Manchmal muss die Wissenschaft an ihre Grenzen und darüber hinaus gehen – selbst wenn die Forscher in Selbstversuchen Hand an sich legen müssen. Das zeigen zehn Experimente, die auf den ersten Blick ziemlich schräg wirken.

Strick mit Knoten
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 Bild vergrößern10. Das Suizidexperiment
Der rumänische Mediziner Nicolas Minovici wollte 1905 herausfinden, wie sich Erhängen anfühlt. Dazu studierte er nicht nur mehr als 170 Suizide. Er hängte sich tatsächlich selbst zu Testzwecken auf – zuerst "nur" mit einer Schlinge, die sich nicht zuzieht: Sechs- bis siebenmal probierte er dies maximal fünf Sekunden lang, um sich "daran zu gewöhnen", so seine Aufzeichnungen. Schon hier empfand er den Schmerz als unerträglich, der ihn noch zwei Wochen später plagte. Nichtsdestotrotz machte Minovici mit seinem Assistenten weiter – und ließ sich von diesem in einer echten Schlinge insgesamt zwölfmal aufknüpfen. Wie durch ein Wunder überlebte er diese Prozedur bis auf die extremen Schmerzen im Halsbereich unbeschadet. Länger als ein paar Sekunden konnte er diese pro Versuch nicht durchstehen, wofür er sich in seinem Bericht mehrfach "entschuldigte". Die Tests zeigten, dass der Tod beim Erhängen nicht durch Ersticken eintritt, sondern weil das Gehirn kein Blut mehr erhält.
Stiereherde rast an einem Zaun entlang
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 Bild vergrößern9. Das Kampfstierexperiment
In seiner Jugend hatte sich der spanische Neurowissenschaftler José M.R. Delgado von der Yale University einige Male in der Stierkampfarena als Torero bewiesen – wenn auch nur mit mäßigem Erfolg, wie er selbst sagt. Dafür widmete er wütenden Bullen einen Teil seiner Forschungszeit: Er wollte beweisen, dass man einen Stier auch fernsteuern kann, und verpasste 1964 einem Bullen namens Lucero ein paar Elektroden im Hirn, die sich aus der Distanz aktivieren ließen. Ein paar Tage später ließ er den Stier reizen, bevor er selbst in die Arena trat. Wie erwartet stürmte Lucero auf ihn zu, doch vor dem Zusammenstoß drückte der Forscher auf das Knöpfchen einer Fernbedienung. Das aktivierte die Elektroden im Stierhirn, der Bulle bremste, wandte sich ab und trottete davon: Der kleine Stromstoß hatte ihn augenblicklich beruhigt. Spanische Zeitungen befürchteten bald darauf das Aus des Stierkampfs, doch darauf hatte es Delgado gar nicht abgesehen. Heute wird Elektrostimulation regelmäßig eingesetzt, um Patienten mit neuronalen Erkrankungen wie Parkinson zu helfen.
Das Karfreitagsexperiment setzte auf die berauschende Wirkung von Pilzen.
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 Bild vergrößern8. Das Karfreitagsexperiment
Den Karfreitagsgottesdienst vom 20. April 1962 werden zehn Studenten wohl nie mehr vergessen. Die Predigt von Pfarrer Howard Thurman fesselte ihre Aufmerksamkeit jedoch nicht. Sie waren vielmehr fasziniert von all den Farben, die sie wahrnahmen, sie hörten Stimmen und fühlten sich eins mit ihrer Umwelt. Die Studenten waren Teilnehmer eines medizinischen Versuchs von Walter Pahnke und Timothy Leary von der Harvard University: Sie wollten herausfinden, ob halluzinogene Pilze der Gattung Psilocybe ähnlich mystische Gefühle auslöst, wie sie besonders gläubige Menschen in religiöser Trance erleben. Während sich die nüchterne Vergleichsgruppe angemessen verhielt, erlebten die anderen Teilnehmer mystische Höhenflüge. Sie hatten Visionen, wollten die Botschaft Jesu weiterverbreiten und fühlten sich glücklich und beschwingt. Allerdings erlebten die Studenten nicht nur glückliche Phasen, wie sie ebenfalls zu Protokoll gaben: Dann fürchteten sie, verrückt zu werden oder gar zu sterben.
Netz einer Radnetzspinne mit morgendlichem Tau
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 Bild vergrößern7. Das LSD-Experiment
Was passiert, wenn Spinnen unter Drogen stehen? Sie knüpfen nutzlose oder sehr chaotische Gespinste. Schuld an ihrem Trip war die Hirnforschung: Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hatte der Pharmazeut Peter Witt einige Achtbeiner berauscht und beobachtet, wie falsch sie danach ihre Netze bauten. Dafür nutzte er unter anderem LSD. Diese Droge löst in gesunden Menschen bei dauerhaftem Gebrauch ähnliche Erscheinungen aus, wie sie bei Schizophrenie auftreten. Könnte es nicht sein, fragten sich die Neurologen, dass im Körper von Schizophrenen LSD-artige Substanzen dauerhaft vorhanden sind und mit dem Urin ausgeschieden werden? Zu diesem Zweck verabreichten Forscher in einer zweiten Studie einigen Laborspinnen Urin von Schizophrenen und gesunden Menschen. Sie wollten sehen, ob und wie der Urin die Netze beeinflusst, um daraus eine Methode zur Früherkennung der Krankheit zu entwickeln. Doch es passierte – nichts. Gleich von wem der Harn stammte: Die Spinnen bauten ihre Netze wie immer. Gerne machten die Tiere allerdings nicht mit: Nach dem ersten Versuch putzten sie sich intensiv und mieden jeden weiteren Kontakt.
Radrennfahrer mit Helm
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 Bild vergrößern6. Das Helmexperiment
Wie überholen Autofahrer Radler? Das wollte der britische Verkehrspsychologe Ian Walker wissen und startete einen Selbstversuch. Er fuhr mit und ohne Helm, als Frau verkleidet und in unterschiedlicher Entfernung zum Straßenrand mit dem Rad durch Salisbury. Je weiter er innerhalb der Straße fuhr, desto enger wurde er überholt. War Walker als Frau unterwegs, gönnte man ihm durchschnittlich knapp 15 Zentimeter mehr Sicherheitsabstand. Fahrer von weißen Lieferwagen nahmen eine 10 Zentimeter engere Passage als andere Autofahrer. Und helmtragend wurde Walker um 8,5 Zentimeter dichter passiert als ohne die Kopfbedeckung. Warum, ist unklar, doch der Wissenschaftler vermutet, dass Kfz-Lenker behelmte Radler als versierter und erfahrener einschätzten, die man daher enger überholen könne. Zwischen 3,54 Metern im Maximalfall und weniger als null betrugen die Sicherheitsabstände. Weniger als null bedeutete Unfall – was Walker zweimal zustieß. Immerhin blieb er in diesen Fällen dank des Helms unverletzt.
Pechtropfenexperiment
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 Bild vergrößern5. Das Pechtropfenexperiment
Alles begann 1927 mit dem Physikprofessor Thomas Parnell, der in seinem Labor an der University of Queensland in Brisbane heißes Pech in einen versiegelten Trichter goss. Anschließend wartete er drei Jahre, bis sich das Material abgekühlt und gesetzt hatte. 1930 öffnete er den Verschluss, doch erst acht Jahre später löste sich der erste Tropfen der teerartigen Substanz und plumpste in das Becherglas darunter, zu dem sich weitere neun Jahre später ein zweiter gesellte. Schnelle sieben Jahre später – Parnell war inzwischen verstorben – folgte ein dritter Tropfen, bevor 1961 Physiker John Mainstone die Beobachtung übernahm. Er erlebte bislang immerhin fünf Abstürze und den Aufstieg des Experiments zur Berühmtheit mit. Live gesehen hat aber noch nie jemand einen Tropfensturz: Ein Tropfen benötigt zwar sieben bis zwölf Jahre, um zu wachsen, er fällt aber in nur Zehntelsekunden – beim bisher letzten Mal streikte die Aufzeichnungskamera. Mehr Glück hatten Kollegen am Trinity College in Dublin, die einen solchen seltenen Fall tatsächlich aufzeichnen konnten.
Brautpaar wird mit Reis beworfen
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 Bild vergrößern4. Das Eheexperiment
Manch einer würde wohl die Ehe als das größte Experiment des Lebens bezeichnen – auch wenn diese Studie einiger britischer Psychologen nicht auf einem klassischen Experiment beruhte: Sie hatten tausende Hochzeiten analysiert, um herauszufinden, ob die Paare zuvor bereits zusammengelebt hatten. Eines der Ergebnisse: Gaben beide Partner bei der Eheschließung dieselbe Adresse an, sei es wahrscheinlich, dass sie sich bereits vor dem Hochzeitsfest die Wohnung geteilt hatten. Wer hätte das gedacht? Eine sinnvollere Studie von Marret Noordewier an der Universität Tilburg in den Niederlanden widmete sich der Frage, was es für Folgen hat, wenn Frauen den Namen ihres Gatten annehmen. Sie werden von ihrer Umwelt als abhängiger, emotionaler, weniger klug und ehrgeizig betrachtet – und sie verdienen deshalb weniger. Den Verlust hat Noordewier ausgerechnet: Über das Arbeitsleben hinweg bekommt eine Frau, die ihren Namen gewechselt hat, bis zu 360 000 Euro weniger. Das Ergebnis ist eigentlich erschütternd – wenn die Daten nicht erfunden worden wären, wie später herauskam.
Stechmücke saugt Blut
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 Bild vergrößern3. Das Mückenexperiment
Moderne Legende – oder doch Wahrheit? Es ist eine gruselige Vorstellung, dass Mücken einen Menschen komplett leer saugen könnten. Amerikanische Forscher haben berechnet, dass etwa 1,2 Millionen Mücken notwendig wären, einem ausgewachsenen Mann den Lebenssaft komplett zu entziehen – fraglich, ob so viele der stechenden Biester überhaupt Platz auf einem Körper hätten. In der kanadischen Arktis haben andere Wissenschaftler hingegen schon einen Selbstversuch gewagt: Sie stellten sich mit entblößten Armen, Beinen und Oberkörper in die freie Natur, um sich von Schwärmen frisch geschlüpfter und damit extrem hungriger Mücken piesacken zu lassen. 9000 Moskitos tobten sich auf ihnen aus – pro Minute! In diesem Tempo hätten sie nach nur zwei Stunden die Hälfte ihres Bluts verloren und wären an Blutmangel gestorben.
Küssende Makaken
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 Bild vergrößern2. Das Affenliteraturexperiment
Mathematisch ist es durchaus möglich: Wenn ein Affe nur unendlich lange und zufällig auf einer Schreibmaschine herumtippt, bringt er laut Wahrscheinlichkeitsrechnung am Ende fast sicher alle Werke William Shakespeares nahezu fehlerfrei zusammen – sofern man Zeit und Lust hat, darauf zu warten. Umgekehrt kann man natürlich auch eine unbegrenzte Zahl an Affen an ebenso viele Schreibmaschinen setzen, um den Prozess abzukürzen. Das lässt sich mathematisch mit dem Infinite-Monkey-Theorem ableiten. Getestet wurde es auch schon in der Realität, jedoch mit ernüchterndem Ergebnis: Studenten der Plymouth University in England spendierten sechs Makaken einen Computer und ließen sie einen Monat sich damit beschäftigen. Am Ende erhielten sie fünf Seiten Text, in denen der Buchstabe S eindeutig dominierte – von sinnigen Wörtern dagegen keine Spur. Stattdessen nutzten die Affen die Tastatur als Toilette oder bewarfen sie mit Steinen.
Heftige Wellen branden gegen Leuchtturm
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 Bild vergrößern1. Das Olivenölexperiment
Benjamin Franklin war nicht nur einer der Gründerväter der USA, sondern auch Naturwissenschaftler. Eines Tages im Jahr 1757 beobachtete er bei seiner Überfahrt von New York nach London, dass das Kielwasser zweier Schiffe merkwürdig glatt blieb: Keine Welle kräuselte sich im Meer. Der Kapitän klärte ihn auf: Fetthaltige Speisereste waren über Bord gekippt worden, und das Öl hatte die Wogen geglättet. In England angekommen, schritt Franklin selbst zur Tat: Bei stark windigem Wetter kippte er einen Löffel Olivenöl in einen kleinen Teich – still ruhte auch er. Als er den Versuch 1773 auf hoher See wiederholte, erlebte er jedoch eine Enttäuschung. Es verschwanden zwar die Schaumkronen, die Brandung wurde aber offensichtlich nicht schwächer. Knapp 200 Jahre später wiederholte Heinrich Hühnerfuss von der Universität Hamburg den Test in der Nordsee – und bewies, dass Öl große Wellen wirklich um ein Zehntel verkleinern kann. Der Grund: Öl bildet auf dem Wasser einen zäh-elastischen Film, der den Wind bremst, der die Wellen erzeugt. Das verhindert, dass sich kleine Wellen bilden, was wiederum über eine Kettenreaktion auch die größeren schwächt.