.
Und im Gegensatz zu seinem nicht ganz einleuchtenden Ansatz ist es doch so, dass es Fortschritt gibt, der Mensch aber ihn aus genau den angegebenen Gründen nicht wahrnimmt! Ein vom Evolutionsgedanken geprägter Mensch nimmt den Fortschritt selbstverständlich nicht wahr, kurzsichtig wäre es jedoch, ihn aus diesem Grund zu verleumden.
37. Die Welt ist subjektiv - na und?
06.02.2007, S. Irmer, NürnbergFolglich ist also etwas, das ich als blau sehe, wirklich blau und und etwas, das ich als Fortschritt sehe, tatsächlich ein Fortschritt.
38. Verständnis für die Illusion
06.02.2007, R. Weingart, Stuttgartselbstorganisierender Prozess. Wird nun ein
neues Lebewesen geboren, so ist es im ersten
Augenblick ein reines, für sich alleinstehendes
Objekt. Es beginnt nun wie ein Neuron in einem
neuronalen Netz mit der Umgebung, genauer
gesagt mit der Natur, in Austausch zu treten. Es
entstehen Wertungen, um im Einklang mit dem
Netz bzw. der Natur leben zu können. Will es
widernatürlich reagieren, so verstärken sich die
Rückkopplungen des Netzes, um es wieder in
Einklang zu bringen. Evolution heißt sich der
Natur anzupassen, das am stärksten angepasste
Lebewesen hat die beste Überlebenschance. 'Höher,
schneller, weiter' oder 'der Stärkste überlebt' haben nichts mit Evolution zu tun. Sie sind nur Abbilder der
Wirklichkeit, welche die Wirklichkeit aber nicht
erfassen. Fortschritt im Sinn der Gesellschaft
beinhaltet diese Formalismen. Das
Streben nach einem immer höheren
Lebensstandard wird als Fortschritt gesehen.
Dabei unterstützen die gesellschaftlichen
Strukturen dieses Denken, wodurch vielen
Menschen die Möglichkeit, über diese
Grenzen hinweg die Welt zu betrachten,
verschlossen bleibt. Es wird behauptet, technischer
Fortschritt dient zur besseren Anpassung an die
Natur. Wenn man sich aber z.B. die Auswirkungen des technischen Fortschritts auf das Weltklima anschaut, so
sieht man eher den Menschen als ein Neuron, welches
Schwierigkeiten damit hat, im Einklang mit den
Schwingung des neuronalen Netzes, also der
Natur, zu existieren. Viel zu sehr ist in der heutigen
Zeit Fortschritt mit Wirtschaft, Geld und Macht verzahnt,
sodass sich der Begriff sehr verwässert hat und wie der
Autor richtig bemerkt oft nur illusorisch verstanden wird.
Im neuronalen Netz ist es bei einem Neuron
normal, größere Abweichungen von der Umgebung zu
erfahren. Dabei entstehen neue Wertungen, um die optimale Anpassung wieder erreichen und somit einen hohen Stand in der Evolution haben zu können - sozusagen das Ideal.
Fortschritt ist somit die Verbesserung in der
Aufrechterhaltung des Ideals. Existieren nur
geringe Schwankungen um das Ideal, ist ein
feiner und empfindlicher Ausgleichsmechanismus auf Schwankungen im Neuron vorhanden. Dieser Zustand enthält mehr Komplexität und lässt sich in der Komplexitätszunahme in der heutigen Welt zum Mittelalter wiederfinden, ebenso in technischen Errungenschaften, die zur Anpassung an Schwankungen in der Natur dienen können. Ein komplexer Mechanismus kann, um mehr Sicherheit zur Stabilät bieten zu können, in gewissen Maßen vereinfacht werden, um die Empfindlichkeit zu reduzieren. Dabei muss in diesem Übergang die Aufrechterhaltung des Ideals weiterhin Bestand haben können. Ist diese Wandlung vollzogen, so gab es einen Fortschritt in der Erhaltung des Ideals, welcher Rückschritte enthalten kann, da eine Vereinfachung beinhaltet ist. Fortschritt und Rückschritt sind somit Schwingungen um das Ideal - dem perfekten evolutionären Stand bzw. die optimale, momentane Anspassung.
Die Entdeckung der Physik über den Ablauf und die Nutzung der Kernreaktion war ein Fortschritt in den Theorien der Physik, ein Fortschritt in der Erzeugung vom Strom und ein 'Rückschritt' in der Waffentechnologie. Nun bedarf es eines Rückschritts im Ausbau der Kernreaktoren auf Grund der Umweltbelastung, eines Fortschritts in der Verständigung zwischen Ländern, eines Rückschritts im Nutzen von Waffen, eines Rückschritts in der Komplexität bei den Deutungen von physikalischen Theorien, damit ein Fortschritt in der Stromerzeugung erzielt werden kann.
Man kann also Fortschritt finden, der mit keiner Illusion behaftet ist. Ebenso kann man mit einer Illusion Fortschritt weismachen. Der Artikel stellt eine Seite der Betrachtung von Fortschritt da, gebildet aus einer Illusion. Allerdings entstehen dabei Schlussfolgerungen, die bei umfassenderer Betrachung widerlegt werden können. So findet sich der Begriff Fortschritt bei der Betrachtung von Evolution als sich selbst organisierender Prozess, wie oben beschrieben, wieder - entgegen der Behauptung im Artikel. Als Aussagen über den Frust des Nicht-Vorankommens in einer Zeit mit gewachsener technischer Komplexität, hoher Komplexität des Wissens in den Wissenschaften und bei gleichzeitigem Entfernen der Menschheit von einer guten Anpassung an die Natur sind sie allerdings sehr verständlich. So gilt es, manche Illusionen aus
der Welt zu schaffen, um einen Fortschritt bzw. ein verbessertes Überleben des Menschen wieder erkennen zu können.
39. Eine Sache der Definition
07.02.2007, Johann Gschwendtner, DingolfingDefiniere ich "Fortschrit" so, dass sich daraus "Fortschritt" als Illusion ableiten lässt, dann ist "Fortschritt" eine Illusion. Definiere ich aber "Fortschritt" anders, dann ist eben "Fortschritt das, was ich als "Fortschritt" definiert habe.
Meine Herren und Damen, es geht doch nicht um Begriffe. Dem Worte nach ist "Fortschritt" das Fortschreiten, das Nicht-Stehenbleiben. Na und, könnte man sagen.
40. Unklare Definition
13.02.2007, Gradwohl Werner, WienEvolution ist auch nur bestmögliche Anpassung an Umweltbedingungen. Da sich diese ändern, kann evolutionärer Fortschritt immer nur begrenzt sein.
Die begrenzte Komplexitätszunahme als Folge der Selbstorganisation ist kein unmittelbarer Fortschritt. Dieser entsteht ja erst aus der Funktion des Komplexes (entweder in evolutionärer Nützlichkeit oder Datenverdichtung). Da eine Informationszunahme nicht zwingend mit (lokaler) Entropieabnahme einhergeht, hängt die Datendichte von der Codierungseffizienz der Funktionen ab. Diese mag zwar genetisch seit Langem konstant sein (da sie ziemlich optimal ist), aber auch der genetische Code musste sich zuerst entwickeln. Und die Individuen selbst haben ihre Anpassungskapazität durch informationsverarbeitende Systeme weiter erhöht, und für diese sogar nützliche Datensätze aufgezeichnet. Solche Meme (die zweifellos auch viel Rückschritt enthalten) sind m. E. ein Teil des Fortschritts. Wie in einigen Leserbriefen bereits erwähnt geht es um weitere Vereinfachungen (Code-Optimierung), und die optimale Ausnützung der maximalen Datendichte.
Diese nimmt stetig zu, was zweifellos Fortschritt ist, zumal die Sinnhaftigkeit der Daten zusätzlich langsam ansteigt.
41. Fortschritt ist Teil der Evolution
14.02.2007, Obermair, München42. 2 Ebenen
20.02.2007, Reino Kropfgans, 42119 Wuppertaljeder, der auf der Höhe der Zeit ist, was die wissenschaftliche Erkundung geistiger Schimären wie z. B. die der Ich-Konstruktion betrifft, kann Ihrer Einschätzung nur zustimmen. Innerhalb des Systems alltäglicher Selbstbehauptung ist Fortschritt nur die Möhre, die der Reiter dem Esel vor die Nase hält, um ihm ein Ziel zu suggerieren. Ergo ist die Fortschrittskonstruktion systemimmanent und keinesfalls kompatibel mit dem System des Absoluten, der Metaphysik und des sensorischen Vakuums.
Aber genau dieser Eindruck entsteht bei der Lektüre, dass nämlich das eine „normale“ Bewusstseinsuniversum der Farben, Dualismen und sozialen Trennlinien gegen diesen anderen kosmisch schweigenden, weltlosen, ja transzendenten Raum abgeglichen oder gar ausgespielt werden soll. Sie sind offenbar überzeugt davon, „dass Menschen aus naturgeschichtlichen Gründen nicht in der Lage sind, ein Ende des evolutionären Wettrüstens zu verabreden“. Diese Gründe würden mich natürlich interessieren, zumal es immer „Aussteiger“ gegeben hat, die zumindest exemplarisch gezeigt haben, dass der gefürchtete Stillstand eine ebenso absurde Konstruktion darstellt wie die des Ichs oder die des Gewinnen-Müssens.
Viele Philosophen haben sich in den letzten Jahren bekanntlich weg vom „luftleeren Raum“ hin zur Lebenswirklichkeit bewegt und so auch der interdisziplinären Vernetzung Rechnung getragen. Denkt man in dieser Richtung weiter, wird die Betrachtung von Fortschritt, Konkurrenz, Realität oder Glück sehr schnell politisch und es tauchen Begriffe auf wie Ethik, Macht, Gier, Bildung oder Lobbytum.
Dass Zufriedenheit der Differenz bedarf, wage ich zu bezweifeln, wenn ich nur an die Zen-Mönche und –nonnen denke, denen ich begegnet bin: die sprühten vor Energie und Lebensfreude, weil sie sich dafür entschieden hatten, ihren Geist umzuformen. Sie hatten die Ebene gewechselt.
43. Der ewige Kreis
22.02.2007, Martin GastelEs fragte die Frage den Kreis: "Bist Du ein Symbol der Endlichkeit in der Unendlichkeit oder bist Du die Unendlichkeit in der Endlichkeit". Daraufhin antwortete der Kreis: "Frage den ersten Punkt. Erhälst Du keine Antwort, so frage den nächsten. Erhälst Du wieder keine Antwort, so frage immerzu den nächsten. Doch bedenke, den ersten, den Du fragst, legst Du selber fest.
44. Metaphysische Erkenntnisfalle
26.02.2007, Johannes Schmitz-Sauermann, Walberberg2. Welche Bedeutung haben für ihn generell die Vokabeln „entlarven“, „Enttarnung“, „scheinen“, „lockerer Sprachgebrauch“, „Fachleute“, „ist das wirklich so“ etc., wenn nicht die, dass es einen gesellschaftlich ausgewiesenen Bereich gibt, der so etwas wie Wahrheit, Wissen oder Erkenntnis produziert? Dass es hinter dem Schein ein Sein gibt oder zumindest einige Aussagen wahrer, nützlicher, besser sind als andere?
3. Da der Autor u.a. Professor für Philosophie ist, sollte es auch in einem polemischen Essay möglich sein, die eigenen metaphysischen Bedingungen und Grundlagen der Argumentation zu bedenken; denn als was tritt hier die Wissenschaft, insbesondere die Biologie und die Evolutionstheorie auf? Als was wird uns das Gehirn hier eigentlich verkauft („ähnel(t) dogmatischen Egozentrikern“)?
4. Viele Aussagen in seinem Aufsatz entbehren der Begründungen, Erläuterungen, Definitionen und Differenzierungen. Vor allem wäre eine Unterscheidung von Evolution als naturwüchsigem Prozess von der Geschichte als Menschenwerk qua kulturellem Lernprozess schon sinnvoll. Wissensstände werden, soweit ich weiß, nicht von der Natur evolviert, sondern als Traditionen - unter anderem in akademischen Institutionen - überprüft, verändert, erweitert und weitergegeben. Auch scheint mir sein Begriff der Nützlichkeit, den er ja gegen den des Fortschritts ausspielen möchte, gerade einer sehr subjektiven Sphäre zu entpringen und kaum geeignet, seine Tirade gegen Objektivität zu unterstützen. Nebenbei: Ist denn die Naturwissenschaft ohne diese denkbar?
5. Unterdessen greift die instrumentelle Vernunft schon listig in Naturprozesse ein! Klimakatastrophe – auch Menschenwerk. Gerade die Biologie durch ihre genetischen Eingriffe in die „Welt ‚da draußen’“(!) gebiert ganz ordentliche Illusionen über Machbares und Wünschenswertes, ohne sich für die Folgen zuständig zu erklären – oder?
6. Wen greift der Autor überhaupt an? Gegen wen will er was verteidigen? Wer behauptet etwa, dass Fortschritt eine (ausschließlich?!) biologische Kategorie sei oder gar einen archimedischen Punkt brauche?
7. Der Autor vermischt sehr vieles und lässt vieles ungeklärt. Den Fortschrittsbegriff schon hätte er als normativen ausweisen sollen, statt polemisch der Wissenschaft (welche eigentlich?) ‚zersetzende Kraft’ und ‚schonungslose Analyse’ (wem gegenüber eigentlich?) zu attestieren. Ein recht merkwürdiges Wissenschaftsverständis. Ironischerweise widerspricht dies aber der gesamten Textaussage, das Gehirn sei einzige Realität. Denn dies wird ja als objektiv wahr behauptet. Gödel lässt grüßen!
45. Die Berühmte Kinderfrage WARUM?
01.03.2007, Guido Waldenmeier, Schorndorfgehört der "Fortschritt" in Ihrer Denkweise
nicht auch dazu?Die Illusion, dass man vielleicht mehr durchblickt als andere.
46. Unklarer Diskurs
25.03.2007, David TschöpeAus meiner Sicht rennt er unter anderem ganz weit offen stehende Türen ein. Wenn zunächst die Analogie des alten anthropozentrischen Irrglaubens bezüglich der Bewegung von Erde und Sonne relativ zueinander für die Illustration der vermeintlichen Illusion des Fortschritts herhalten muss, dann muss aber auch konsequent von der entweder zulässigen oder eben nicht zulässigen Wahl des Bezugssystems die Rede sein. Denn die Aussage "Die Sonne kreist um die Erde" ist bei der richtigen Wahl des Bezugssystems nicht falsch. Sie bringt einen nur nicht weiter, wenn es darum geht, mehr zu beschreiben, als das Phänomen von einem auf der Erde sichtbarem Sonnenauf- und Untergang.
Herrn Voland geht es aber in seiner Argumentation nicht zuletzt um Bezugssysteme.
Voland unterstellt dem, der einen Fortschritt gleichsam aus der Sicht eines Sonnenaufgangsbeobachters sehen kann, das Nichterbringen einer entsprechenden "Transferleistung", die aber in der jeweiligen Situation auch überhaupt nicht unbedingt erforderlich ist.
Obendrein geht es ihm um einen nur im subjektiven Bewusstsein denkbaren Fortschritt, der außerhalb desselben keine Entsprechung haben soll, schon gar nicht in der objektiven, nach evolutionstheoretischen Gesetzen sich verhaltenden, belebten Natur.
Nein, es gibt selbstverständlich keine Lamarck'sche Zielgerichtetheit.
Das behauptet aber auch nicht zwangsläufig jemand, der in der natürlichen Selektion ein Prinzip sieht, das mit Fortschritt zu bezeichnen ist. Denn wenn ich dies tue, dann kann das durchaus auch das meinen, was ein Sonnenaufgangsbeobachter als Rückschritt bezeichnen würde, nämlich beispielsweise die Entwicklung von "höherentwickelten" zu weniger "hoch" entwickeltem Leben. Es ist einfach jeder evolutionsbiologische Vorgang im zeitlichen Verlauf als Fortschritt zu bezeichnen! Ob der nun aus Ihrer oder meiner Sicht positiv oder negativ bewertet wird, ist der evolutionsgeknebelten Natur natürlich egal. Für sie KANN es nur Fortschitt geben.
Also nicht mehr und nicht weniger als genau dieser Neigung der belebten Natur zur Selbstorganisation wohnt ein Fortschritt inne, den Herr Voland vielleicht nicht erkennen mag.
Man muss die Natur nicht eines Prinzips entheben, nur weil ihr dieses im falschen Zusammenhang angedichtet wird.
Aber solange der Autor uns eine Definition des Fortschritts schuldig geblieben ist, welchen er in den Gedanken von den vielen in ihrer Subjektivität gefangenen Gehirnen ausmachen zu können meint, bleibt die Diskussion ohnehin wieder mal eine Wortklauberei auf hohem Niveau.
47. Einwände eines 'naiven Realisten'
26.03.2007, Prof. Dr. Hans-Jürgen SteffensWären wir mit einem intelligent durchgeführten Experiment nicht besser bedient? So und nicht anders hat man nämlich schon im Altertum die Kugelgestalt der Erde nachweisen können. Theoretisch hätte die Erde ja tatsächlich flach sein können und eine Veränderung der Perspektive hätte es in diesem Falle nur bestätigt.
Und die Neurobiologie erklärt, wie im Gehirn Farben entstehen?
Das ist Unsinn.
Sie kann mit bildgebenden Verfahren Aktiväten im Gehirn messen, die mit äußeren Stimuli oder problemlösendem Denken assoziiert sind. Ob es sich dabei um ein Zombie-Gehirn handelt, das menschliches Bewusstsein nur perfekt simuliert, ist damit nicht zu klären. Und die Neurobiologen wissen das auch.
Ich halte das ‚Ich’ auch nicht für eine Illusion. Es ist einfach da. Nicht nur bei mir. Und wäre ich mir nicht völlig sicher, Herr Voland, dass Ihr ‚Ich’ ebenfalls keine Illusion ist, sondern Teil der Realität, dann würde ich mich über Ihr Essay noch drastischer äußern.
Es ist doch völlig unerheblich, ob die vom Gehirn ‚erzeugte’ Realität nur eine ‚subjektive’ Realität ist oder nicht. Die Gesetzmäßigkeiten, die ich feststelle sind so beinhart, dass ich mir an ihnen buchstäblich den Schädel einschlagen kann. Diese Gesetzmäßigkeiten sind so fernab meinen Zugriffsmöglichkeiten, dass sie – wie auch immer – eine sich mir objektiv gegenübertretende Realität konstituieren (inklusive der sogenannten Qualia!).
Wenn ich diese Realität nolens oder volens also ernstnehme, dann zeigen mir diese Gesetzmäßigkeiten darüber hinaus, dass ich gar keine andere Wahl habe, als den Standpunkt eines naiven Realisten anzunehmen. So teilen mir diese Gesetzmäßigkeiten z.B. mit, dass es Bereiche des Universums gibt, die zeitlich noch gar nicht miteinander wechselwirken konnten.
Über etwas anderes als einen naiven Realisten könnte die Natur also doch nur lachen.
Damit sind wir schon bei ersten Aspekten eines Fortschritts: dem Wissen. Und da mache ich zunächst eine Themeneingrenzung – Sie hätten das den Heuristiken eines guten Deutschaufsatzes gemäß vielleicht auch tun sollen – und betrachte das Gebiet der Mathematik.
Hier kann ich nach allen mir bekannten Standards nichts anderes als einen objektiven Fortschritt in den erkannten und bewiesenen Theoremen erkennen (inklusive der Unentscheidbarkeitstheoreme aus theoretischer Informatik und mathematischer Logik!)
Und kann gleichzeitig den Daumen auf etwas legen, zu dem nur der Mensch imstande ist.
Brauchen wir immer einen äußeren Maßstab? Ich denke nicht. Eine Entscheidung, in welcher Richtung auch immer, kann schon Fortschritt bedeuten. Dies beginnt bei der Festlegung von Regeln im Straßenverkehr, also Rechts- oder Linksverkehr. Und jeder Ingenieur weiß um den kolossalen Fortschritt, den eine simple Normierung bedeutet. Das ‚Dass’ ist hier entscheidend, nicht das ‚Wie’.
Und hier sind wir beim entscheidenden Punkt meiner Kritik. Die philosophische Problematisierung des Fortschrittsgedankens kommt interessanterweise selten von den Ingenieuren, selten von denen, die in schwierigen Projekten mit der ganzen Kratzbürstigkeit der Natur zu kämpfen hatten. Und nach erfolgreicher Beendigung einfach wussten, was Fortschritt ist. Auch nicht von Physikern, die theoretische Modelle konzipierten, um dann ein Experiment vorzuschlagen, das – noch nie durchgeführt – ihre Vorhersagen bestätigte.
Das nenne ich Fortschritt.
Und nicht das nachträgliche Interpolieren vorgegebener Messpunkte durch ein Polynom. Das kann jeder.
Mich würde wirklich interessieren, ob Sie, Herr Voland, hier mehr aufzuweisen haben, als eben jenes ‚nachträgliche Interpolieren’.
48. Koboldlied
28.03.2007, Peter Rauschmayer, München"Es lebt der Mensch um fortzuschreiten!
Der Fortschritt ist des Daseins Sinn!"
So schreiten wir denn fort, wir schreiten,
vielleicht um in entfernten Weiten
mit andern, ebenso Gescheiten
zuletzt in den Abort zu gleiten,
denn wichtig ist nur, fortzuschreiten;
doch keiner sagte noch, wohin.
Zufällig stieß ich heute darauf in dem Büchlein "Koboldlieder" von Otto Kuen (Ehrenwirth Verlag München 1979).
49. Natürlich schreiten Welt und Zeit fort !
28.03.2007, Wolfgang GegnerAlles schreitet permanent fort, ganz ohne Wertung, unvermeidlich, zum Verdruss der Konservativen, ohne Aussicht auf eine Auszeit zum Nachdenken.
Im Fortschreiten der Weltgeschichte kann man das kurze Bestehen von Homo Sapiens vermutlich noch gar nicht ausmachen und es wird dank seines Verhaltens ebenso schnell vorüber sein.
Soviel zu denen, die doch tatsächlich glauben, wir könnten uns von diesem Fortschreiten dessen Bestandteil die Evolution ist abkoppeln. Faust II lässt grüßen.
50. Ein kleiner Anhang zu "Fortschrittsillusion"
31.03.2007, D. Thiele51. Es gibt doch einen Fortschritt
03.04.2007, Eugen Muchowski, UnterhachingBei der belebten Natur sind die Dinge etwas komplizierter. Die Komplexität als Maß ist schwer zu fassen. Zu behaupten, dass Menschen nur 5% komplexer sind als Mäuse, nur weil sich ihre Genome um 5% unterscheiden, ist nicht zielführend. Angemessener wären Maßstäbe auf der phänomenologischen Ebene.
Nimmt man also die Anzahl der Funktionen ( Mechanismen zur Erzeugung von Ausgangszuständen aus Eingangszuständen) als Maß für einen Fortschritt, so kann man in der Entwicklung der Arten durchaus eine Zunahme, also einen Fortschritt feststellen. Der Mensch ist überdies in der Lage, sich Ressourcen dienstbar zu machen, die Anzahl der ihm zur Verfügung stehenden Funktionen durch technische Mittel zu vergrößern ( Automobil, Transistor , Computer ..)
Ein zusätzlicher Maßstab für den Fortschritt ist die Effizienz der Systeme, das heißt, die Menge der Ressourcen, die für die Erzeugung eines Ausgangszustands erforderlich sind.
Auch hier ist Fortschritt feststellbar, z.B. in der Landwirtschaft, wo heute ein Bauer Nahrungsmittel für 20 Menschen produziert, während früher für diese Tätigkeit 10 Bauern benötigt wurden.
Insofern ist also ein Fortschritt definierbar und feststellbar. Das hat überhaupt nichts mit Bewertung zu tun. Es ist keineswegs so, dass unser Gehirn nur im eigenen Saft lebt. Das Gehirn ist durchaus in der Lage, Zusammenhänge der äußeren Welt abzubilden und daraus Modelle zu entwickeln, die durch Experimente erhärtet werden können. (Newtonsche Mechanik, Relativitätstheorie, Quantenmechanik) Wie sonst könnten wir beispielsweise Sicherheit empfinden, dass sich unser Automobil nicht im nächsten Augenblick in seine Bestandteile auflöst.
52. Fortschrittsglaube und Fortschrittsnihilismus
05.04.2007, Peer Hosenthien; MagdeburgDer Kern seiner Aussage ist für mich: wenn nicht exakt definiert werden kann, was Fortschritt ist, dann kann es auch keinen Fortschritt geben. Das Unerklärliche auszublenden ist physiotherapeutisch hilfreich, philosophisch aber recht platt.
Der Fortschrittsbegriff ist nicht so alt, wie man annehmen sollte, im antiken, mittelalterlichen und östlichen Denken kann man ihn nicht finden. Er ist ein Produkt des europäischen Bürgertums und entstand zum Ende des Mittelalters und dem Beginn der Neuzeit. Er ist zu einem wesentlichen Element unseres Denkens und Handelns geworden, angefangen von: „Meine Kinder sollen es einmal besser haben“ bis zur „Globalisierung unserer Welt“. Dass der Begriff von Darwin auf die Entwicklung der biologischen Arten ausgedehnt wurde, ist dabei nur eine, wenn auch eine sehr interessante Facette.
Wenn es Fortschritt gibt, muss es aus logischen Gründen auch Rückschritt geben. Wenn es Entwicklung gibt, muss es deshalb auch Rückentwicklung geben. Der Fortschritt durchzieht die Geschichte nicht als roter Faden, dem man nur weiter zu folgen braucht. Wer einen roten Faden sucht, sollte sich der Bibel oder dem Koran zuwenden, ihn aber nicht in der Wissenschaft suchen. Die Zukunft ist hier offen.
Der Fortschrittsbegriff ist in erster Linie ein Fortschrittsglaube, er entwickelte sich aus dem christlichen Glauben heraus, basiert auf dem Selbstverständnis des Menschen als selbstständig denkendes und handelndes Wesen sowie seinem Lebenswillen und führt ihn dazu, all sein Wissen und Können zu nutzen, ein lebenswert empfundenes Leben zu führen.
Die alten Athener sagten, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei. Dem Frommen ist Gott das Maß aller Dinge, dem Ökonomen das Geld, dem Ökologen die Erhaltung der Natur. Was ist das Maß des Fortschritts? Es ist die alte Kant'sche Frage: was darf ich hoffen?
Bibel, Koran und andere Heilsschriften geben darauf eine klare Antwort, die Wissenschaft kann diese nicht bieten. Wenn die Zukunft offen ist, gibt es dann gar keine wissenschaftlich begründete Antwort auf diese Frage? Wenn niemand in die Zukunft blicken kann, niemand den Stein der Weisen besitzt oder die Weltformel kennt, müssen wir dann im geistigen Chaos leben, aus dem uns nur die Religion erlösen kann?
Gegenfrage: Wenn ich das Ziel des Fortschritts kennen würde, zu dem die Entwicklung unaufhaltsam fortschreitet, zum Beispiel zu einem Gottesstaat, dem Sieg des Sozialismus oder dem Jüngsten Gericht, warum sollte ich dann selbst noch eigene Ziele suchen, die doch dann gegen den Fortschritt gerichtet wären? Wenn ich dieses externe Ziel verinnerlicht hätte, dann wäre ich nur ein Werkzeug zum Erreichen dieses Ziels. Wenn ich es ablehnen würde, dann könnte mein Lebensziel nur der pure Genuss des Lebens sein, weitergehende Aktivitäten wären sinnlos.
Wenn ich aber nur vermuten kann, was Fortschritt sein könnte, so bin ich immer wieder aufs Neue gefordert, mein Handeln und die Kriterien, an denen ich es messen kann, zu überdenken. Das macht meines Erachtens das Leben erst interessant und lebenswert.
Wenn der Fortschritt nun unabhängig von unseren Wünschen ist und kein endgültiges Ziel darstellt, wie kann ich zumindest die momentane Richtung des Fortschritts feststellen? Wie vollzieht sich der Fortschritt? Wie verläuft die biologische Evolution? Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft? Fortschritt ist Methode und nicht Ziel. Bei Darwin lässt sich beim besten Willen kein Ziel der Evolution erkennen, nur die Methode wird beschrieben. Zwar ist das Ziel im Detail klar. Der materielle Vorteil des einzelnen Individuums führt zur Evolution. Für die Entwicklung der Arten selbst ist das aber nur die Methode. Das gilt in ähnlicher Form auch beim technischen oder gesellschaftlichen Fortschritt.
Ist der Fortschritt als Methode also nur Bewegung, wie Herr Professor Voland behauptet, wenn aus der Kenntnis der Methode das Ziel nicht erkennbar ist? Wenn weder die Entwicklung des Kosmos, des Lebens auf der Erde noch der menschlichen Gesellschaft einer externen und damit göttlichen Zielstellung folgen, kann es dieses Ziel nicht geben, es sein denn, der Kosmos, das Leben als Ganzes, oder die menschliche Gesellschaft würde selbst als Wesen aufgefasst, was aber zugegebenermaßen sehr exotisch klingt. Anhänger einer solchen Theorie sind mir auch nicht viele bekannt. Der Mensch besitzt weder eine Weltseele, wenn er sich nicht selbst für Gott hält, noch kann er als Retter des Universums auftreten, einmal abgesehen von Superman, 007 und anderen Koryphäen. Er kann aber als denkendes Wesen das nächste kleine Ziel der Entwicklung erkennen, wenn auch je nach seinem Wissenstand nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit: den Aktienkurs, das Konsumverhalten, das politische Kräfteverhältnis usw. Wenn sich der Mensch nicht als Beherrscher der Welt fühlt und sich so aufspielt, weil er zu wissen glaubt, was Fortschritt ist, sondern sich als integraler Bestandteil der Welt versteht, so kann er am realen Fortschritt teilhaben und ihn nutzen.
Problematisch wird der Fortschrittsglaube immer, wenn sich religiöse und wissenschaftliche Anschauungen in unheilvoller Weise verquicken, z.B. weil Adam und Eva am 7. Tage erschaffen wurden, sind die Menschen das Endziel der biologischen Evolution oder dergleichen mehr. Aus der Erkenntnis, dass die Menschen heute das Leben auf der Erde dominieren, kann dieser Schluss nicht gezogen werden.
Beim Lesen des Beitrages von Herrn Professor Voland musste ich an einen Punk denken, der mir vor vielen Jahren auffiel, weil er auf den Rücken seiner schwarzen Lederjacke mit vielen Nieten den Schriftzug angenagelt hatte: FORTSCHRITT WOZU? Fortschrittsnihilismus ist hip für Menschen, die an keine eigene positive Zukunft glauben. Er gibt ihnen ein ideologisches Fundament. Nun muss ich aber zur Ehrenrettung von Herrn Professor Voland annehmen, dass er das alles nur geschrieben hat, um eine Diskussion zu provozieren.
53. Kein universelles Konstrukt des menschlichen Gehirns
08.04.2007, Dr. Karl Wulff, Schneverdingen1. Der Begriff "Fortschritt" ist kein universelles Konstrukt des menschlichen Gehirns. Die alten Griechen und Römer sowie die Hochkultur des mittelalterlichen Islam kannten diesen Begriff nur ansatzweise, den alten Chinesen war er total fremd. In Europa wurde der Begriff des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts durch Fontenelle und Condorcet begründet, also erst relativ spät.
2. Fortschritt entspringt nicht einem dumpfen Gefühl von Glück oder "besser gehen", sondern er ist objektivierbar.
a). So starb z. B. der Dichter Wilhelm Hauff 1827 im zarten Alter von 25 Jahren an Typhus, einer Krankheit, die ein heutiger Arzt – falls er keinen groben Kunstfehler begeht – binnen weniger Tage auskurieren kann.
b). Ein Schüler der Grundschule unterscheidet sich von einem Neugeborenen z. B. dadurch, dass er im Laufe seines Lebens u. a. nacheinander Laufen, Sprechen sowie Lesen und Schreiben lernte, also Fortschritte in der Entwicklung durchlief.
c). Die 248-dimensionale Lie-Gruppe konnte kürzlich mit Hilfe eines Supercomputers berechnet werden, ein Fortschritt, von dem Herr Lie nicht einmal träumen konnte.
3. Die Aussage, dass der H. sapiens keineswegs höher entwickelt sei als seine Primatenvettern, erweckt völlige Verwunderung. Einmal: s. die Beispiele unter (2). Zugegeben, in einem Faustkampf mit einem Gorilla hätte der H. sapiens keine Chance, mit einem 45er Colt wäre die Situation jedoch umgekehrt. Man sollte bei derartigen Vergleichen doch die Besonderheiten des menschlichen Gehirns und die daraus folgenden kulturellen und zivilisatorischen Leistungen berücksichtigen.
4. Ernst Mayr wird von Voland missbraucht. Herr Voland sollte dessen Publikationen einmal gründlicher lesen: Mayr schreibt z. B. in einem seiner letzten Bücher "Das ist Evolution", Goldmann Tb Nr. 15349, S. 340:..."So betrachtet ist die Evolution also eindeutig mit Fortschritt verbunden...". Mayr widerspricht nur der alten These, dass "Fortschritt" die übergeordnete treibende Kraft der Evolution sei und dass also die Evolution teleologisch verlaufe.
.
54. Finale Weltanschauungen
09.04.2007, Oliver Harder<< Und man wird ihn (Fortschritt) auch nicht finden weil – wie gesagt – Fortschritt der Evolution wesensfremd ist. >> (S. 112)
als Ergebnis intellektueller Selbsttäuschung „dogmatischer Egozentriker“ (S. 109) erkennen. Vor allem weil einst gerade die bibelfesten Fortschrittsverneiner mit Folter und Feuer den vom Autor so gern zitierten Irrglauben erdscheibengetriebener Geozentrik als eben ultimative Weltsicht vertraten
55. Fortschreiten statt Fortschritt
10.04.2007, Reinhard Müller, Erlangen,Sollte sich die Menschheit demnächst selbst vernichten oder sollten z.B. die Insekten aus diesem oder einem anderen Grund den Siegeszug antreten, so ist in der Tat zu fragen, was an dem Experiment "homo sapiens" fortschrittlich gewesen sein soll.
Allerdings bezieht er in seine Argumentation auch Begriffe wie "erkenntnistheoretisch", "vorfindliche Objektivität", "Welt da draußen" usw. ein und verlässt damit sein Fachgebiet.
Ich empfehle ihm, es vollständig zu verlassen, dann wird er auch die fehlende Messbarkeit, den fehlenden "archimedischen Punkt", die vermisste Objektivität (in neuem Sinn) finden. Rezept:
1) Ersetze "Fortschritt" durch "Fortschreiten"
2) Streiche den Begriff "(vorfindliche) Objektivität"
3) Übernimm die erkenntnistheoretischen Methoden der Naturwissenschaften (Experiment und Begriffsbildungen, die ein Reduzieren auf möglichst wenige Begriffe erlauben)
Emotional nützlich wäre es auch, sich von einigen romantischen Denkgewohnheiten zu verabschieden.
Wieso leben wir in einer "absolut farblosen Welt", nur weil sich herausgestellt hat, dass unser Gesichtsinn elektromagnetische Strahlung auswertet und dies auch noch wellenlängenspezifisch? Sind dadurch z.B. die Farben des Frühlings eine Illusion? Ist es nicht evolutionär nützlich, die Farben auch emotional zu bewerten, z.B. Rot als aufmerksamkeitsheischend, um eine Verletzung mit Blutverlust als "groß", "bedenklich" einstufen zu können?
Wieso ist die "Welt da draußen" illusionärer geworden, nur weil sich erwiesen hat, dass der uns umgebende Raum eben nicht so simpel euklidisch ist, die Zeit eben nicht so linear dahinplätschert, ein Teilchen eben nicht unbedingt ein Gegenstand zum Anfassen ist, wie das unser Gehirn zum Zwecke der bildlichen Vorstellbarkeit gern hätte?
Ist es nicht erstaunlich, dass wir zu einer Abstraktion befähigt sind, obwohl die Evolution uns ursprünglich eben simpel "euklidisch" ausgestattet hat (was zum Speerwerfen ja ausreicht)?
Vielleicht ist dies ein wohlverstandener "Fortschritt", dass wir unsere Umwelt auch in tieferen Strukturen erfassen und beschreiben können, was zusammen mit der erwähnten begrifflichen Reduktion unser neues "Verstehen" darstellt? (Wohlgemerkt: Hier ist nicht von Objektivität im althergebrachten Sinn oder gar von "Wahrheit" die Rede!)
56. Definition
12.04.2007, Katja Ellbrunner-ThiemeWenn ich mir vergegenwärtige, was wir mit Evolution beschreiben, so ist es doch der Vergleich eines (willkürlich) gesetzten Anfangs mit einem (ebenso willkürlich) gesetzten Ende – oder einer Zwischenstation. Und dabei ist Evolution die verbesserte Anpassung an die gegebenen Bedingungen. Oder?
Und was ist Fortschritt? Die verbesserte Anpassung an gegebene Bedingungen.
Der Unterschied: bei der Evolution, die ohne Einfluss des Menschen passiert, geht es um den Fortbestand oder den Niedergang einer Art, auch eventuell auf Kosten einer anderen Art. Und beim Fortschritt geht es um die Verbesserung der Situation des Individuums oder einer bestimmten Gruppe auch möglicherweise auf Kosten von anderen Individuen/Gruppen. Ob dies gut ist, gebilligt werden sollte oder nicht, ist hier nicht das Thema.
Natürlich können wir unser Leben nur in den Grenzen, die dem begrenzten Ausschnitt, der uns durch die menschlichen Sinne – direkt oder indirekt – zugänglich ist, erfahren.
Es ist müßig über den freien Willen zu spekulieren. Ist der Wille frei, dann ist es so. Ist er nicht frei, werden wir es nie erfahren. Denn was bewahrt uns vor der Illussion, dem Trugschluss, uns könnte weis gemacht werden, wir hätten einen freien Willen! Mein unfreier Wille kann derart gesteuert sein, dass ich annehme, er sei frei.
Das System des freien Willen – sein Vorhandensein genauso wie sein Nicht-Vorhandensein – kann sich selbst nicht prüfen, nicht als Teil des Systems. Früher führte man Gottesbeweise, bei dem mit mehr oder weniger schlüssigen Argumenten seine Existenz bewiesen werden sollte. Davon ist man nun doch schon ein Stück entfernt; aber den freien Willen glaubt man noch beweisen oder widerlegen zu können ...
Ich denke, das sind Dinge, sind Fragen mit denen zu leben wir lernen müssen. Auch dieser Herausforderung gilt es sich zu stellen. Und das scheint mir in der heutigen Zeit eine der schwierigsten Aufgaben zu sein: Akzeptieren, dass es Dinge gibt, die außerhalb des menschlichen Erfahrungsbereichs liegen.
Wenn die Menschen zu unterschiedlichen Zeiten (seit 1958 in den USA) nach ihrer Lebenszufriedenheit fragt, darf man diese Zahlen nicht kommentarlos nebeneinander stellen, da sie eine Gesamtheit beschreiben. Lebenszufriedenheit hängt ganz sicher nicht allein vom Fortschritt ab, dieser allein macht ganz sicher nicht glücklich!
Nach der „Logik des biologischen Imperativs“ ist die Grundvoraussetzung für Glück ein ständiger Zuwachs. Ist es dabei aber nicht so, dass wir bei einer solchen Einstellung unser eigenes Denken hinterfragen sollten. Der Wunsch nach mehr löst, wenn wir nicht alles erreichen (können), auch eine gewisse Unzufriedenheit aus. Zeigen dies nicht auch die Umfragewerte nach der Lebenszufriedenheit seit 1958?
Natürlich lässt sich Glück an sich nicht konservieren. Aber muss es stets das Ziel sein, sich in einem Glückstaumel zu befinden? Müssen wir ständig von einem Höhepunkt zum nächsten springen? Ein Beispiel:
Eine Zweierbeziehung beginnt fast immer mit Verliebtheit und damit verbundenen Glücksgefühlen. Nach einer gewissen Zeit weichen diese Glücksgefühlen etwas anderem, stabileren gefestigten, sofern die Beziehung von Dauer ist. Man gewinnt gegenseitiges Vertrauen, auch Gewohnheit stellt sich ein, es entwickelt sich im Idealfall Liebe zum Partner.
Und damit ist ein Zustand der Zufriedenheit erreicht, der sehr wohl über längere Zeit andauern kann und keineswegs einen ständigen Kick braucht, um akzeptabel zu bleiben. Dieser Zustand kann Jahre überdauern.
Wenn wir Menschen aber nur dann gut leben können, wenn wir ständige Höhepunkte und Glücksmomente suchen, dann ist es dringend nötig, dass wir unsere Lebenshaltung überdenken.
Wir sehen Fortschritt nicht, „weil unser Gehirn dafür konstruiert ist“, wir sehen Fortschritt, weil wir gelernt haben, so zu denken. Nicht bewahren sondern die Suche nach Neuem ist unser Ziel. Nur dürfen wir dieses Ziel nicht über alles andere stellen und dabei die Lebensqualität vergessen.
So long
Katja Ellbrunner-Thieme
57. Wann ist eine Empfindung eine Illusion?
14.04.2007, Dr. Roland Philipp Hofmann, OstfildernTatsächlich: Fortschritt ist keine biologische Kategorie, deswegen führt auch die Konzentration des Autors auf die Evolutionsbiologie, so verständlich sie bei dem fachlichen Hintergrund des Autors ist, in die Irre. Aber: Fortschritt ist auch keine psychologische Kategorie, jedenfalls nicht nur, nicht einmal hauptsächlich!
Mir liegt aber nicht daran, Herrn Voland zu wiederlegen, ich finde es nur nicht richtig, einen Artikel über Fortschritt zu schreiben, in dem gar nicht definiert wird, was Fortschritt nach Ansicht des Autors eigentlich ist.
Aber auch der zweite wesentliche Begriff des Artikels, die "Illusion", ist unzureichend erklärt. Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, er ist auf unsinnige Weise gebraucht. Das unterstreichen die Beispiele, die Voland für Illusionen angibt:
Dass ein Baum grün ist, soll also eine Illusion sein? Dass ich freien Willen habe, auch? Wenn ich behaupte, dass solche Aussagen Unsinn sind, dann nicht aus Borniertheit, nicht, weil ich ein naiver Realist bin, oder meinen gewohnten Standpunkt nicht aufgeben will, sondern, weil die Konzepte, die in solchen Aussagen verwendet werden, höchst hilfreich sind, und nicht an Aussagekraft verlieren, bloß weil man die physikalischen Zusammenhänge dahinter besser verstehen gelernt hat.
Was bedeutet es denn, dass ein Baum grün ist? Es bedeutet, dass von dem Baum Photonen einer bestimmten Wellenlänge zu unserem Auge gelangt sind, ein Rezeptor für grün in unserer Netzhaut hat darauf reagiert (Ich bin kein Biologe, aber auf die korrekte Beschreibung kommt es hier nicht an). Über Nervenverbindungen hat diese Anregung in unserem Gehirn die Empfindung "grün" ausgelöst. Was ist daran Illusion?
Als Illusion würde ich es verstehen, wenn wir zwar meinen würden, grün zu sehen, aber ohne, dass die Netzhaut entsprechend angeregt wurde, bzw. ohne dass grünes Licht von den Blättern des Baumes ausgegangen ist.
Jedenfalls ist es eine höchst hilfreiche Abkürzung, wenn ich sagen kann: "Der Baum ist grün." statt sagen zu müssen: "Die Neuronen 2.332.745 bis 2.332.862 in meinem Gehirn wurden bis zu einem Niveau von 17 Einheiten für einen Zeitraum von 875 Mikrosekunden angeregt."
Im Fall des freien Willens ist es zugegebenermaßen etwas schwieriger, das Argument zu formulieren. Aber man versuche es nur einmal, freien Willen so zu definieren, dass er sich nachher als Illusion herausstellt! Man wird bald feststellen, dass die Möglichkeit einer solche Definition, wenn sie wissenschaftlichen Kriterien standhalten soll, selbst eine Illusion ist!
Kurzum: Die Aussage "Fortschritt ist eine Illusion" in diesem Artikel ist ungefähr so viel Wert wie die Aussage "Die Pfnuris haben gemörpselt!".
Schöne Grüße
58. Fortschritt nicht definiert
18.04.2007, Jörg Michael, HannoverSo darf man (wie auf S. 111 getan) nicht davon ausgehen, dass die in den USA durchgeführten Zufriedenheitsbefragungen irgend etwas anderes messen könnten, als eben die Lebenszufriedenheit selbst.
An das Gute (und dazu gehört auch ein technischer, materieller oder sonstiger Fortschritt) kann man sich schließlich schnell gewöhnen. Umgekehrt gilt dies auch und beweist damit lediglich die große Anpassungsfähigkeit der menschlichen Psyche.
Viel gravierender scheint mir jedoch zu sein, dass Professor Voland nicht genau sagt, was er unter Fortschritt versteht. In meinem Lexikon, welches von 1980 datiert, findet sich als Definition:
"Ein Fortschreiten nach Höherem, welches zielgerichtet, einseitig und unumkehrbar ist".
Dieser Satz klingt heutzutage eher wie die Definition des Fortschrittsglaubens im Sinne des Glaubens an einen immerwährenden, unaufhaltsamen und quasi naturgesetzlichen Fortschritt. So naiv dürfte man heutzutage wohl nicht mehr sein. Herr Voland hätte also besser von der Illusion des Fortschrittsglaubens sprechen sollen.
Was Fortschritt angeht, wird niemand bestreiten können, dass für die ungerichtete Evolution keines der drei in
obiger "Definition" letztgenannten Attribute zutrifft. Wenn man aber bei Fortschritt nur allgemein von einer wie auch immer
gearteten Höherentwicklung spricht, hat man auch kein Problem, wenn Fortschritt in einem Bereich mit Rückschritten
in anderen Bereichen einhergeht.
So sind mit der Evolution des Auges (wahlweise als Wirbeltier- oder Insektenauge) Strukturen entstanden, die es vorher nicht gab und die auch mehr sind als nur eine "stetige Ausdifferenzierung einiger Merkmale".
Das gleiche gilt natürlich erst recht für die Entstehung des Lebens selbst.
Wenn dies keine Beispiele für evolutionären Fortschritt sind, was sind sie dann?
Wenn Herr Voland zudem (wie auf S. 113 geschehen), scheinbar glaubt, dass ungerichtetes Handeln keinen Fortschritt zu erzeugen vermag, dann übersieht er die Macht der Selektion.
So haben sich evolutionäre Verfahren in der technischen Optimierung insbesondere bei komplexen Problemen
schon seit vielen Jahren als sehr erfolgreich erwiesen.
Herr Voland hat zudem seine Gedanken nicht wirklich zu Ende gedacht. Wenn es nämlich keine Fortschritt gibt, kann es logischerweise auch keinen Rückschritt geben. Völkermorde und andere Kriegsverbrechen wären dann also lediglich die Illusion des Rückschritts. Das Gleiche gilt auch, wenn wir die Folgen des Klimawandels unterschätzen und weite Teile der Erde dadurch unbewohnbar werden.
59. Darwinismus ist etwas Anderes als »survival of the fi
20.04.2007, Wolfgang Hinderer, KarlsruheSehr geehrter Herr Prof. Voland,
bei einigen Ihrer Äußerungen kann ich mir nicht vorstellen, wie sie mit dem wissenschaftlichem Blick eines in die Welt schauenden Beobachters vereinbar sein sollten: "Das Leben auf diesem Planeten kennt kein Ziel und somit keinen Fortschritt" - man vergleiche doch den Zustand vor 1 Mrd. Jahren mit jetzt! Wenn Sie sagen: "Fortschritt kann es logischerweise nur geben, wenn es einen verlässlichen Maßstab gibt, an dem er zu messen wäre", dann möchte ich sagen - na klar! Das Organisationsniveau wäre solch ein Maßstab. Es gibt unstreitige Kriterien, nach denen zumindest gewisse existierende Systeme als höher organisiert zu bezeichnen sind als gewisse andere existierende Systeme.
Ich möchte Sie auch an Ihre eigene Aussage erinnern: "Wer mag schon angesichts der heutigen biologischen und kulturellen Lebenschancen im Mittelalter leben - oder auch nur in der Generation seiner Großeltern?" - Ja, da ist heute ein messbares Mehr an Möglichkeiten, bedingt durch ein messbares Mehr an Wissen. Und so ist es auch in der biologischen Evolution, wobei der Begriff "Wissen" hier zu verallgemeinern ist: Das "Wissen" um die bessere Flossenform, das "Wissen" um den Nestbau,...
Wenn Sie sagen: "Der Maßstab, an dem wir Fortschritt messen, erwächst aus unseren ganz persönlichen Präferenzen, Zielen und Wünschen im Hier und Heute eines ausdifferenzierten, informierten, strategisch eigeninteressierten Gehirns." - verzeihen Sie, wenn ich da speziell an das Voland-Gehirn denken muss! Bei allem Konstruktivismus, Herr Voland, wie ist denn die Sicht Ihres Gehirns auf Wirklichkeiten wie die Erde (nicht als Scheibe, sondern als Kugel), die Sonne, die Zahlen, ...? Ist das alles nur Einbildung/Optimierung und subjektiv?
Und: Ihre Sichtweise des Darwinismus als "survival of the fittest" macht mich doch ein wenig zornig, zumal es sich hier um eine verbreitete, zeitgeistbedingte Fehlinterpretation handelt. Wie würden Sie die Tatsache, dass es auf unserer Erde zugleich Pinguine (am Südpol) und Eisbären (am Nordpol) gibt, theoretisch einordnen? Könnte es nicht sein, dass das Prinzip der Selektion ("survival of the fittest") und das ebenfalls schon von Charles Darwin postulierte Prinzip der Separation zwei Seiten einer und derselben Medaille sind? Das Selektionsprinzip für sich alleine wäre dann nur die halbe Wahrheit, und Ihre Aussage "Stillstand bedeutet das Ausscheiden aus dem evolutionären Spiel, und deshalb ist in der Darwin'schen Welt das »Höher, Weiter, Schneller« den Organismen notwendigerweise inhärent." wäre dann auch nur die halbe Wahrheit.
Mit freundlichem Gruß
Wolfgang Hinderer, Karlsruhe
P.S.: Es gibt auch Rückschritt; die jetzt folgende kritische Bemerkung richtet sich aber nicht an Sie, sondern an die Spektrum-Redaktion: Mit der PDF-Version Ihres Essays konnte ich, im Gegensatz zu den sonstigen von der Spektrum-Site herunter geladenen PDFs leider wenig anfangen: Weder das Herauskopieren von Textpassagen noch die Volltextsuche scheinen damit auf einfache Weise möglich zu sein.
60. Fortschritt des Wissens
21.04.2007, Jakob Thomsen, MünchenMöglicherweise sind manche davon eine Illusion.
Eine Art des Fortschritts existiert jedoch zweifellos:
Der Fortschritt des Wissens über die Welt.
Die Modelle mit denen die Welt beschrieben wird,
werden zwar hin und wieder angepasst,
aber dabei im großen und ganzen immer weiter verfeinert.
Das dies keine Illusion ist erkennen wir z.B. daran,
dass mittlerweile Menschen auf dem Mond waren und es möglich ist, per Flugzeug um die Welt zu fliegen. Wenn sich das Wissen über die Aerodynamik nicht weiterentwickelt hätte,
dann gäbe es keine Flugzeuge.
Ohne Fortschritt des Wissens wäre immer noch Steinzeit. Ob diese Art von Fortschritt glücklich macht, steht auf einem anderen Blatt.
Ein weiteres Beispiel für Fortschritt ist in der Mathematik besonders deutlich zu finden:
Hier kann das Wissen nur zunehmen,
dann was einmal bewiesen ist, bleibt unwideruflich wahr (bei Kritik an diesem Punkt bitte Gegenbeispiel angeben!).
Also: Es gibt vielleicht nicht DEN Fortschritt,
aber zumindest den Fortschritt des Wissens über die Welt (im Sinne einer immer genaueren Beschreibung der Gesetzmäßigkeiten der Welt) und insbesondere den Fortschritt in der Mathematik (in Form einer monotonen Zunahme wahren Wissens).
Oder anders formuliert:
Wenn es keinen Fortschritt (des Wissens) gibt,
was lese ich dann monatlich in Spektrum der Wissenschaft?!
61. Auch die Wissenschaft ist letztlich nur eine Illusion
01.05.2007, Reinhard Gutmann, A-1190 WienWer`s kurz und bündig nachlesen will, lese mein Buch:
Reinhard Gutmann, Kennen Sie die Wirklichkeit?, ISBN 3-938606-55-X
62. Neues durch Zufall
04.05.2007, Prof. Dr. Fritz Müller, Weitenhagenfortschreitet. Man darf nur Fortschritt nicht mit
Verbesserung verwechseln.
Aus der Sicht der Informationstheorie kann etwas Neues nur
durch Zufall entstehen. Alles, was aus bekannten Sätzen
durch Deduktion oder andere logische Operationen gefolgert
werden kann, steckt in den Sätzen schon drin; es muss nur
ausgegraben werden. Das ist keine Diskriminierung, denn
manche Vermutung, z. B. Fermats Vermutung, musste 300 Jahre warten, bis sie bewiesen werden konnte. Entdeckungen, die durch Zufall gemacht werden, verlangen zwar Beschäftigung
mit dem Gegenstand, erfordern aber keine besondere Begabung.
Der Angler fängt einen Fisch nur durch Zufall, vorausgesetzt,
er hält eine Angel in ein Wasser, in dem er Fische vermutet.
63. Kritikpunkte
08.05.2007, Dr. Hartmut Wiegand, HannoverErstens: einen Fortschritt kann man natürlich nur dann konstatieren, wenn man entsprechende Kriterien vorgibt. So mag es scheinen, dass das Leben als Ganzes keinen Fortschritt zeigt, wohl aber, wenn man feststellt, dass Lebewesen Informationen sammeln und speichern, die im Gehirn als Verhaltensschablonen, Instinkte, Archetypen und schließlich Bewusstseinsinhalte abgelegt beziehungsweise repräsentiert sind.
Zweitens: ich finde den Ausdruck "bloßer elektromagnetischer Strahlung in einer absolut farblosen Welt" nicht in Ordnung, da es so klingt, als sei in der Welt, wenn ihr die Farbillusionen des Gehirns genommen wird, nichts mehr los. Dies ist natürlich Unsinn, denn das große Spektrum der elektromagnetischen Strahlung, aber auch der Luftwellen, der durch die Luft fliegenden kleinen Moleküle sowie der Formen und Festigkeit der Gegenstände besteht selbstverständlich auch ohne irgendwelche Sinnesorgane, die es aufnehmen und in Erlebnisqualitäten umformen könnten.
Drittens: es gibt eine wissenschaftliche Diktion, und die wendet auch Herr Voland in diesem Artikel an, die aggressiv und etwas menschenfeindlich klingt. Beispiele sind: entlarven, Illusion, Enttarnung etc., die in diesem Artikel vorkommen; andere Beispiele sind: zurechtrücken, entthronen und stürzen, die in diesem Artikel nicht vorkommen, aber in diese Art der Diktion gehören. Die Aufgabe der Wissenschaft ist nach meinem Empfinden jedoch nicht derart destruktiv, sondern Wissenschaft abstrahiert, klärt, erklärt und klärt auf. Und die Ergebnisse sollten möglichst menschenfreundlich oder zumindest neutral formuliert werden.
64. Zurückhaltung der Theologen
14.05.2007, Ernst Mikacs, Baumgarten, ÖsterreichDiese Zurückhaltung scheint erklärbar: Zur Zeit sind viele Theologen intensiv damit beschäftigt, der Evolution Sinn und Ziel zu attestieren.
65. Kritikpunkte zu "Die Fortschrittsillusion"
26.05.2007, Markus Koppensteiner,WienEine klare Begriffsdefinition wäre hilfreich, denn schließlich gibt es im allgemeinen Sprachgebrauch viele Arten von Fortschritt. Den technischen, den gesellschaftlichen, den medizinischen und so weiter. Da man in derart vielen Kontexten von Fortschritt spricht, ist der Begriff nicht klar umrissen, und die verschiedenen Arten von Fortschritt untereinander möglicherweise nur bedingt vergleichbar. Einen biologischen Fortschritt mag es nicht geben, aber das lässt nicht automatisch den Schluss zu, dass auf keiner Ebene Fortschritt passiert. Sicherlich wirkt die biologische Evolution auf die kulturelle ein. Um daraus schließen zu können, dass auch auf kultureller Ebene kein Fortschritt stattfindet, müsste die Biologie die Kultur vollständig determinieren, und das erscheint doch unrealistisch.
2)
Der Autor fordert einen archimedischen Punkt, von dem aus man Fortschritt objektiv messen kann. Solange es den nicht gibt, soll man von keinem Fortschritt sprechen. Nur weil man etwas nicht messen kann, heißt das nicht, dass es nicht existiert. Wenn ich keine Waage zur Verfügung habe, um einen Gegenstand abzuwägen, kann ich nicht belegen, dass der Gegenstand fünf Kilogramm wiegt. Ich kann aber auch nicht sagen, dass er keine fünf Kilogramm wiegt. Im Übrigen ist auch Evolution nicht messbar. Sollen wir deshalb nicht mehr darüber sprechen?
Wenn alle Erkenntnis jenseits von Messungen subjektiv ist und deshalb jedweder Fortschritt eine Illusion darstellt, dann ist alles, was der Autor sagt und schreibt ebenfalls eine Illusion. Jeder der diese Logik konsequent weiterverfolgt, müsste irgendwann zu dem Schluss kommen, dass er/sie selbst auch eine Illusion ist. Ob das stimmen kann?
3)
Wenn man annimmt, dass das Gehirn über einen sehr langen Zeitraum von der Evolution geformt wurde, dann muss man davon ausgehen, dass es gewisse objektive Wahrheiten in der Welt in ausreichendem Maße abbildet. Im Prinzip lässt sich das Gehirn auch als Messapparat betrachten, es benutzt lediglich andere Messgrößen.
Aus der Tatsache, dass dem Gehirn bei der Interpretation der Welt Fehler unterlaufen, kann man nicht schließen, dass alle seine Leistungen Illusionen sind.
Nur weil ich feststelle, dass ich mit meinem Lineal keine Atome abmessen kann, sind nicht alle meine Messungen falsch, die ich mit dem Lineal durchführe. Dass die Sonne aufgeht, ist gewiss eine Illusion, aber in einem Ausschnitt der Realität ein brauchbares Modell.
Farben sind verschiedene Wellenlängen von Licht. Physiker messen die Wellenlänge in Nanometer. Das Gehirn misst in verschiedenen Farbtönen. Das ist vielleicht ungenauer, aber doch ausreichend zuverlässig. Kaum jemand würde behaupten, dass eine in Zoll abgemessene Länge eine Illusion ist, und dieselbe Länge in Zentimeter, die objektive Wahrheit.
4)
Es ist nicht klar, ob der „evolutionäre Wettlauf“ dergestalt auf die menschliche Psyche durchschlägt, dass das Gehirn immer Entscheidungen trifft, die zu besseren Anpassungen führen. Wir trachten uns von unseren Konkurrenten abzuheben. Dies muss aber nicht notwendigerweise in einem Fitnessgewinn münden. Nicht immer ist ein „Höher, Schneller, Weiter“ von Vorteil. Der Autor selbst gesteht ein, dass es Fälle von regressiver Evolution gibt. Dies steht aber in einem deutlichen Widerspruch zu einem „Höher, Schneller, Weiter“.
66. Zwischen Werden und Vergehen
17.10.2007, Dr. med. Albert Cramer, Ibbenbürenam Fortschritt, wenn er fortgeschritten?
Er bietet Altes immer neuer
und ist nicht jedermann geheuer.
Fortschrittlich sind auch die Roboter.
Sie produzieren immer flotter.
Wir fangen an, uns zu genieren,
wenn wir noch Altes reparieren.
Gar mancher fühlt sich ziemlich alt
in unsres Fortschritts Mannigfalt.
Jedoch bei Menschenrechten schon
zeigt sich des Fortschritts Illusion.
Vom alten Adam liegt doch immer
auf jedem Menschen noch ein Schimmer.
Und auch wenn jemand diese Welt
für eine von den besten hält,
so bleiben doch noch Wünsche offen
und lassen auf den Fortschritt hoffen.
Aus diesen Hoffnungen zu schöpfen,
sind wir gewohnt in unsren Köpfen,
dieweil es schwer fällt zu begreifen,
dass nur in diesen Pläne reifen,
wie wir die Welt zu sehen haben,
bevor uns Trauernde begraben.
Weil diese Pläne wenig taugen,
sieht jeder sie mit anderen Augen.
Weil es sich nämlich darum handelt,
dass "unsre Welt" sich stetig wandelt;
und zwar so lang wir darin wohnen,
jedoch noch mehr in Jahrmillionen.
Menschen in ihrem Leben mehren
meist den Besitz, den sie begehren,
differenzieren die Strukturen,
mit denen sie dafür verfuhren.
Die Optimisten meinen heiter,
das gehe immerzu so weiter.
Doch Pessimisten prophezeien
uns lange Katastrophenreihen.
Was wir derzeit als "Fortschritt" sehen,
liegt zwischen Werden und Vergehen,
ist nur ein Bläschen im Gebrodel
der kosmischen Gezeitenmodel.
So tritt wohl Fortschritt in Erscheinung
zumeist als vorgefasste Meinung.
Wer glaubt, er sei so fortgeschritten,
den darf man um Beweise bitten.