Im Alltag müssen wir uns auf das Bild, das uns unsere fünf Sinne vermitteln, verlassen. Dabei reichen schon kleine Veränderungen im Gehirn aus, um unsere Wahrnehmung völlig zu verändern. Vertraute Personen können zu Doppelgängern werden, erblindete Personen sehen, ohne es zu merken.

Blind
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(Ausschnitt)
 Bild vergrößern7 Blindsehen
Sie können zwar nachweislich nichts sehen, sind aber trotzdem fähig, visuelle Informationen aus ihrer Umwelt zu nutzen: Blindsehende. Bei den Betroffenen ist die primäre Sehrinde defekt, die aus visuellen Signalen normalerweise das Bild erzeugt, das wir als bewusstes Sehen erleben. Sie gibt die Informationen anschließend an die höheren Areale des visuellen Kortex weiter, die für deren Interpretation zuständig sind. Bei Blindsehenden nehmen die Signale daher eine Abkürzung von den Augen direkt in die höheren Areale der Sehrinde. Diese nutzen zwar den Input, liefern aber kein bewusstes Bild. Deshalb reagieren Blindsehende in Experimenten beispielsweise auf Mimik, ohne ein Gesicht zu erkennen, und erraten zu ihrer eigenen Überraschung sogar Muster auf einem Display. Sie wissen aber nicht, woher die Informationen kommen. Wie viele Menschen von dem Phänomen betroffen sind, ist unklar. Denn dadurch, dass den Blindsehenden selbst nicht bewusst ist, dass sie etwas wahrnehmen, wird die Fähigkeit vermutlich oft nicht erkannt.
Capgras Syndrom
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 Bild vergrößern6 Capgras Syndrom
Patienten mit dem Capgras-Syndrom glauben, nahestehende Personen seien durch Doppelgänger ausgetauscht worden. Im Gegensatz zu Halluzinationen oder Wahnvorstellungen, bei denen Menschen etwas wahrnehmen, was nicht existiert, wird beim Capgras-Syndrom eine korrekte Wahrnehmung falsch beurteilt. Experten sprechen daher im Englischen von einer "Delusion", im Deutschen von einer Illusion oder einer Verkennung. Dieses "anders Erleben" geschieht bei Patienten mit dem Capgras-Syndrom vermutlich dadurch, dass die Verbindung zwischen dem Areal der Gesichtserkennung zum Emotionszentrum des Gehirns getrennt wurde. Dadurch bemerken die Patienten zwar, dass die Nahestehenden handeln und aussehen wie immer, aber die eigene emotionale Reaktion wird buchstäblich nicht mehr mit dem Äußeren der Personen in Verbindung gebracht. Oft tritt das Capgras-Syndrom zusammen mit Schizophrenie oder Demenz auf, was dazu führt, dass bei den Patienten zu der Illusion des Doppelgängers zusätzlich noch Halluzinationen oder wahnhafte Ideen entstehen.
Teller
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 Bild vergrößern4 Visueller Negelect
Patienten mit visuellem Neglect vernachlässigen eine Hälfte des Raums, ihres Körpers oder von Objekten. Während Sinnesreize aus beiden Richtungen zwar grundsätzlich normal verarbeitet werden, richten Neglectiker ihre Aufmerksamkeit unbewusst nur noch in eine Richtung. So bemerken sie nicht, wenn sich etwas von der vernachlässigten Seite nähert, waschen und rasieren sich nur noch links oder essen vom Teller nur die eine Hälfte. Als Ursache dafür vermuten Forscher unter anderem einen Defekt im Parietallappen, der normalerweise die Aufmerksamkeit lenkt. Das passiert meist nach einem Schlaganfall: Etwa ein Viertel der Schlaganfallpatienten trifft in Folge der Neglect. Die gute Nachricht ist, dass sich in vielen Fällen das Gehirn selbst regeneriert und der Neglect in den ersten Wochen von allein zurückgeht. Ist dies nicht der Fall, ist der erste Schritt der Therapie, ein Bewusstsein für die Krankheit zu schaffen, denn Neglectiker merken nicht, dass sie das eine Sichtfeld vernachlässigen. Dann können Patienten verschiedene Strategien lernen, wie den Teller zu drehen, um auch die andere Hälfte essen zu können, oder die Aufmerksamkeit gezielt in das vernachlässigte Blickfeld zu lenken.
Spiegeltherapie
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 Bild vergrößern2 Phantomschmerz
Härter als das Phantomgliedmaß selbst trifft die Patienten sein Nebeneffekt: Schmerzen in einem Arm oder Bein, das gar nicht mehr da ist, geben Forschern Rätsel auf. Inzwischen deuten einige Studien darauf hin, dass im Gehirn ein Konflikt entsteht wenn eine Gehirnregion sich auf eine andere ausdehnt. Was genau bei diesem Konflikt passiert ist strittig. Ronald Melzack von der McGill University in Montreal, vertritt die Theorie, dass die frei gewordene Region im Gehirn noch auf Signale wartet während die Nachbarregionen sich bereits anfangen auszudehnen. Das Areal ist durch den fehlenden Input so leicht erregbar geworden, dass es die von den anderen Regionen eindringenden Signale als Schmerz deutet. Deshalb werden statt schlecht wirkender Schmerzmittel heute eher erregungsdämpfende Medikamente verabreicht. Die Spiegeltherapie suggeriert dem Areal Kontrolle über das verlorene Gliedmaß. Wenn das schmerzende Phantomglied eine Hand ist, spiegelt man die reale Hand an den Stumpf des anderen Armes. So sieht es für den Patient so aus, als wäre das Phantom real. Wenn er nun die gesunde Hand bewegt oder Berührungsreizen aussetzt, interpretiert das Gehirn nach einer Weile die Reize so, als würden sie von der Phantomhand ausgehen und die Schmerzen werden geringer.
Momentaufnahmen
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 Bild vergrößern1 Akinetopsie
Ein Leben in Momentaufnahmen: Patienten mit Akinetopsie sind unfähig, Bewegungen wahrzunehmen. Stattdessen sehen sie einzelne Bilder, wie in einem zu langsam geblätterten Daumenkino. Das führt im Alltag zu erheblichen Schwierigkeiten. Sich frei im Verkehr zu bewegen ist fast unmöglich: Ist das Auto im einen Moment noch weit entfernt, kann es im nächsten Moment schon in gefährlicher Nähe über die Straße rollen. Auch im Umgang mit anderen Menschen sind die Betroffenen beeinträchtigt. Sie merken oft nicht, wenn sich Menschen nähern und fühlen sich dann überrumpelt, wenn plötzlich jemand aus dem Nichts auftaucht. Da die Standbilder gefrorene Gesichter zeigen, sind Lippenbewegungen und Mimik nicht zu erkennen, was es für die Bewegungsblinden erschwert mit anderen Menschen zu kommunizieren. Verursacht wird die Akinetopsie durch einen Defekt im Bewegungsareal der Sehrinde.