Geht uns die Schokolade aus?

Auch wenn Meldungen über die bevorstehende Schokokalypse wohl voreilig sind – Schokolade könnte in Zukunft tatsächlich knapper werden. Die Hauptursachen dafür sind Schädlinge, der Klimawandel und strukturelle Probleme in der Kakaowirtschaft. Die Kakaopflanze, aus der die Rohstoffe für Schokolade stammen, ist ein empfindliches Gewächs und braucht ein geeignetes Klima – deswegen gedeiht die edle Pflanze auch keineswegs überall, und man kann auch nicht einfach, wie zum Beispiel bei Kaffee oder Bananen geschehen, rund um die Welt neue Plantagen hochziehen. Wenn in einem der Hauptanbaugebiete etwas schiefläuft, sind die Verluste meist nur teilweise auszugleichen.

Modelle sagen zum Beispiel für die Kakaoregion Elfenbeinküste/Ghana, in der die Hälfte der weltweiten Kakaoernte produziert wird, einen Temperaturanstieg von über einem Grad bis 2030 voraus. Kakaoplantagen liegen bevorzugt in feuchten Regionen mit Jahresmitteltemperaturen zwischen 22 und 25 Grad – in Westafrika liegen die entsprechenden Mittelwerte zwischen 24 und 29 Grad, im oberen Bereich des Optimums. Bei einer weiteren Erwärmung verschieben sich die für den Kakaoanbau geeigneten Regionen in größere Höhen, wo es kühler ist. Und da Berge zum Gipfel hin meistens schmaler werden, schrumpfen die verfügbaren Anbauflächen dort drastisch.

Außerdem ist Theobroma cacao, so der systematische Name des Kakaobaums, sehr anfällig für Schädlinge und Pilzinfektionen. Dass die Kakaobohnenernte in ihrer Herkunftsregion Mittelamerika global nur noch eine geringe Rolle spielt, dafür ist zum Teil der Pilz Moniliophthora perniciosa, Verursacher der Hexenbesenkrankheit, verantwortlich. Diese Infektion verstümmelt Blüten, Blätter und Früchte der Pflanze und breitete sich im letzten Jahrhundert in den Kakaokulturen Mittelamerikas, Brasilien und der Karibik aus.

Andere Pilze, zum Beispiel Phytophthora megakarya, verursachen erhebliche Ernteverluste in Westafrika und anderswo, indem sie die Früchte des Kakaobaums verfaulen lassen. In Asien richten die Larven der Miniermotte Conopomorpha cramerella enormen Schaden an. Sie bohren sich in die Früchte und fressen die Samen auf, bevor sie sich aus der Frucht herausfressen und verpuppen. Das Problem dabei sind gar nicht so sehr die Schädlinge selbst, sondern dass die meisten Kakaobauern wegen der niedrigen Preise schlicht zu arm sind, um diesem Problem effektiv zu begegnen.

Warum schwanken die Kakaopreise so stark?

Derzeit liegt der Preis für eine Tonne Kakao bei etwa 2900 Dollar, vor drei Monaten betrug er noch 400 Dollar mehr. Vor knapp vier Jahren kosteten die Bohnen sogar 3800 Dollar, ein Jahr später dagegen fiel der Preis bis auf 2100 Dollar je Tonne. In den 1980er Jahren lag der Tonnenpreis dagegen inflationsbereinigt bei über 5000 heutigen Dollar. Während die Marktmacht der Aufkäufer gegenüber den Kakaobauern die Preise drückt, wirkt die steigende Nachfrage in die entgegengesetzte Richtung. Der wachsende globale Wohlstand macht Kakao auch jenen schmackhaft, die sich das Luxusprodukt bisher nicht leisten konnten.

Doch zusätzliche Kakaobohnen bereitzustellen, ist schwierig: Etwa zehn Jahre braucht ein Kakaobaum, bis er seinen maximalen Ertrag liefert. Deswegen und weil nur wenige neue Anbaugebiete zur Verfügung stehen, können die Bauern ihre Produktion nur langsam erhöhen – oder gar Verluste durch Schädlinge ersetzen. Missernten, Naturkatastrophen und politische Instabilität führen immer wieder zu Phasen hoher Preise.

Die hohe Schwankungsbreite macht Kakaobohnen beziehungsweise von ihnen abgeleitete Wertpapiere zum beliebten Spekulationsobjekt. Das Handelsvolumen der Derivate liegt derzeit ungefähr beim Zehnfachen des Werts der jährlichen Kakaoernten – auch das, da sind Experten sich sicher, verstärkt die Preisschwankungen. Bei den Bauern kommt von den enormen Gewinnen meist nichts an, und damit fehlt ihnen auch die Möglichkeit, ihre Erträge zu steigern oder sich auf veränderte Umstände vorzubereiten – was die Preisschwankungen weiter verstärkt.

Ist Schokolade gesund?

Vor allem dunkle Schokolade gilt als potenziell förderlich für die Gesundheit. Obwohl bei dieser Behauptung primär der Wunsch Vater des Gedankens ist, gibt es eine Reihe von Befunden, die in diese Richtung deuten. Hauptaspekt ist dabei der hohe Anteil an Flavonoiden in der Schokolade, einer Gruppe von Chemikalien, die im Stoffwechsel von Pflanzen entstehen. Sie wirken unter anderem als Antioxidanzien, die lange als willkommene Helfer gegen freie Radikale galten und damit als wahres Wundermittel gegen alles Mögliche. Inzwischen sieht man Antioxidanzien allerdings differenzierter.

Die Flavonoide der Schokolade haben jedoch einen Einfluss auf den Kreislauf und die Blutgerinnung und können laut entsprechenden Studien bei anfälligen Personen das Risiko eines Herzinfarkts verringern. Eine Analyse von über 100 Studien ergab, dass Schokolade auch Blutdruck und Entzündungen reduziert – allerdings weit schwächer als entsprechende Medikamente. Das Immunsystem soll profitieren, und bei Schnecken fördern die Inhaltsstoffe der Schokolade wohl das Gedächtnis. Auch bei Insulinresistenz und dem bis heute mysteriösen Chronischen Erschöpfungssyndrom soll Schokolade helfen, wenn man den entsprechenden Studien glaubt. Allerdings darf man durchaus vermuten, dass Studien mit positiven Ergebnissen in diesem Feld weit häufiger veröffentlicht werden als gegenteilige Aussagen, so dass Vorsicht angebracht ist.

Die Sache hat zusätzlich den kleinen Haken, dass Schokolade ja eben nicht nur Kakao enthält. Wer mal reines Kakaopulver probiert hat, weiß warum. Um das recht bittere Rohmaterial genießbar zu machen, enthält Schokolade Zucker und Fette, die zu Übergewicht, Insulinresistenz und anderen Gesundheitsproblemen führen, wenn man es mit den Süßigkeiten übertreibt. Diese Effekte sind weit besser belegt als alle positiven Effekte des Kakaos.

Macht Schokolade glücklich?

Trotz aller Beteuerungen regelmäßiger Konsumenten gibt es keine handfesten Belege dafür, dass Schokolade auf biochemischem Weg besonders glücklich machen würde. Der enthaltene Zucker und nicht zuletzt das anregende, chemisch mit dem Koffein verwandte Theobromin wirken zwar leicht stimmungsaufhellend, die Größenordnung des Effekts ist allerdings deutlich geringer als zum Beispiel bei einer Tasse Kaffee. Als weitere Erklärung gilt auch die Aminosäure Tryptophan, eine Vorstufe des "Glückshormons" Serotonin, die in Schokolade in besonders großer Menge enthalten sei. Ist sie zwar auch, aber ebenso in Schweinefleisch, Sojaprodukten, Limabohnen und einer ganzen Liste anderer Lebensmittel. Die reichen nicht nur an der Tryptophangehalt von Schokolade heran, sondern man kann sie auch in größeren Mengen essen, ohne gesundheitliche Konsequenzen fürchten zu müssen.

Vermutlich aber basiert der Hauptteil der Glückswirkung von Schokolade auf zwei rein psychologischen Effekten: Zum einen erhöht Essen generell das Wohlbefinden, und zum anderen ist das Luxusgut Schokolade eben doch noch etwas, das man sich zum Beispiel als kleine Belohnung gönnt.

Ist Schokolade sozial nachhaltig?

Von den rund 90 Milliarden Dollar, die jedes Jahr weltweit mit Schokolade eingenommen werden, kommt bei den eigentlichen Produzenten, den Kleinbauern vor allem in Westafrika, nur wenig an. Die Bauern geraten so in einen Teufelskreis: Für Hilfsmittel wie Dünger und Pestizide oder auch nur für die langfristige Planung fehlen schlicht die Ressourcen, so dass Schädlinge, schlechtes Wetter oder niedrige Weltmarktpreise wiederum direkt auf Einnahmen und Lebensstandard durchschlagen.

Als Konsequenz sind die Arbeitsbedingungen bei der Kakaoproduktion oft sehr schlecht, und viele Bauern greifen auf Kinderarbeit zurück. Bereits 1998 beleuchtete UNICEF Menschenhandel und Sklaverei in der Industrie, ein Problem, das bis heute existiert. So führt die US-Regierung in ihrer Menschenhandel-Watchlist mehrere westafrikanische Staaten unter anderem wegen des Kinderhandels für die Kakaoindustrie auf. Die Europäische Union verabschiedete 2012 eine nicht bindende Resolution gegen Kinderarbeit im Kakaoanbau.

Die Schokoladenindustrie bemüht sich inzwischen, derlei Probleme zu lösen, denn neben dem Image stehen auch die Erträge auf dem Spiel – die schlechte Bewirtschaftung drückt die Ernten, was in Zeiten hoher Nachfrage und eines Angebots, das sich nur schwer ausweiten lässt, ein wachsendes Problem darstellt. Obwohl die meisten Hersteller inzwischen zumindest über soziale und ökologische Faktoren nachdenken, kauft ein erheblicher Teil der Anbieter bei Zwischenhändlern ein und übt so keine Kontrolle über die Bedingungen auf den Plantagen aus. Das Ergebnis: Nur etwa fünf Prozent der Kakaobohnen auf dem Markt sind als nachhaltig zertifiziert. Derzeit erreichen solche Initiativen nur einen kleinen Teil der in der Kakaobranche Beschäftigten.