Der Quastenflosser ist wohl das berühmteste Beispiel für den Lazarus-Effekt im Tierreich. 70 Millionen Jahre galt der urtümliche Fisch als ausgestorben und Fossil, bis 1938 der Komoren-Quastenflosser im gleichnamigen Archipel wiederentdeckt wurde. Seit 1997 kennt die Wissenschaft sogar noch eine zweite Art aus den Gewässern von Sulawesi. Doch der Fisch ist nicht das einzige Beispiel für Tierarten, die aus unserem Blickfeld verschwunden waren, obwohl sie durch glückliche Zufälle überlebt haben – und damit quasi wieder auferweckt wurden wie die biblische Gestalt des Lazarus. Wir stellen zehn Beispiele vor.

Takahe – überlebt in einem entlegenen Hochtal
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Zu den vielleicht berühmtesten Fällen von wiedergefundenen Tieren gehören die neuseeländischen Takahe (Porphyrio hochstetteri) – eine flugunfähige Rallenart, die etwa gänsegroß wird und damit die größte Ralle der Erde darstellt. Wie viele andere flugunfähige Vögel auf Inseln wurden die Takahe leichte Beute von Menschen und eingeschleppten Fressfeinden, an die sie sich im Lauf ihrer Evolution nicht anpassen konnten. Dazu kamen Lebensraumzerstörungen und neu eingeführte Nahrungskonkurrenten, denen die Rallen kaum etwas entgegenzusetzen hatten. Wenige Jahrhunderte nach Ankunft der Maori und später der Europäer waren die Takahe aus weiten Teilen ihres einstigen Verbreitungsgebiets verschwunden; nach 1894 galten die Vögel sogar als ausgestorben. 1948 allerdings entdeckte Geoffrey Orbell in einem entlegenen Hochtal der neuseeländischen Alpen tatsächlich Überlebende: Rund 400 Rallen hatten überdauert, doch selbst hier war ihre weitere Existenz fraglich. Säugetiere fraßen ihnen die Nahrung weg, so dass ihre Anzahl 1982 schließlich auf einen Tiefststand von 118 Tieren sank. Danach begann ein großes Rettungsprogramm: Invasive Pflanzenfresser wurden abgeschossen, Raubtiere bekämpft und Takahe im Zoo nachgezüchtet. Heute streifen wieder mehr als 300 Vögel durch das Gebirge, weitere Tiere befinden sich in Zuchtanlagen. Und die Neuseeländer versuchen die Takahe an anderer Stelle auszuwildern, wo sie in großen, von Zäunen gesicherten Reservaten neue Bestände bilden sollen.

El-Hierro-Rieseneidechse – steile Klippen als letzte Zuflucht
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Die Kanaren sind so etwas wie die Galapagosinseln Europas: Auf den Eilanden hat sich eine einzigartige Fauna und Flora entwickelt, viele Arten kommen nur dort vor – und manche haben sich auf den verschiedenen Inseln zu jeweils eigenen Formen aufgespalten. Dazu zählen beispielsweise die Kanareneidechsen (Gallotia), die sich unter anderem auf Teneriffa, Gomera und Gran Canaria zu riesenwüchsigen Reptilien weiterentwickelt haben und damit ungefähr den Leguanen auf Galapagos entsprechen. Eier und Jungtiere sind für Ratten und Katzen allerdings eine begehrte Beute, weshalb die Rieseneidechsen auf verschiedenen Inseln ausstarben. Zumindest dachten Biologen das lange. Doch die steilen Klippen der Vulkaninseln von El Hierro, Teneriffa und Gomera boten den Echsen einen sicheren, wenngleich nicht optimalen Rückzugsort, wo sie überleben konnten. In den 1970er Jahren entdeckte ein Ziegenhirte die El-Hierro-Rieseneidechse (Gallotia simonyi) wieder, die hier im Bild zu sehen ist. Mit einer Länge von 60 Zentimetern und mehr gehört sie zu den größten Vertretern ihrer Gattung. Sie wurde nachgezüchtet und in den 1990er und 2000er Jahren wieder ausgewildert. Von der La-Gomera-Rieseneidechse (Gallotia bravoana) hatten sogar nur sechs Tiere überdauert, als spanische Biologen sie 1999 wieder aufspürten. Von ihr existieren heute rund 100 Tiere in Freiheit und weitere 50 in einer Zuchtanlage.

Chaco-Pekari – versteckt im dornigen Trockenwald
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Das Chaco-Pekari (Catagonus wagneri) ist ein Beispiel dafür, dass selbst große Landtiere lange unentdeckt bleiben können, wenn sie in extremen oder entlegenen Lebensräumen umherstreifen. Diese größte aller Nabelschweinarten wurde 1930 anhand von Fossilfunden beschrieben und galt als ausgestorben, da zumindest Wissenschaftlern keine lebenden Exemplare bekannt waren. Das änderte sich 1971, als Forscher in der argentinischen Provinz Salta auf eine Herde der Pekaris stießen. Sie leben im Zentrum Südamerikas, im heißen, für Menschen lange Zeit lebensfeindlichen und deshalb dünn besiedelten Chaco. Viele Pflanzen dort besitzen Dornen und Stacheln und formen ein nahezu undurchdringliches Dickicht, in das sich nur wenige Wissenschaftler wagten. Heute wird das Gebiet, das sich von Bolivien über Paraguay bis nach Argentinien erstreckt, jedoch großflächig gerodet und in Viehweiden, Soja- und Jatropha-Plantagen umgewandelt. Die Chaco-Pekaris gelten daher als vom Aussterben bedroht; nur noch 3000 Tiere sollen überlebt haben. Immerhin besiedeln sie auch einige große Nationalparks. Das könnte verhindern, dass sie tatsächlich nur als Fossilien überdauern.

Baumhummer – ein Rieseninsekt auf einem Felsen im Meer
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Dryococelus australis ist eines der schwersten flugunfähigen Insekten der Erde – und eines der seltensten. Bis 1918 hauste der Baumhummer, der zu den Gespenstschrecken zählt und aussieht wie eine sechsbeinige Zigarre, zahlreich in den Wäldern der australischen Lord-Howe-Insel im Pazifik. Die Tiere waren so verbreitet, dass die Bewohner sie als Köder zum Fischen verwendeten. Doch als nach der Havarie des Handelsschiffs "Makambo" Hausratten an Land schwammen, nahm das Drama seinen Lauf: Nur zwei Jahre später galt die Art als ausgerottet – aufgefressen von den Nagern. Erst 40 Jahre später tauchte wieder ein Hinweis auf den Baumhummer auf: Australische Kletterer brachten Überreste der Tiere von Ball's Pyramid mit. Die Felsnadel ragt mehr als 20 Kilometer von Lord Howe entfernt aus dem Ozean und ist nicht größer als ein Fußballplatz. Kein Forscher konnte sich erklären, wie die flügellosen Insekten über das offene Meer dorthin gelangt sein konnten und vor allem, wie sie auf dem kahlen Stein überdauerten. Niemand ging deshalb davon aus, dass sich die riesigen Sechsbeiner dort tatsächlich erhielten. 2001 aber fand eine Expedition lebende Tiere. Auf und unter einem der wenigen Büsche des gesamten Felsens entdeckten Forscher eine kleine Gruppe der bis zu zwölf Zentimeter langen Insekten. Nirgendwo sonst auf Ball's Pyramid bemerkten sie Kot, Fraßspuren oder gar weitere Exemplare der Baumhummer: Die Tiere besiedelten also nur einen winzigen Flecken Vegetation auf einer kleinen Insel. 2003 durften zwei Pärchen in einen Zoo übersiedeln – wo sie den Grundstock einer erfolgreichen Zucht bildeten. Heute leben 20-mal mehr Baumhummer im Terrarium als in Freiheit.

Salomonen-Sturmvogel – wo brütet er?
© Hadoram Shirihai
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Manche Arten verschwinden nur wenige Jahre aus unserem Blickfeld, bei manchen sind es dagegen Jahrzehnte oder sogar mehr als 100 Jahre. Beim Salomonen-Sturmvogel (Pseudobulweria becki) wollten Ornithologen die Hoffnung auch nach fast 80 Jahren ohne Sichtung nicht aufgeben. Sturmvögel sind oft nachtaktiv, nisten bisweilen auf unzugänglichen Felsgraten dicht bewachsener Tropenberge und halten sich lange auf dem offenen Ozean auf, wo Vogelbeobachter nur selten unterwegs sind. Es war also ein Glückstreffer, als der israelische Tourleiter und Ornithologe Hadoram Shirihai 2008 während einer Beobachtungsreise in den Gewässern des Bismarck-Archipels bei Papua-Neuguinea gleich auf 30 Salomonen-Sturmvögel stieß. Darunter befanden sich auch Jungtiere, die Brutplätze konnten demnach nicht weit sein. Viele Sturmvogelarten sind allerdings stark gefährdet, weil sie in Erdlöchern nisten, in denen sie leicht eingeschleppten Fressfeinden zum Opfer fallen. Birdlife International startete daher bald nach der Wiederentdeckung Expeditionen, die nach den Brutkolonien suchen. Das Ziel ist es, einen der Vögel mit einem Sender zu versehen, der die Ornithologen zum richtigen Standort führt.

Borneo-Regenbogenkröte – vermisst über Jahrzehnte
© Indraneil Das
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Seit das Amphibiensterben weltweit grassiert, sind viele Frosch- und Krötenarten in den Tropen verschwunden. Andere wurden durch Umweltverschmutzung oder Abholzung verdrängt. Dennoch hoffen Biologen, dass sie in einem versteckten Winkel ihres Lebensraums doch überlebt haben könnten. Vor einigen Jahren wurde daher eine globale Suche nach einigen besonders bemerkenswerten Lurchen initiiert, die im Fall der Borneo-Regenbogenkröte (Ansonia latidisca) tatsächlich erfolgreich war. Monatelang hatten die Wissenschaftler um Indraneil Das von der Universität Malaysia Sarawak im Jahr 2010 im Grenzgebirge zwischen Sarawak und dem indonesischen Teil Borneos erfolglos nach der Kröte gesucht, bis sie ihre Anstrengungen auf höhere Bereiche des Gebirges ausdehnten. Ihre Bilder belegten nach 90 Jahren Abwesenheit, dass die Art fortbesteht – was endlich deren Schutz einleiten könnte: Regenwälder auf Borneo stehen unter hohem Nutzungsdruck, und das gilt auch für den Lebensraum des farbenfrohen Lurchs.

Blattschuppige Seeschlange – hat sie ihre Heimat verlagert?
© Grant Griffin, W.A. Dept. Parks and Wildlife
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Ebenso wie in dichten Regenwäldern können Arten im Meer leicht "verschwinden" – die nahezu grenzenlosen Weiten in dem uns eher fremden Element erschweren die Suche nach seltenen Spezies. Die beiden Seeschlangenarten Aipysurus foliosquama und Aipysurus apraefrontalis kennen Meeresbiologen eigentlich aus einem kleinen Gebiet in der Timorsee. Doch seit der Jahrtausendwende sichtete dort niemand mehr die Reptilien. Stattdessen tauchten sie hunderte Kilometer weiter südwestlich auf: am Ningaloo-Riff vor Westaustralien, wo sie erst ein Wildhüter bemerkte und dann ein Team um Blanche D'Anastasi von der James Cook University in Queensland untersuchte. Das war jedoch nicht die einzige Überraschung, denn bis dahin hatten die beiden Seeschlangen als Riffspezialisten gegolten. Vor Westaustralien nutzen sie allerdings auch Seegraswiesen.

Laotische Felsratte – entdeckt auf dem Markt
© David Redfield
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Märkte in Tropenländern entpuppen sich immer wieder als guter Ort, um neue Arten zu entdecken. Im Jahr 2005 beispielsweise streiften Biologen über einen Markt im laotischen Khammouan, wo sie merkwürdige Kadaver bemerkten, die gegrillt zum Verzehr angeboten wurden. Die Forscher erwarben eines der Tiere und untersuchten dessen Körperbau und DNA. Wie sich zeigte, handelte es sich um eine völlig neue Tierart, die zu den Nagern gehört, aber mit keiner bekannten Spezies dieser großen Ordnung verwandt ist: die Laotische Felsratte (Laonastes aenigmamus). Einheimische Jäger kennen und erlegen sie schon länger, doch erst 2006 erblickten Biologen um David Redfield von der Florida State University ein lebendes Exemplar. Nähere Untersuchungen und Vergleiche mit Fossilien erbrachten schließlich, dass die putzigen Felsratten zur Nagetierfamilien Diatomyidae gehören, die eigentlich schon vor elf Millionen Jahren ausstarb. Laonastes aenigmamus ist heute der einzige bekannte Überlebende. Mittlerweile wurde die Art in Vietnam ebenfalls nachgewiesen, doch wie so oft bedrohen Jagd und Abholzung auch diesen Lazarus.

Blauaugentäubchen – verschollen im brasilianischen Buschland
© Rafael Bessa, Instituto Butantan
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Brasilien ist ein riesiges, artenreiches Land, das in Teilen immer noch ausgedehnte Wildnis besitzt. Es ist daher kein Wunder, dass einige Arten hier als vermisst gelten. Bis 2015 war dies auch beim Blauaugentäubchen (Columbina cyanopis) der Fall, das zuvor 1941 das letzte Mal beobachtet worden war. Obwohl die Art mit dem blauen Augenring, den blauen Flügelflecken und dem rostbraunen Gefieder relativ auffällig ist, entging sie lange Zeit den Nachforschungen von Vogelbeobachtern und Ornithologen. Das ist sehr wahrscheinlich ihrer extremen Seltenheit geschuldet, denn trotz intensiver Suche konnten Biologen bislang nur insgesamt zwölf Exemplare sicher feststellen. Die Tauben sind wohl Lebensraumspezialisten im Cerrado, einer artenreichen Baumsavanne in Brasilien, die ebenfalls stark bedroht ist: Sie wird großflächig abgeholzt, um Nutzflächen für den Soja-Anbau zu gewinnen; die Abholzungsraten sind hier sogar noch höher als im international beachteten Amazonasraum. Um die Vögel vor der Ausrottung zu bewahren, sammeln Naturschützer Geld, um die letzte Heimat der Tiere privat zu kaufen.

Gilbert-Kaninchenkänguru – vom Feuer fast verzehrt
© Getty Images / National Geographic / Bill Hatcher
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Australien hält einen traurigen Weltrekord: Nirgendwo starben seit Ankunft der Europäer mehr Säugetiere aus als auf dem fünften Kontinent. Fast 30 Beuteltierarten sind demnach seit 1788 verschwunden. Auch das Gilbert-Kaninchenkänguru (Potorous gilbertii) stand schon auf dieser Liste. 1840 hatte John Gilbert die Spezies entdeckt, 1841 wurde sie von John Gould beschrieben und nach ihrem Finder benannt. Doch bereits 1909 hielt man diese Beuteltiere für ausgelöscht, mehrere Suchexpeditionen in den 1970er Jahren schlugen fehl. 1994 folgte allerdings die Sensation: Ein winziger Bestand von 30 bis 40 Tieren wurde im Heideland am Mount Gardner im Südwesten Australiens entdeckt. Sofort begannen intensive Schutzanstrengungen, denn eine einzige Seuche könnte das Aus bringen oder ein Feuer, wie es etwa 2015 fast geschah. In Gefangenschaft ließen sich die Tiere jedoch nicht nachzüchten, deshalb konzentrieren sich alle Bemühungen auf das Freiland. Als Absicherung transferierten Biologen einige Individuen auf eine raubtierfreie Insel, wo sich die Kaninchenkängurus glücklicherweise rasch vermehrten. Heute existieren rund 100 Gilbert-Kaninchenkängurus; sie gehören damit zu den seltensten Beuteltieren überhaupt.