Immer wieder erreichen uns Zuschriften von Lesern, die meinen: "Mir kommt vor, die früheren Jahrhunderte, vor allem das siebzehnte und das achtzehnte, haben weitaus größere Kometen geboten als unsere Zeit." Gibt es eine aussagekräftige Statistik über "große" Kometen?

Komet des Jahres 1744
© Littrow, J. J.: Die Wunder des Himmels, Berlin 1910
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C/1743 X1 Klinkenberg, der große Komet des Jahres 1744, beeindruckte durch einen breiten Fächer aus zahlreichen Schweifen. Auf diesem Stich, der das populäre Werk "Die Wunder des Himmels" von Joseph Johann Littrow schmückt, ragen die Schweife noch hoch über den Horizont, nachdem der Kopf des Kometen bereits untergegangen ist.

Hinsichtlich der Häufigkeit solcher Aufsehen erregender Schweifsterne stellt sich natürlich zunächst die Frage: Was ist eigentlich ein "großer Komet"? Die Online-Enzyklopädie Wikipedia sagt hierzu: "Es gibt offiziell keine anerkannte Definition, was einen Kometen zu einem großen Kometen macht. Als Faustregel gilt aber, dass ein großer Komet eine Erscheinung ist, die auch einem zufälligen Betrachter des Nachthimmels auffällt. Dazu muss der Komet eine scheinbare Helligkeit erreichen, die den hellsten Sternen gleichkommt."

Da das heutige Problem der Lichtverschmutzung vor dem Zeitalter der Industrialisierung – also grob gesagt vor etwa 1850 – noch nicht auftrat, kann man davon ausgehen, dass damals neben den ganz großen und hellen auch schwächere Kometen mit bloßem Auge beobachtet wurden. Die vor der Erfindung des Fernrohrs überlieferten Erscheinungen waren auf jeden Fall mit bloßem Auge sichtbar und somit auffällig.

Blick in historische Werke

Kometentabelle von Littrow
© Littrow, J.J.: Die Wunder des Himmels. Berlin 1910 / Archiv Becht
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In dem Buch "Die Wunder des Himmels" von Johann Joseph Littrow findet sich eine Übersicht der in 19 Jahrhunderten mit bloßem Auge sichtbaren Kometen.

Eine anlässlich des großen Kometen von 1664 erschienene Schrift kommt zu dem Ergebnis, dass die Zahl der Kometen ab dem 14. Jahrhundert zugenommen hat, insbesondere im 16. Jahrhundert. Die nur bis zum Jahr 1664 reichende Statistik ist jedoch mit Vorsicht zu betrachten, da sie beispielsweise auch die Supernovae von 1572 und 1604 als Kometen auflistet.

Eine weitere monumentale Sammlung von Kometenerscheinungen ist das "Theatrum Cometarum" des polnischen Autors Stanislaus Lubienietzky (1623 – 1675), das Kometen bis zum Jahr 1665 berücksichtigt. Demgemäß bewegt sich die Anzahl der Schweifsterne vom 1. bis zum 9. Jahrhundert zwischen 3 und 20, steigt dann rapide an und gipfelt im 16. Jahrhundert bei 60. Jedoch scheinen auch hier Himmelserscheinungen eingeflossen zu sein, bei denen es sich nicht um Kometen handelte.

In meinem Besitz befindet sich die 1910 erschienene Auflage des von Joseph Johann Littrow veröffentlichten populären Buchs "Die Wunder des Himmels". Der Autor gibt hier eine Zusammenstellung der mit bloßem Auge beobachteten Kometen bis zum Jahr 1900. Demnach wären das 3. und das 9. Jahrhundert mit 44 beziehungsweise 42 Sichtungen diejenigen Jahrhunderte mit den häufigsten Kometenerscheinungen. Das 17. Jahrhundert mit nur zwölf Kometen bildet das Schlusslicht. Leider ist mir nicht bekannt, wie die hier genannten hohen Zahlen zu Stande kamen.

Kehren wir nun in neuere Zeiten zurück! In "Sterne und Weltraum" 3/1997, S. 280, findet sich eine weitere Kometenliste, die auf den Arbeiten des britischen Astronomen David Hughes beruht. Er listet für das 17. und 18. Jahrhundert nur neun beziehungsweise sieben große Kometen auf. Aber auch hier steigt die Zahl ab dem 17. Jahrhundert an – bis auf 19 Kometen im 20. Jahrhundert. Auf der Website des Jet Propulsion Laboratory (JPL) der NASA findet sich eine weitere Liste großer Kometen, die der US-amerikanische Kometen- und Asteroidenforscher Donald K. Yeomans zusammengestellt hat. Demgemäß bewegt sich die Anzahl vom 1. bis zum 14. Jahrhundert zwischen eins und drei und steigt danach stark an. Eine Ausnahme bildet das 18. Jahrhundert (siehe beigestellte Grafik). Die höchste Anzahl wird auch hier für das 20. Jahrhundert angegeben.

Statistik der großen Kometen
© Wolfgang Becht / SuW-Grafik
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Die in der Literatur publizierten Daten großer Kometen lassen keine signifikante Zu- oder Abnahme der Häufigkeit erkennen. Der besseren Übersicht wegen wurden die Punkte durch Linien verbunden. Sie stellen keine kontinuierliche Entwicklung dar.

In dem zitierten Wikipedia-Eintrag gibt es eine Auflistung großer Kometen, die aber im Text ausdrücklich als Auswahl bezeichnet wird. Hier werden für die Zeit vom 1. bis zum 14. Jahrhundert zwischen null und zwei Kometen genannt. Ab dem 15. Jahrhundert steigen die Zahlen stetig an – wiederum mit der Ausnahme des 18. Jahrhunderts – um im 20. Jahrhundert mit acht den Höchststand zu erreichen.

Die beiden ältesten Zusammenstellungen scheinen zu belegen, dass es etwa ab dem Jahr 1000 ein erhöhtes Aufkommen an Kometen gab, das in der Folge wieder abflachte oder gleich blieb und dann im 16. Jahrhundert seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte. Hierbei ist jedoch zu bedenken,

dass diese Publikationen auch nichtkometarische Himmelserscheinungen erwähnen. Die Zeit zwischen 1601 und 1665 habe ich jeweils unberücksichtigt gelassen, da sich die Daten nicht für einen direkten Vergleich mit denen der Jahrhundertintervalle eignen.

Alle anderen Auflistungen – mit Ausnahme der von Littrow veröffentlichten – zeigen, dass etwa ab dem 15. Jahrhundert die Anzahl "großer" Kometen zugenommen hat. Ob es sich dabei um einen verstärkten Schub frischer Kometenkerne aus der Oortschen Wolke handelte, vermag ich nicht zu beantworten. Möglicherweise hängt die Zunahme der registrierten Schweifsterne auch mit der Erfindung des modernen Buchdrucks mit beweglichen Lettern um 1450 zusammen. Er trug dazu bei, dass sich Nachrichten über Kometenbeobachtungen schneller und weiter verbreiteten als zuvor. Verantwortlich für den starken Anstieg der als groß bezeichneten Kometen im 19. und 20. Jahrhundert ist vermutlich, dass ab diesem Zeitraum Objekte berücksichtigt wurden, die auf der vorher eher dünn von Europäern besiedelten Südhalbkugel aus beobachtet wurden, und die in Europa kaum oder gar nicht sichtbar waren.

Nur scheinbar weniger Kometen?

Möglicherweise ist es nur ein subjektives Empfinden, dass es in unserer Zeit keine "großen" Kometen mehr gibt. Auch in zurückliegenden Jahrhunderten vergingen zwischen zwei spektakulären Erscheinungen manchmal mehrere Jahrzehnte, die bei der damaligen Lebenserwartung durchaus ein Menschenleben sein konnten. Könnte es also sein, dass dieses subjektive Empfinden in unserer schnelllebigen Zeit begründet liegt?

Hinzu kommt meiner Meinung nach, dass auf Grund der zunehmenden Licht- und Luftverschmutzung selbst ein heller Schweifstern nicht mehr so intensiv wahrgenommen wird wie früher. Einen Anblick ähnlich dem des Kometen Klinkenberg, wie er in Littrows Werk wiedergegeben ist, wird man von den taghell erleuchteten Häuserschluchten einer modernen Großstadt aus kaum genießen können.