Südliche Strände

Wer statt der abgelegenen Hochebenen von Chile, Namibia oder Australien nach allgemein beliebten Stränden auf niedriger geografischer Breite im Angebot der Flugverbindungen sucht, der stößt vor allem auf gut erreichbare Ziele in der Karibik und in Mittelamerika. Allein in Mexiko gibt es mindestens gleich drei bekannte Badeorte: Cancún auf Yucatán (20,5°) sowie Acapulco und Ixtapa (17°) an der südwärts blickenden Pazifikküste. Diese hat den offensichtlichen Vorteil, dass die interessanten Objekte über dem dunklen Meer liegen, und hier ist die Luft auch weniger feucht und transparenter als in der Karibik oder auf Yucatán.

Abseits der bekannten großen und mit Flugzeug erreichbaren Badeorte gibt es eigentlich immer auch kleinere Ortschaften am Meer mit recht dunklem Himmel. Es gilt also, über das Internet dort ein etwas abgelegeneres Hotel zu finden. Mietautos und Taxis sind in Mittelamerika nicht so teuer wie bei uns, sodass man sich um einen längeren Weg vom Flughafen zum Hotel nicht zu sorgen braucht. Landschaftlich besonders reizvoll ist übrigens die kaum bekannte Pazifikküste des mexikanischen Bundesstaates Michoacán, nordwestlich von Acapulco und Ixtapa gelegen. Der Autor (Klaus-Peter Schröder) hat hier beispielsweise ein sehr schönes Hotel in einem kleinen Ort auf einem Kliff 50 Meter über dem Meer gefunden. Derart abgelegene Strände sind natürlich auch viel sauberer, ruhiger und sicherer als die überfüllten Hauptstrände – wenn das kein Argument gegenüber der Familie ist?!

NGC 2477 und NGC 2451 im Feldstecher
© Klaus-Peter Schröder
(Ausschnitt)
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Die Paarung der sehr ungleichen offenen Sternhaufen NGC 2477 und NGC 2451, nordwestlich von ξ Pup, fällt bei einem Streifzug mit dem Feldstecher sofort ins Auge.

Geeignete Ausrüstung

Gewiss hat der Sternfreund bei einem Strandurlaub keinen Anspruch auf das gesamte Freigepäck der Familie. Zudem soll sich auch der Beobachtungsaufwand insgesamt in verträglichen Grenzen halten. Da kann ein 10 x 50- oder 12 x 60-Feldstecher nebst Sternkarten und Fotostativ eine gute Wahl sein, die viele schöne Beobachtungsstunden beschert. Aber auch ein kleineres Teleskop (Refraktor mit 70 bis 80 mm Öffnung oder ein kurzer 10-Zentimeter-Newton) bereitet keine Probleme: die Optik kann abmontiert im Handgepäck reisen, Tubus und Montierung gut mit T-Shirts gepolstert im Koffer. Sofern Sie eine leichte, parallaktische Montierung besitzen, die sich auf sehr niedrige Polhöhen einstellen lässt und über einen Nachführmotor verfügt, haben Sie sogar die Möglichkeit, eine Kamera mit Teleobjektiv huckepack zum Teleskop nachzuführen. Hierzu empfiehlt sich dann die Mitnahme eines beleuchteten Fadenkreuzokulars und aller benötigten Batterien (reichlich abgelegene Orte haben nur sehr begrenzte Einkaufsmöglichkeiten!).

Für digitale Spiegelreflexkameras gibt es CLS-Filter (z. B. von Astronomik), die diejenigen Teile des Spektrums blockieren, in denen sich die künstliche Beleuchtung am kräftigsten zeigt, ohne zuviel vom Licht der Sterne und Nebel zu rauben oder die Farbbalance der Kamera völlig zu ruinieren. Damit ausgerüstet lässt sich einer Restaufhellung des Himmels gut begegnen. Der Rest erledigt sich später am PC bei der Nachbearbeitung der Rohbilder. Da lässt sich zum Beispiel ein rötlicher Untergrund ausmerzen, indem man den Fuß der Gradationskurve im Rotkanal kappt.

Um die empfindliche Kameramechanik nicht durch Sand zu gefährden, sollte sich der Astrofotograf lieber einen ruhigen und geschützten Ort auf dem Hoteldach suchen, statt am Strand. In Lateinamerika sind die meisten Dächer flach und begehbar und liegen oft auch über den Lampen der Umgebung.

Ein wenig bekannter Abschnitt der Milchstraße

Wenn die zeitliche Wahl des Urlaubs auf die Frühjahrsferien fällt, dann wird der Sternfreund in besagt südlichen Breiten mit einem ihm bis dahin völlig unbekannten Abschnitt der Milchstraße konfrontiert. Bei uns in Nordeuropa versinkt sie südöstlich des Kleinen Hundes gnadenlos im Horizontdunst. Wir kennen noch viele offene Sternhaufen wie M 46 und M 47 im Achterschiff (lateinisch: Puppis), aber dann ist für uns Schluss. So wartet die Milchstraße in den Sternbildern Kiel des Schiffes (Carina), Segel des Schiffes (Vela) und Kreuz des Südens (Crux) auch für einen "alten Hasen" noch mit beeindruckenden Neuentdeckungen auf.

Sternhaufen NGC 2516
© Klaus-Peter Schröder
(Ausschnitt)
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Der wie eine weit geöffnete Schatztruhe wirkende offene Sternhaufen NGC 2516 steht etwa 3° südwestlich des Sterns ε Car im Sternbild Kiel des Schiffes.

Zunächst einmal setzt sich der uns aus Puppis gut bekannte Reichtum an offenen Sternhaufen nach Südosten hin fort. Im Feldstecher besonders auffällig wirkt die auf –37° Deklination liegende, sehr ungleiche Paarung von NGC 2477 und NGC 2451 (siehe Bild). NGC 2477 (5,8 mag, 27′, 160 Sterne) steht gut 2° nordwestlich von ξ Pup und sieht im Feldstecher rund und neblig aus – man könnte ihn für einen Kugelsternhaufen halten. Erst ein Teleskop verrät den Sternenreichtum und die wahre Natur dieses galaktischen Sternhaufens. NGC 2451 (2,8 mag, 45′, 40 Sterne) ist dagegen sehr locker und besteht vorwiegend aus wenigen, aber sehr hellen Sternen.

Unweigerlich zieht weiter südöstlich das "falsche Kreuz des Südens" den Blick auf sich: Eine Kombination von drei hellen Sternen in Vela im Osten und von ε Car im westlichen Teil des Schiffskiels. Das wahre Kreuz des Südens (Crux) ist kleiner und nicht so stark nach Osten geneigt, wie man etwas später leicht feststellen kann. Südwestlich von ε Car befindet sich, auf –60° Deklination schon recht tief über dem Horizont, der aufregende offene Sternhaufen NGC 2516 (3,8 mag, 29′, 80 Sterne). Er erinnert im Teleskop an eine Schatztruhe, die von der Stirnseite aus gesehen wird, mit weit geöffnetem Deckel! Ein dichter und scharf begrenzter Schwarm schwächerer Sterne füllt ein verjüngtes Viereck, und gleich daneben suggerieren drei hellere Sterne einen gewölbten, umgeschlagenen Deckel (siehe Bild). Übrigens, der wirklich als "Schatzkästchen" (englisch: jewel box) bezeichnete Sternhaufen ist NGC 4755 (4,2 mag, 10′), 1° südöstlich von β Cru.

Eta-Carinae
© Klaus-Peter Schröder
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernEta-Carinae mit Teleobjektiv und CLS-Filter
Nur 12° über dem Horizont (rechts unten ein Palmwedel) ließ sich trotz Seedunst der Eta-Carinae-Nebel mit Teleobjektiv und CLS-Filter prächtig abbilden.

Wenn das Kreuz des Südens tief im Dunst im Südsüdosten sichtbar wird, dann kulminiert die spektakuläre Eta-Carinae-Region (δ = –60°). Der bekannte Nebel ist fast 2° groß und umgeben von prächtigen offenen Sternhaufen, insbesondere IC 2602 (1,9 mag, 50′) im Süden, NGC 3532 (3,0 mag, 55′) im Nordosten und NGC 3114 (4,2 mag, 35′) im Westen. Nur 10° bis 15° über dem Horizont ist von der hier eigentlich prachtvollen Milchstraße zwar nichts zu sehen, aber die Haufen und helleren Nebelteile sind im Teleskop sichtbar und lassen sich mit einem CLS-Filter trotz Seedunst überraschend gut ablichten (siehe Bild).

Das ist zwar kein Vergleich mit dem, was im Hochland von Namibia oder Chile machbar ist, aber diese Beispiele zeigen, dass ein familienfreundlicher Badeurlaub an einem exotischen Strand dennoch ein großes Astropotenzial hat!