Cicero oder Laotse, Voltaire, Newton oder Descartes hatten es leicht: Auf ihrem Weg zum Ruhm hatten sie vergleichsweise wenig Konkurrenz. Immerhin kratzte die Weltbevölkerung zu Voltaires Lebzeiten im 18. Jahrhundert gerade erst an der Marke "eine Milliarde" – ein bedeutend kleinerer Pool von Köpfen aufklärerischer Genialität, aus denen es herauszuragen galt. Cicero musste dafür, knapp vor der Zeitenwende, sogar nur 200 Millionen Konkurrenten ausstechen – und Laotse formulierte die Ideen des Daoismus noch rund sechs Jahrhunderte früher für gerade einmal gut 100 Millionen Zeitgenossen.

Wie viele Menschen leben auf der Erde – und wie viele werden es bald sein?

Heute dagegen herrscht Überbevölkerung: 7,55 Milliarden Menschen atmen laut dem jüngsten Bericht der UN zur Weltbevölkerung (2017) auf unserem Planeten. Das macht es dem Einzelnen schwer, etwas Herausragendes zu leisten – und verursacht weit größere Probleme. Zudem werden wir weiter ständig mehr: Den Vereinten Nationen zufolge fällt die nächste Milliardenmarke schon in knapp zehn Jahren. 2050 teilen wir uns die Erde mit etwa 9,77 Milliarden Mitmenschen, und im Jahr 2100 feiern 11,18 Milliarden den Jahrhundertwechsel.

Längst nicht alle rechnen allerdings wie die UN. Das Wittgenstein-Zentrum in Wien etwa schätzt, dass die Menschheit ihr Maximum im Jahr 2075 erreicht: bei 9,38 Milliarden. Der norwegische Forscher Jørgen Randers, der 1972 im "Club of Rome" die "Grenzen des Wachstums" beschwor und die Weltgemeinschaft in Aufruhr versetzte, geht sogar noch von wesentlich weniger aus. 2040 sei bei 8,1 Milliarden Schluss mit dem Wachstum.

Wie schwierig das Thema Bevölkerungsprognose ist, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Der deutsche Wissenschaftler Wilhelm Fucks zum Beispiel verkündete 1954 eine Verdopplung der Menschheit – und lag mit seinen 5 Milliarden für das Jahr 2024 deutlich daneben. Die Opfer eines kommenden nuklearen Kriegs, 25 Millionen, hatte Fucks dabei im Denken seiner Zeit vorsorglich einkalkuliert. Er irrte allerdings auch, weil er sich auf eine insgesamt dürftige Datenbasis stützen musste.

Können wir die Weltbevölkerung sicher bestimmen?

Gleich vorweg: nein. Das liegt schlicht und ergreifend daran, dass die meisten Staaten keine lückenlose Registrierung ihrer Bürger besitzen – die Datenlage hat sich seit den 1950er Jahren zwar verbessert, bleibt aber, vor allem in ländlichen Regionen von Entwicklungsländern, bestenfalls mangelhaft. Auch vorgebliche Fortschrittsländer wie Deutschland zählen nicht jede Geburtsurkunde, und längst nicht jeder Deutsche meldet, wenn er weggezogen ist.

Als die deutsche Regierung 2011 das erste Mal seit 24 Jahren einen Zensus durchführte, lebten auf einmal 1,5 Millionen Einwohner weniger in unserem Land. Die Fortführung der antiquierten Daten hatte offenbar zu einem beachtlichen Fehler geführt.

Für die neue Zählung wurden damals aus Kostengründen größtenteils Melderegister der Kommunen ausgewertet. Nur ein Teil der Deutschen wurde tatsächlich befragt und gezählt. Ein echter Zensus fand also nicht statt; bloß eine – recht genaue – Schätzung. Somit ist auch Deutschlands neue Einwohnerzahl, wie alle anderen auf der Welt, falsch.

Das weiß auch die UN, die ein Gros ihrer Daten von den Behörden der Mitgliedsländer erhält. Sie beziffert ihre eigene Fehlerrate auf eine untere einstellige Prozentzahl – das wären immerhin noch ein paar hundert Millionen Menschen. Unabhängige Experten wie der norwegische Ökonom Nico Keilman bestätigen das: Seiner Studie zufolge lag die Fehlerrate der UN-Vorhersagen zur Bevölkerungsentwicklung seit 1965 bei beachtlich niedrigen zwei Prozent. Die UN fährt somit traditionell recht gut mit ihren Prognosen – schon 1982 war sie, durchaus realistisch, von 8,2 Milliarden Menschen für 2025 ausgegangen.

Wie berechnen wir, wie viele wir sein werden?

Die meisten Bevölkerungsprognosen basieren auf der Kohorten-Komponenten-Methode, die mit der nach dem Mathematiker Patrick Leslie benannten Matrix berechnet wird. Sie teilt die Bevölkerung in Altersgruppen ein – zumeist in Fünf-Jahres-Schritten. Die Eigenschaften verschiedener Altersstrukturen kommen so besser zur Geltung: Schließlich gebären 25-jährige Frauen eben weitaus häufiger Kinder als 50-jährige.

Aktuelle Berechnungen nach diesem Schema kommen zu dem Schluss, dass die Weltbevölkerung deutlich wachsen wird: Frauen bekommen im Schnitt mehr als rechnerisch 2,1 Kinder, was die Bevölkerung stabil halten würde – die krumme Zahl resultiert aus der Mortalität und der insgesamt leicht erhöhten Rate männlicher Säuglinge. Die Geschlechterquote kann allerdings von Land zu Land schwanken: In China etwa wurden während der früheren Ein-Kind-Politik viele weibliche Föten abgetrieben, was zu einem starken Männerüberschuss führte. Die Fertilitätsrate für eine stabile Bevölkerung liegt dort deswegen bei etwa 2,35.

Will man weiter in die Zukunft blicken, beginnen die Probleme. Wie soll man wissen, wie sich Medizin und gesellschaftliche Trends entwickeln werden – wie soll man also die Fertilität und Mortalität voraussagen? Der Trick, dessen sich die Statistiker bedienen, lautet "Blick in die Vergangenheit": Sie nehmen an, dass sich frühere industrielle und gesellschaftliche Entwicklungen wiederholen.

Ein Beispiel: Die Geburtenziffer in Deutschland sank mit zunehmendem, egalitärem Wohlstand, besserer Medizin und Gleichstellung der Frau drastisch: von fünf Kindern pro Frau im Jahr 1900 auf etwa zwei in den 1930er Jahren. Und tatsächlich nahm einige Jahrzehnte später die Geburtenziffer auch in Ländern wie Vietnam mit steigender Wirtschaftskraft ganz ähnlich ab. Von 3,6 im Jahr 1990 auf etwa zwei zehn Jahre später.

Die Geburtenziffer ging sogar rascher zurück als erwartet – was für eine stabilere Bevölkerungszahl sorgt. Demografen machen solche unvorhergesehenen Schwankungen allerdings Probleme, und die UN gibt deswegen auch immer zwei Extremprognosen für die Weltbevölkerung an: Nur 0,5 Kinder weniger pro Frau, und 2100 lebten etwa 7,3 Milliarden Menschen auf der Erde – 0,5 Kinder mehr, und es wären 16,5 Milliarden.

Stößt das Bevölkerungswachstums an Grenzen?

Reicht unser Planet überhaupt für so viele Einwohner? Während Homo sapiens für seine erste Milliarde mehrere zehntausend Jahre brauchte, reichten ihm für die letzte gerade mal zwölf. Rasant, ja exponentiell wachsende Populationen wie die Bakterienkolonie in der Petrischale werden immer größer, bis die Nährlösung sie begrenzt. Was also passiert, wenn die Ressourcen der Menschheit aufgebraucht sind? Bei Bakterien beginnt die Absterbephase, die Population bricht zusammen. Droht der Menschheit dasselbe Schicksal?

Der österreichische Physiker Heinz von Foerster hat dem Tag des Untergangs vorsorglich ein Datum gegeben: Am 13. November 2026 wird das Bevölkerungswachstum ins Unendliche streben – zumindest rein mathematisch und auf Basis der Daten von 1960. Von Foersters Studie war nicht ganz ernst gemeint. Seine Gleichung fand unter dem Namen "Doomsday Equation" trotzdem Einzug ins Schreckensszenario eines terrestrischen Kollapses.

Auch die Biologen Paul und Anne Ehrlich sahen düstere Zeiten voraus: Im 1968 erschienen Werk "Die Bevölkerungsbombe" prognostizierten sie weltweite Hungersnöte für die 1970er und 1980er Jahre. Würden die Menschen ihre Geburtenrate nicht absenken, steige eben auf Grund mangelnder Ressourcen die Sterberate und stelle so die ideale Bevölkerungsbalance her. Doch bekanntlich kam es anders.

Die so genannte "grüne Revolution" – neue, auf Effizienz getrimmte Reis- und Getreidezüchtungen und der massive Einsatz von Mineraldünger – vervielfältigte die Nahrungsproduktion. Der Hunger der Welt wurde nicht besiegt, aber eingedämmt. Er ist kein globales, sondern ein regionales Phänomen.

Dieser jederzeit mögliche technologische Fortschritt macht es schwierig, die Frage nach dem Limit der Erde zu beantworten. Dutzende Forscher haben sich darin geübt, die Tragfähigkeit des Planeten – die maximale Anzahl an Menschen, die langfristig auf ihm leben können – zu bestimmen. Abhängig von Technologieglaube oder -skeptizismus variieren die Schätzungen extrem. Paul und Anne Ehrlich bezifferten die ideale Weltbevölkerung noch 2009 auf 1,5 bis 2 Milliarden Menschen. Andere Forscher stellten Prognosen auf, die von wenigen hundert Millionen bis zu einer Billion Erdenbewohner reichen.

Wann gehen den Menschen die Ressourcen aus?

"Die Nahrung ist sicher – auch für elf Milliarden!" – so lautet die jüngste Botschaft der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO). Allerdings gibt es Einschränkungen: Zwar kann schon heute theoretisch jeder mehr als genug Energie (2750 Kilokalorien pro Tag in Entwicklungsländern und damit 800 über dem Mindestbedarf) und Nährstoffe pro Tag konsumieren – doch hinkt es an der Verteilung und dem wirtschaftlichen Zugang zur Nahrung. 800 Millionen, immerhin elf Prozent der Weltbevölkerung, sind nach FAO-Angaben unterernährt. Jüngstes Beispiel: die Hungerkatastrophe in Zentral- und Ostafrika.

Auch an der Nachhaltigkeit der Nahrungsmittelproduktion gibt es Zweifel. Das Stockholm Resilience Centre veröffentlicht regelmäßig Studien zu den "planetaren Grenzen" unserer Erde. Der massive Einsatz von Mineraldünger, vor allem Phosphor und Stickstoff, vernichte Ökosysteme und vergifte das Trinkwasser – hier findet sich die Kehrseite der grünen Revolution.

Beobachtbar sind die Folgen etwa im Golf von Mexiko: Der vom Regen in die Flüsse gewaschene Mineraldünger führt zu einer Algenblüte, Sauerstoffarmut und letztlich einer gewaltigen, lebensfeindlichen "Todeszone" ohne höheres Leben. Auch in heimischen Gefilden vollzieht sich das Drama der Überdüngung – zum Beispiel im Oldenburger Münsterland in Niedersachsen.

Dabei steht dem Düngerüberfluss ein Rohstoffengpass gegenüber. Denn ist der Phosphor erst einmal vom Acker geschwemmt, lässt er sich kaum wiedergewinnen. Somit wird das Gros des weltweiten Phosphors in Lagerstätten abgebaut – knapp 70 Prozent davon liegen in Marokko. Und auch die Vorräte dort sind endlich. Ernten auf dem heutigen Niveau sind jedoch ohne Phosphor kaum möglich. Naht also das Ende mit dem Ende des Phosphors?

Ein weiteres Problem: immer knapperes Trinkwasser. So zehrt der Bevölkerungsanstieg im Nahen und Mittleren Osten an den ohnehin geringen Vorräten: Flüsse wie der Zayandeh im Iran liegen häufig trocken. Dagegen kommen technologische Innovationen noch nicht an: Meerwasser zu entsalzen ist (noch?) zu teuer und energieintensiv. Dabei stünde Energie, rein rechnerisch, genug zur Verfügung: Fotovoltaik und Solarthermie könnten schon jetzt die ganze Welt mit Strom versorgen, trotz durchaus kostspieliger Übertragungstechnik. Ohnehin begrenzen aber nie Ressourcen allein das Wohl unserer Spezies, sondern häufig politische, ideologische und wirtschaftliche Interessenkonflikte. Kurz: Man streitet darüber, wann und ob uns ausgeht, was wir zum Überleben brauchen.

Wo sind die Hotspots des Wachstums?

Ganz klar in Afrika. Bis 2050 wird sich dort die Bevölkerung laut Weltbank mehr als verdoppeln. Nigeria wird dann die USA als drittgrößtes Land der Welt ablösen und weit hinter sich lassen. 2100 sollen schließlich fast 40 Prozent der Erdenbewohner ihre Wurzeln zwischen Tunesien und Südafrika haben. Dann werden rund 3,8 Milliarden Menschen Afrika ihr Zuhause nennen. Knapp zwei Drittel des Bevölkerungswachstums bis 2100 gehen auf Afrika zurück.

Für einige Länder hat das prekäre Folgen. So liegt die höchste Fertilitätsrate der Welt mit Abstand im Niger. 7,4 Kinder gebärt eine Nigrerin in ihrem Leben – durchschnittlich. Zudem stieg die Lebenserwartung in den letzten 25 Jahren beachtlich: von 45 auf 60 Jahre. Die medizinische Infrastruktur hat – auf unterem Niveau – deutliche Fortschritte gemacht. All das führt dazu, dass Nigers Bevölkerung bis 2030 pro Jahr um etwa eine Million steigt. Dann werden es 34 Millionen sein. Das Problem: Mehr als zwei Drittel des Staatsgebiets sind Wüste.

Ähnlich geht es Ägypten. Dort stieg zuletzt die Fertilität sogar wieder auf 3,4 Kinder. Was nach wenig klingt, ist dramatisch: Denn Ägypten hat bereits 97 Millionen Einwohner. Fast die gesamte Bevölkerung lebt auf nur 5,5 Prozent der Landesfläche – das entspricht in etwa der Größe Niedersachsens. Bloß: Wo sollen die nächsten 60 Millionen Ägypter leben? Denn schon jetzt überwuchern die Riesenmetropolen des Landes das fruchtbare Nildelta. Afrika steht vor gewaltigen Herausforderungen. Die Hälfte aller Einwohner südlich der Sahara ist heute jünger als 18 – und braucht eine Zukunft.

Kann die Menschheit sich selbst regulieren – oder braucht es einen Eingriff?

In einer jungen Bevölkerung liegen jedoch auch große Chancen – wenn die Geburtenrate fällt. Forscher sprechen vom "demographic window of opportunity": je geringer der Anteil von Kindern und Rentnern, desto größer der von Menschen im arbeitsfähigen Alter. Und dieses Plus an "Arbeit pro Kopf" könnte in "Einkommen pro Kopf" umgemünzt werden.

Das geht allerdings nicht von allein. So stellte die Weltbank fest, dass viele Staaten in Ostasien die richtigen Hebel in Gang gesetzt haben: Bildungsprogramme, Wirtschafssubventionen, Gleichstellung der Frau und Investitionen in Infrastruktur erhöhten Arbeitskraft und -qualität. Als Gegenbeispiel nennt die Weltbank Lateinamerika. Die Politik verpasste richtige Maßnahmen – oder sie gingen in Korruption unter.

Auch Eingriffe in die Familienpolitik sind und waren Teil des Maßnahmenkatalogs. Berühmtestes Beispiel: Chinas Ein-Kind-Politik seit den 1980er Jahren. In der Folge sank die Fertilität zwischen 1970 und 1990 von sechs auf zwei Kinder. Kein anderes Land der Welt hat einen solchen Geburtenknick.

Vergleicht man China mit Indien, gibt der Erfolg den Chinesen durchaus Recht: Das mittlere chinesische Einkommensniveau schlägt das von Indien um Längen. Das "demografische Fenster" hat China wie sonst kein anderes Land genutzt. Während Indien 400 Millionen Einwohner bis 2050 hinzugewinnt, wächst China nur noch moderat. Das liegt am Bevölkerungsmomentum: Die geburtenstarken Jahrgänge profitieren von der gesteigerten Lebenserwartung – und sterben später.

Doch genau das stellt China nun vor ein anderes Problem: Das Rentensystem ist der "Seniorenwelle" nicht gewachsen. Traditionell kümmern sich die Kinder nämlich um Eltern und Großeltern. Als "4-2-1-Problem" hat der Zustand schon längst Einzug in die Alltagssprache gefunden. Vor diesem Hintergrund lockerte die Regierung die Ein-Kind-Beschränkung. Die Rente ist damit jedoch noch lange nicht sicher – und gesetzliche Kinderquoten auch keine ideale Lösung.

Den Demographic-Window-Effekt erhoffen sich Ökonomen für Afrika – wo die Geburtenraten allerdings bislang nicht schnell genug fallen. Noch entscheidet dort nämlich die Zahl der Kinder über den bescheidenen Wohlstand, frei nach dem Motto: mehr Hände, mehr Arbeitskraft. Zudem sind Kinder ähnlich wie in China eine Art Rentenversicherung für das Alter.

Stiege durch den Effekt jedoch das persönliche Kapital, wären weniger Hände pro Familie für ein ordentliches Einkommen vonnöten. Das vorhandene Geld würde, so die Ökonomen, wie in Ostasien eher in die Bildung weniger Kinder gesteckt: Qualität statt Quantität. Doch das ist noch Zukunftsmusik.

Das effektivste Mittel gegen Überbevölkerung bleibt im Übrigen die Bildung der Frauen. Denn je höher deren Schulabschluss ist, desto weniger Kinder gebären sie: In Kenia oder Äthiopien etwa haben Frauen ohne Schulabschluss im Durchschnitt acht Kinder, Frauen nach zwölf  Jahren Schule dagegen nur zwei oder drei. Bildung sorgt hier für mehr Selbstbestimmung – und acht Babypausen passen nicht zu einem Lebensentwurf, bei dem eine gute Schulbildung in eine gut entlohnte Arbeit münden soll.