Terrorvögel und Elefantenvögel, Riesenadler und Dodos – im Lauf der Erdgeschichte war unser Planet von ungewöhnlichen Vögeln besiedelt, die leider nicht mehr existieren. Eine Reise durch die Zeit und rund um den Planeten zu Fossilien und letzten Museumsexemplaren.

Terrorvögel – Schrecken der Pampa?
© Ohio University
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Die größten von ihnen erreichten eine Höhe von drei Metern – und standen womöglich bis hinein in die letzte Eiszeit an der Spitze der Nahrungskette der südamerikanischen Steppen und Savannen. Nur wenige Vögel waren wohl so beeindruckend wie die Gruppe der Terrorvögel, deren älteste Fossilien bis zurück ins Paläozän vor 60 Millionen Jahren datieren. Bislang fanden Paläontologen Knochenreste von 18 Arten; etwa auch diesen Schädel von Andalgalornis, gegen den unser eigener Kopf und erst recht der eines heutigen Steinadlers zwergenhaft wirken. Der 1,4 Meter große und 40 Kilogramm schwere Vogel schlug wohl mit seinem Schnabel Beute k. o. wie ein Boxer mit seiner Faust, so die Ableitungen aus dem Schädelbau. Warum die Terrorvögel letztlich ausstarben, ist unklar: Vielleicht unterlagen die meisten Arten der Konkurrenz neu eingewanderter hunde- und katzenartiger Raubtiere, die vor 13 Millionen Jahren einen Weg von Nord- nach Südamerika über den neu entstandenen Isthmus von Panama fanden. In Europa lebten zur gleichen Zeit übrigens ähnliche Vögel – auf Grund neuer Untersuchungen gelten die Vertreter der Gattung Gastornis mittlerweile aber eher als Vegetarier.

Dodo – die traurige Berühmtheit
© FunkMonk / The dodo skull in the Zoological Museum of Copenhagen / CC BY-SA 3.0 CC BY-SA
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"Dead as a Dodo" – tot wie ein Dodo: So lautet ein englisches Sprichwort, wenn man ausdrücken will, dass etwas tatsächlich tot und verschwunden ist. Es geht zurück auf einen bedauernswerten Vogel, dessen Verschwinden heute ein Symbol für das globale Artensterben ist. Ursprünglich lebten die zu den Tauben zählenden Dodos (Raphus cucullatus) auf Mauritius und Réunion, wo sie während ihrer Evolution mangels bodenlebender Fressfeinde das Fliegen verlernt hatten. Zudem kannten sie keine Scheu vor Menschen, die erst 1598 die Art entdeckten, und den von ihnen mitgebrachten Tieren wie Schweinen oder Ratten. Folglich flohen sie nicht vor den Jägern und verteidigten sich auch nicht gegen die neuen Fressfeinde, so dass spätestens 1690 kein Dodo mehr übrig war: Die Tiere wurden schlichtweg aufgegessen. Die Welt nahm davon wenig Notiz, bis der Dodo 1865 in "Alice im Wunderland" eine Rolle und leider zu spät Popularität erlangte. Heute existieren nur wenige, unvollständige Skelette und andere Präparate in Museen.

Wandertaube – ein Niedergang wie keiner
© John James Audobon, 1907 / public domain
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Die Wandertaube (Ectopistes migratorius) lehrt, dass keine Art vor Ausrottung sicher ist, und wenn sie noch so häufig vorkommt. Bis zu fünf Milliarden der Vögel könnten im 19. Jahrhundert in den östlichen USA gelebt haben – kein anderes landlebendes Wirbeltier war in historischer Zeit wohl ähnlich zahlreich wie diese Tauben. Manche Schwärme sollen stundenlang die Sonne verfinstert haben, bis die letzten Individuen vorübergezogen waren. Doch dann setzte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine erbarmungslose Jagd ein, die rücksichtslos alles vom Himmel holte und gleichzeitig die Brutkolonien zerstörte. Manche Jäger vermarkteten in einzelnen Jahren allein mehrere Millionen Vögel – bis keine in freier Natur mehr übrig waren. Mit Martha starb am 1. September 1914 der letzte Vertreter der Art im Zoo von Cincinnati. Oder doch nicht? Immerhin lagern weltweit rund 1000 Bälge und zahlreiche weitere Präparate in Museumsbeständen. Manche Biologen hoffen, daraus genügend Genmaterial extrahieren zu können, um damit die Spezies gentechnisch wiederzubeleben.

Elefantenvogel – der Vogel Rock Sindbads?
© Brian Choo
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Waren sie das Vorbild für den Vogel Rock (oder Roch) aus Sindbads Abenteuern in "Tausendundeiner Nacht"? Womöglich. Legendär sind die Elefantenvögel Madagaskars jedoch auch ohne literarische Verewigung, denn sie gehören zu den größten Vögeln, die noch in historischer Zeit gelebt haben. Aepyornis maximus konnte bis zu drei Meter groß und bis zu 400 Kilogramm schwer werden. In seinen Ausmaßen übertraf ihn in jüngerer Vergangenheit wohl nur der ebenfalls ausgestorbene neuseeländische Moa. Mit Ankunft der Menschen auf den Inseln war jedoch das Schicksal beider Gruppen besiegelt. Um 1650, vielleicht sogar erst 1880 waren die Elefantenvögel ausgerottet. Ihre Knochen und Eierschalen werden aber bis heute auf Madagaskar gefunden. Neuere DNA-Analysen legen nahe, dass die nächsten Verwandten der Elefantenvögel tatsächlich in Neuseeland leben; es sind erstaunlicherweise die Kiwis, die kleinsten heute existierenden Laufvögel, und nicht etwa die afrikanischen Strauße.

Haastadler – erbeutete er sogar Menschen?
© Illustration: John Megahan; Ancient DNA Tells Story of Giant Eagle Evolution. In: PLoS Biol 3, e20, 2005 / CC BY 2.0 CC BY
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Vom kleinen Singvogel bis zu den gewaltigen Moas besetzten überwiegend Vögel Neuseelands ökologische Nischen. Es war also kein Wunder, dass ein gigantischer Greifvogel am Ende der Nahrungskette stand: Der Haastadler (Harpagornis moorei) wog selbst bis zu 18 Kilogramm und damit nochmals drei Kilogramm mehr als der Andenkondor, der schwerste der heute noch lebenden Greifvögel. Mit seinen wuchtigen Klauen konnte er sogar ausgewachsene Moas erlegen und zumindest einige dieser Arten in die Luft davontragen. Wie so oft in der Geschichte der Menschheit bedeutete aber die Ankunft von Homo sapiens auf der Pazifikinsel das Ende der regionalen Artenvielfalt: Die Moas starben aus, weil sie gejagt wurden, zugleich wurde ihr Lebensraum zerstört – und mangels Beute verschwand letztlich auch der Haastadler. Mangels adäquater Beute soll der Greifvogel allerdings vor seinem Ende noch auf alternative Nahrung umgestiegen sein: Maori-Legenden zufolge machte er gelegentlich Jagd auf Frauen und Kinder und "verschleppte sie in die Höhe", weswegen er letztlich selbst gejagt wurde. Vor rund 500 Jahren war sein Ende leider schließlich gekommen.

Archaeopteryx – der Urahn aller Vögel?
© iStock / bobainsworth
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Ist Archaeopteryx nun der Urahn aller Vögel und ein Bindeglied zwischen den Dinosauriern und ihren direkten Nachfahren, den Vögeln – oder nicht? Darüber streiten sich gegenwärtig wieder Paläontologen und Biologen. Doch gleich wie die Diskussion ausgeht: Die Versteinerungen des mythischen Tiers aus der Zeit vor 145 Millionen Jahren faszinieren seit ihrer ersten Entdeckung 1861 Profis wie Laien gleichermaßen. Zwölf mehr oder weniger komplette Skelette (manche davon in Privatbesitz oder verschollen) hat man seit dem ersten Fund eines Federabdrucks ausgegraben. Studien daran enthüllten immer neue Details zum Archaeopteryx. So soll sein Gefieder zumindest teilweise schwarz gewesen sein, und sein Innenohr glich weit gehend dem heutiger Vogelarten. Zumindest diese anatomische Eigenschaft legt nahe, dass der Urvogel in spe prinzipiell flugfähig war, selbst wenn ihn seine schwache Flügelmuskulatur dann doch nur gleiten ließ.

Elfenbeinspecht – vielleicht doch ein Überlebender?
© Jerry A. Payne, USDA Agricultural Research Service CC BY
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Der Elfenbeinspecht (Campephilus principalis) gilt vielen US-amerikanischen Vogelbeobachtern als eine Art Heiliger Gral und mittlerweile leider auch als Geistervogel. Denn dieser krähengroße Vogel – die zweitgrößte Spechtart der Neuzeit – wurde 1944 zum letzten Mal in den USA mit Sicherheit beobachtet; seit 1987 fehlt ein Nachweis auch von der Unterart auf Kuba. Deshalb war der Jubel groß, als 2005 Meldungen die Runde machten, dass Ornithologen ziemlich eindeutige Spuren, Geräusche und Sichtungen des Vogels aus den Sumpfwäldern des Cache River National Wildlife Refuge in Arkansas aufgezeichnet hätten. War es den Spechten also vielleicht doch gelungen, sich über Jahrzehnte den Fachleuten und Hobbybeobachtern zu entziehen? Nachfolgende Expeditionen konnten das Schicksal der Tiere allerdings nicht aufklären, und viele Biologen bezweifeln, dass die große und auffällige Art tatsächlich überlebt hat. Sie vermuten vielmehr, die vermeintlichen Elfenbeinspechte seien mit den häufigeren und ähnlichen Helmspechten verwechselt worden. Doch noch gibt es Hoffnung: In den Regenwäldern im östlichen Kuba könnten sich ein paar letzte Exemplare "versteckt" haben.

Stephenschlüpfer – brachte eine Katze sein Ende?
© John Gerrard Keulemans, 1895 / public domain
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Der Legende nach beendete eine einzige Katze die Existenz des Stephenschlüpfers: Tibbles – der Kater des Leuchtturmwärters David Lyall auf Stephen Island – habe demnach ab 1894 innerhalb eines Jahres mehr als Dutzend Exemplare des kleinen Singvogels angeschleppt und Lyall übergeben, der sie an einen Zoologen weiterschickte. Danach wurde die Art nicht mehr gesehen. Neuere Studien bezweifeln diese herausragend traurige Rolle der Katze; zumal die Art womöglich nicht nur auf der Insel, sondern auch auf dem angrenzenden Festland verbreitet war. Unbestritten ist allerdings, dass Katzen allgemein und andere invasive Arten stark dazu beitrugen, dass der Stephenschlüpfer ausgerottet wurde. Damit ging eine einzigartige Evolutionsgeschichte zu Ende, denn Xenicus lyalli war eine von nur fünf flugunfähigen Singvogelarten, die wissenschaftlich erfasst worden waren. Alle gelten heute als ausgestorben. Weltweit existieren 15 Exemplare des Stephenschlüpfers im Museum.

Chathamralle – Opfer des großen Rallensterbens
© Lionel Walter Rothschild
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Zwischen 1000 und 2000 Vogelarten könnten mindestens auf den pazifischen Inseln ausgestorben sein, nachdem dort die ersten Menschen zusammen mit Ratten und Schweinen anlandeten. Genau weiß dies heute natürlich keiner mehr, doch langsam durchforsten Biologen subfossile Knochensammlungen in Höhlen und alten Siedlungsplätzen auf der Suche nach unbeschriebenen Spezies – und werden dabei häufig fündig. Besonders betroffen von den Nachstellungen waren große, langsame und schwere Arten wie Tauben oder Rallen, die eine gute Beute abgaben, am Boden nisteten oder flugunfähig waren. Sie hatten keine Abwehr- oder Fluchtstrategie gegen Jäger oder invasive Arten, die plötzlich mit ihnen konkurrierten. Allein im Pazifik ging damit ein beträchtlicher Teil der jüngeren Vogelvielfalt verloren – weltweit kommen gegenwärtig noch rund 10 000 Arten vor. Die exemplarisch abgebildete Chathamralle (Gallirallus modestus) schaffte es wenigstens knapp bis in die Neuzeit – irgendwann zwischen 1896 und 1900 wurde jedoch auch sie ausgelöscht. Was blieb, sind 26 Museumsexemplare.

Pelagornis – der größte fliegende Vogel aller Zeiten?
© Pressebild: Liz Bradford / PNAS
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"Der obere Flügelknochen ist länger als mein gesamter Arm." Mit diesen Worten deutet Dan Ksepka vom Bruce Museum in Greenwich bereits die gewaltigen Dimensionen von Pelagornis sandersi an: Der fossile Seevogel aus der Zeit des Oligozäns vor rund 25 Millionen Jahren gehört zu den gigantischsten flugfähigen Vögeln, die die Wissenschaft bislang gefunden hat. Mit einer Flügelspannweite von etwa 6,4 Metern lässt er heutige Riesen wie den Königsalbatros oder den Andenkondor wie Kleinvögel aussehen – beide bringen es auf maximal die halbe Flügellänge. Nur der bisherige Rekordhalter aus Argentinien, der Riesengeier Argentavis magnificens, könnte die von Ksepka beschriebene Art auf die Plätze verweisen, denn er brachte es wahrscheinlich auf sieben Meter Spannweite. Riesen unter den Vögeln waren also nicht nur am Boden unterwegs, sondern schafften es auch in die Lüfte. Warum diese Tiere vor rund sieben Millionen Jahren ausstarben, ist unklar. Zur gleichen Zeit verschwanden jedoch verschiedene ursprüngliche Delfin- und Wallinien ebenso. Ursache waren also womöglich umwälzende ökologische Änderungen in den Weltmeeren durch die beginnenden Eiszeiten oder umgelenkte Meeresströmungen unter anderem durch die entstehende Landbrücke in Mittelamerika.