Bis zu 1317 Liter Regen pro Quadratmeter hat der Wirbelsturm Harvey über dem Großraum Houston, der viertgrößten Stadt der USA, abgeladen – insgesamt wohl mehr als das Volumen des Bodensees. Harvey erzeuge Niederschlagsmengen, die man nur einmal in mehr als 1000 Jahren erwarten würde, zitiert die Nachrichtenagentur AP einen Ingenieur. Er betreut die beiden großen Rückhaltebecken, die Houston vor Überschwemmungen schützen sollen.

Aber so außergewöhnlich sind Ereignisse wie das in Houston längst nicht mehr. Man braucht nicht einmal weit zurückzublicken: 2016 überschritten gleich drei Flüsse im Stadtgebiet ihren 500-jährigen Hochwasserabfluss. Nur ein Jahr zuvor starben mehrere Menschen bei einer damals als "historisch" bezeichneten Überschwemmung.

Diese Häufung von extremen Niederschlägen und Hochwasser zeigt einen Trend, für den Houston zwar exemplarisch ist, der aber viele Städte auf der Welt betrifft: Bei Flutgefahr gelten keine alten Gewissheiten mehr. Dafür sind drei vom Menschen verschuldete Effekte verantwortlich: Der erste ist global, der zweite lokal – und der dritte Grund ist, dass diese Effekte unterschätzt werden.

Hauptverdächtiger Nummer eins ist der globale Klimawandel. "Allgemein gilt, dass wärmere Luft mehr Wasserdampf speichert und Regenintensitäten deshalb überall auf der Erde bei allen mit Niederschlag verbundenen Phänomenen zunehmen", erklärt der Klimaforscher Heiko Paeth von der Universität Würzburg. Entsprechend nähmen Hurrikane eher an Intensität zu – Harvey passt also in das Bild, das man sich von Klimawandel und tropischen Stürmen macht.

Wie extrem war Harvey wirklich?

Paeth verweist allerdings darauf, dass Klimamodelle derzeit noch nicht gut genug aufgelöst seien, um die Prozesse tropischer Zyklone korrekt zu modellieren. Zusätzlich sei Harvey eben nicht einzigartig: "2002 gab es schon mal einen Taifun namens Rusa, der in Südkorea in 24 Stunden mehr als 1000 Liter Regen pro Quadratmeter gebracht hat", nennt er als Beispiel. "Auf Grund der wenigen Daten kann noch nicht entschieden werden, ob das eine neue Ära in den verheerenden Auswirkungen von tropischen Zyklonen einläutet."

Auch eine weitere Besonderheit, die Harveys Regenfälle so verheerend macht, hat möglicherweise mit dem Klimawandel zu tun. Harvey ist eingeklemmt zwischen einem starken Hochdruckgebiet in den westlichen USA und einem zweiten Hoch, das sich vom subtropischen Atlantik in den Golf von Mexiko zieht. Die aktuellen Prognosen sagen, dass Harvey deswegen bis auf Weiteres an der Küste bleiben wird. Deshalb fällt sein Regen über einen längeren Zeitraum auf eine verhältnismäßig kleine Region.

Die langsame Bewegung der Wolkenmassen könne möglicherweise mit der überdurchschnittlich warmen Arktis zusammenhängen, schreibt das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) in einer offiziellen Mitteilung. Diese habe zu einer generellen Verlangsamung der Zirkulation in mittleren Breiten geführt, wodurch Wettersysteme länger an einem Ort blieben, wie es nun in Texas zu sehen sei. Die Auswirkungen des Sturms, also die Sturmflut und der Starkregen, seien jedenfalls mit hoher Wahrscheinlichkeit durch den menschengemachten Klimawandel verschlimmert worden.

Kalkulierte Niederschlagsmenge des Tropensturms Harvey
© NASA/JAXA, Hal Pierce
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 Bild vergrößernHarveys Regenfälle
Niederschlagsanalyse des Tropensturms Harvey im Zeitraum vom 21. bis zum 28. August 2017.

In Houston und dem benachbarten Landkreis Fort Bend haben die Überschwemmungen schon jetzt beispiellose Ausmaße angenommen – das Hochwasser des Brazos River westlich von Houston ist an einigen Stellen bereits über die Deichkrone gestiegen, benachbarte Ortschaften werden evakuiert. Nach Angaben der US-Behörden ist die Flut jetzt schon ein 800-Jahr-Ereignis. In Houston selbst sind die beiden Rückhaltebecken westlich der Stadt so voll, dass das US Army Corps of Engineers, das die Reservoirs betreibt, bereits Wasser kontrolliert in benachbarte Wohngebiete abließ, um ein unkontrolliertes Überlaufen der Becken zu verhindern.

Ausweitung der Flutzone

Derweil stehen auch viele Gebiete unter Wasser, die weit außerhalb der bekannten Überflutungszonen liegen. Das liegt allerdings nicht allein an den enormen Regenmengen, sondern an einer Besonderheit, für die Houston weithin berühmt und die die Metropole zu einer der beliebtesten Städte der USA gemacht hat. Houston macht keinerlei Vorgaben für die Flächennutzung. Bauen darf man dort also mit sehr wenigen Einschränkungen. Deshalb sind die Mieten niedriger als in vielen anderen Großstädten der USA. Zusammen mit einer guten Jobsituation hat das Houston zu einer der am schnellsten wachsenden Großstädte der USA gemacht. Seit 2001 sind in Houston 300 000 Einwohner hinzugekommen – etwa ein Sechstel der Bevölkerung.

Der Preis des Wachstums jedoch sind verheerende Überschwemmungen. Schon die örtlichen Gegebenheiten machen die Stadt anfällig bei Starkregen und Wirbelstürmen: Mehrere Flüsse durchziehen das Gebiet, ein 13 Meter tiefer Kanal verbindet den Hafen mit dem Ozean. Zusätzlich ist das Klima feucht und niederschlagsreich, und der lehmige Boden lässt Wasser nur schwer versickern. Houston hat im Durchschnitt vier bis fünf Überschwemmungstage pro Jahr.

Die fehlenden Bauvorschriften und der oft ungenügende Hochwasserschutz führten dazu, dass bei den spektakulären Überschwemmungen der vergangenen drei Jahre auch Straßenzüge unter Wasser standen, die bisher jenseits der Reichweite der Fluten lagen. Auch bei einer Katastrophe wie den Regenfällen durch Harvey könnten geeignete Maßnahmen die Schäden durch Hochwasser reduzieren. Mangels entsprechender Vorschriften lässt sich das in Houston aber nicht durchsetzen. Entsprechende Initiativen der Stadt, Bauten zumindest in den bekannten Überschwemmungsgebieten der Bayous zu regulieren, scheiterten am Widerstand der Bevölkerung.

"Es ist ein ganz wesentlicher Teil des Hochwasserschutzes, an bestimmten Stellen nicht zu bauen", sagt Roman Weichert, Fachmann für Binnengewässer an der Bundesanstalt für Wasserbau in Karlsruhe. Wenn Flüsse zu viel Wasser führten, spielten Flächennutzungsfragen eine ganz wesentliche Rolle. "Man muss den Flüssen den Raum lassen, sich in der Fläche auszubreiten, wenn ein Hochwasser kommt. Man sollte versuchen, dort nicht zu bauen und teure Infrastruktur hinzustellen."

Stadtplanung hilft

Lediglich eine Versicherung gegen Hochwasser ist für alle Pflicht, die in der vom US-Katastrophenschutz FEMA ausgewiesenen Zone der 100-Jahres-Hochwasser wohnen. Diese Zone heißt so, weil die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Bereich überschwemmt wird, jedes Jahr ein Prozent beträgt. Theoretisch jedenfalls. Denn welche Landstriche in die Zone fallen, bestimmt die Behörde anhand von Daten der Vergangenheit – und die sind längst Makulatur.

Einerseits steigert der Klimawandel die Regenmengen einzelner Stürme, andererseits aber steigen die Höchststände in den Flüssen auch durch das Wachstum der Stadt selbst. Houston breitet sich nach Norden und Westen aus, so dass in einem immer größeren Teil des Umlands Straßen und Gebäude die bisherige Prärie ersetzen, die Wasser speicherte und über einen größeren Zeitraum abfließen ließ. Bis zu 200 Liter Regen pro Quadratmeter könne das hohe Gras kurzfristig binden, ergab eine Untersuchung einer Organisation, die sich dem Schutz der Prärie verschrieben hat.

"Wenn Regen fällt, führen versiegelte Flächen zu einem beschleunigten Abfluss in die Vorfluter, und dadurch überlagern sich die Regenmengen, was zu einer sehr hohen Hochwasserspitze führt", sagt Weichert. Verschärft wird das Problem ironischerweise durch hochwassersichere Bauprojekte in der Peripherie, die dank moderner Drainage das Wasser schnell ableiten – und so jene Flüsse noch stärker belasten, die wiederum innenstadtnahe ältere Viertel überfluten.

Das Wasser fließt aber nicht nur schneller in die Stadt hinein, sondern staut sich auch dort, weil es auf ein anderes Hindernis trifft – mehr Wasser. Etwa um 20 Zentimeter sei der Meeresspiegel seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gestiegen, so das PIK. Dadurch verringert sich das Gefälle, entlang dem das Regenwasser in der ohnehin schon flachen Küstenebene Richtung Meer fließt. Verschärft wird dieses Problem derzeit durch die Sturmflut des Tropensturms Harvey, die zwar nur etwa einen Meter hoch ist, aber dennoch den dringend benötigten Abfluss reduziert.

Im Vordergrund Freeways, im Hintergrund die Skyline von Houston
© Christopher Boswell / stock.adobe.com
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernZerbrechliches Wachstum
Houston ist eine der am schnellsten wachsenden Großstädte der USA – auch weil es dort keine "Zoning Laws" gibt, die die Bautätigkeit einschränken würden. Gleichzeitig ist die Metropole sehr verwundbar durch die Effekte des Klimawandels.

Diese Effekte führen dazu, dass die Wahrscheinlichkeit von Überschwemmungen auch in höher gelegenen Stadtteilen seit Jahren steigt. Schon nach dem verheerenden Sturm Allison im Jahr 2001 musste die zuständige Behörde die Karten der flutgefährdeten Gebiete anpassen, nachdem die Hälfte der überschwemmten Gebäude außerhalb der gekennzeichneten Risikozonen lag. Doch das reichte nicht, wie eine Recherche der Plattform "Pro Publica" zusammen mit der Zeitung "Texas Tribune" ergab: Bei den Überflutungen 2009, 2015 und 2016 lag ein Drittel aller betroffenen Gebäude sogar jenseits jener Zone, die eigentlich im Schnitt nur alle 500 Jahre eine Sturmflut ergeben sollte.

Den Wandel ignoriert

Vermutlich wird die FEMA nach Harvey ihre Überflutungskarten erneut anpassen – allerdings werden auch diese Karten bald veraltet sein, denn die Veränderungen in Houston gehen weiter. Und Hochwasser ist nur eine der Gefahren, die tropische Wirbelstürme an die Küste bringen. Auch Schäden durch Starkwind sind katastrophal. Harvey traf das Festland als Sturm der Kategorie 4 mit Windgeschwindigkeiten von mehr als 200 Kilometern pro Stunde und richtete extreme Verwüstungen in Küstenorten an. Damit traf er speziell die an der Golfküste präsente Ölindustrie. Der Hafen von Corpus Christi, der viertgrößte der USA, ist wegen schwerer Schäden geschlossen.

Nicht zuletzt richten die oft mehrere Meter hohen Sturmfluten der Hurrikane an den betroffenen Küsten große Schäden an. Alle drei Effekte, Wind, Regen und Sturmfluten, werden durch menschliche Aktivität gefährlicher, sei es durch höhere Temperatur, höheren Meeresspiegel oder die Zerstörung von Ökosystemen. Dass es beim Thema Extremwetter einen Anpassungsbedarf gibt, ist in den USA jedoch keineswegs Konsens, im Gegenteil. Am 4. August 2017 setzte der amtierende US-Präsident Donald Trump per Anordnung die Vorschrift außer Kraft, dass bei der Planung von Infrastrukturprojekten diese Trends berücksichtigt werden müssen.

Das womöglich größte Risiko betrifft die an der Golfküste konzentrierte Ölindustrie. Umweltorganisationen kritisieren seit Jahren die Intransparenz der Unternehmen im Umgang mit Klimarisiken. Der Starkregen in Houston hat mit den Industriekomplexen entlang des Houston Shipping Channel einen beträchtlichen Teil der Raffineriekapazität der USA außer Gefecht gesetzt; in der Baytown-Ölraffinerie von ExxonMobil brach ein Dach zusammen, giftige Benzindämpfe gelangten ins Freie. Die Benzinpreise in den USA, warnen Fachleute, könnten in den nächsten Wochen um bis zu zehn Prozent steigen, wenn sich die geringere Produktionskapazität bemerkbar macht. Der Sturm Harvey zeigt somit die große Verwundbarkeit der Ölproduktion – und damit der gesamten Wirtschaft – gegenüber Klimawandel und Extremwetter.

Schon Harvey wird das US-Wirtschaftswachstum um etwa 0,2 Prozent senken, schätzen Fachleute. Nach einigen Szenarien kann ein gut gezielter Hurrikan durch seine mehrere Meter hohe Sturmflut die Raffinerien und die chemische Industrie von Houston so massiv schädigen, dass landesweit die Wirtschaft aus Mangel an Rohmaterialien darniederliegt. Diese Rechnung machten Wissenschaftler auf, nachdem die Sturmflut des Hurrikans Ike nur knapp den Houston Shipping Channel verfehlte. Der daraufhin geplante "Ike-Dike", ein Sperrwerk gegen Sturmfluten, wurde nie gebaut.