Katzen und Vögel: Das Thema ist hochemotional und lässt auf beiden Seiten die Gemüter hochwallen, wie eine Studie andeutete, laut der viele Katzenbesitzer den Jagdtrieb ihrer Tiere zwar wahrnehmen, aber die auftretenden Schäden entweder ignorieren oder als irrelevant einschätzen – worauf eine Flut von Leserkommentaren die Redaktion erreichte. Vogelfreunde missbilligen den Jagdtrieb der Katzen und sähen sie am liebsten ins Haus verbannt – zumindest während der Brutzeit. Katzenfreunde hingegen sehen durch diese Forderung die Freiheit ihrer Tiere eingeengt und fürchten schwere Verhaltensstörungen bei Ex-Freigängern.

Auch innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft und unter Naturschutzorganisationen ist kein einheitliches Bild vorhanden. Für den Wiener Verhaltensbiologen und Direktor der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle Kurt Kotrschal, der auch zu Katze-Mensch-Beziehungen gearbeitet hat, ist klar: "Das Problem ist nicht gerade klein, wahrscheinlich werden heute viel mehr europäische Singvögel durch Freigänger und Streunerkatzen erledigt als durch die mediterrane Vogelfängerei. Und es wundert mich nicht, dass so viele Katzenhalter das Jagen ignorieren – wird doch auf Katzen vor allem Freiheit und ein wenig Anarchie projiziert." Dagegen warnt der Katzenforscher Dennis C. Turner vom Institut für angewandte Ethologie und Tierpsychologie in Horgen in der Schweiz vor Fehlinterpretationen von Studien, die über die Beutestrecken der Katzen gemacht wurden: "Wir wissen eigentlich noch viel zu wenig. Die meisten Studien wurden nur sehr lokal durchgeführt und deren Ergebnis dann auf das gesamte Land extrapoliert. Doch sind die Ergebnisse aus Vororten wirklich repräsentativ, und bedrohen Katzen die Vogelbestände auf kontinentaler Ebene?"

Können jagende Katzen Tierarten bedrohen?

Diese Frage lässt sich mit einem eindeutigen Ja beantworten – wenn man Inselökosysteme betrachtet, in denen Katzen (und die meisten anderen Säugetiere) nie vorkamen. Die dort lebenden Arten haben deshalb in ihrer Evolution kein entsprechendes Fluchtverhalten entwickelt und treffen unvorbereitet auf effektive Jäger. Katzen gelten darum als die alleinige oder hauptsächliche Ursache für das Aussterben von mindestens 33 Vogelarten seit 1600 – allein acht davon in Neuseeland. So hat wohl Tibbles, die Katze eines Leuchtturmwärters, zumindest die letzten überlebenden Exemplare des Stephen-Island-Schlüpfers erlegt und seinem Besitzer vor die Füße gelegt. Der kleine, zaunkönigartige Vogel von der neuseeländischen Insel Stephen wurde berühmt, als wohl einzige Art, deren "Entdecker" – die Katze – sie auch sogleich endgültig ausrottete: Heute existieren nur mehr 15 Exemplare in den Sammlungen von Museen.

Katze am Futterhaus
© iStock / Graefen
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernKatze blickt nach draußen
So sähen Vogelfreunde Katzen am liebsten – durch ein Fenster von der Vogelfuttersäule getrennt. Doch kann man Freigängerkatzen einfach ins Haus verbannen?

Auch der Verlust der Socorro-Taube in freier Wildbahn geht hauptsächlich auf verwilderte Hauskatzen zurück. Auf Marion Island im subantarktischen Indischen Ozean fraßen die Jäger jährlich mehr als 450 000 Seevögel, bevor Ökologen sie dort wieder vollkommen auslöschen konnten. Und auf der britischen Hochseeinsel Ascension im Atlantik reduzierten eingeschleppte Katzen die Brutkolonien der Rußseeschwalben von einst mehr als einer Million Paare auf nur noch 150 000 Mitte der 1990er Jahre. Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen und durch gleichfalls ausgerottete Reptilien und Säugetiere ergänzen: Katzen gelten daher neben Ratten, Mäusen und Kaninchen als die schlimmsten Säugetiere, die auf Inseln eingeschleppt wurden – sie von dort wieder zu entfernen, gehört zu den Prioritäten des internationalen Naturschutzes.

Ähnlich problematisch sind Katzen in Australien, wo sie seit ihrer Ankunft auf dem fünften Kontinent am Aussterben von 28 Säugetierarten ganz oder teilweise beteiligt waren. Neben Füchsen gelten sie als die größte einzelne Bedrohung für die heimische Fauna – noch vor Lebensraumzerstörungen oder einem veränderten Feuerregime. Wie schnell die Katzen kleinere Beuteltiere dezimieren können, zeigte unter anderem ein Experiment, bei dem die Tiere in eingezäunten Ökosystemen auf die Jagd gehen durften oder ausgeschlossen blieben. Innerhalb weniger Monate hatten die Beutegreifer dann die vorhandenen Langhaarratten ausgerottet, während diese in den katzenfreien Arealen gut überlebten. Nur wo Dingos oder auf Tasmanien auch Beutelteufel vorkommen, können kleinere Beuteltierarten überleben, weil die Katzen hier von kräftigen Beutegreifern in Schach gehalten werden.

Wie sieht es auf anderen Kontinenten aus?

Selbst wenn dies der besonderen Situation eng begrenzter Lebensräume auf kleinen Inseln oder dem Sonderfall Australien geschuldet ist, ihre Spuren hinterlassen Hauskatzen auch auf größeren Landmassen. In den Vereinigten Staaten schätzen Ornithologen die Zahl der getöteten Vögel, die den mindestens 77 Millionen Hauskatzen des Landes zum Opfer fallen, auf jährlich mehrere hundert Millionen Exemplare – nicht berücksichtigt sind darin allerdings die Jagdstrecken von verwilderten Hauskatzen, deren Bestand nochmals 80 bis 100 Millionen Individuen umfassen könnte. Neue Analysen kommen daher auf eine Gesamtzahl von 3,7 Milliarden Vögeln pro Jahr.

Etwas genauer in Augenschein genommen hat die Jagdstrecken unter anderem eine Studie von Biologen um Christopher Lepczyk von der Michigan State University in East Lansing: Entlang dreier Routen, die jährlich wissenschaftlich zur Zählung und Beobachtung von Vögeln genutzt werden, ermittelten sie, wie viele Hausbesitzer Katzen ihr Eigen nannten. Einen Teil davon baten sie zu berichten, ob ihr Haustier tote Vögel mit nach Hause brachte und welcher Art diese angehörten. Allein auf diesen drei Transekten, die zusammen rund 120 Kilometer lang waren, erbeutete der 800 bis 3100 Tiere umfassende Katzenbestand bis zu 47 000 Vögel aus 23 Arten – darunter mit dem Rubinkehlkolibri und dem Rotkehl-Hüttensänger zwei in den USA bedrohte Arten. Im Minimum schlugen die Katzen mindestens einen Vogel pro Tag und Kilometer der Untersuchungslinie, was die Autoren der Studie allerdings als absolut konservative Schätzung einstufen. Die große Spannbreite beruht auf der Erhebungsmethode. Nicht jeder angeschriebene Anwohner antwortete. Deshalb mussten die Forscher den Gesamtbestand schätzen. Die niedrigere Zahl geht davon aus, dass in den restlichen Haushalten 50 Prozent weniger Katzen lebten als bei den Teilnehmern der Studie. Umgekehrt nahm Lepczyks Team an, dass bei ihrer Maximalzahl in diesen Haushalten 50 Prozent mehr Katzen existierten.

Katze mit totem Känguru
© Queensland Parks and Wildlife Service
(Ausschnitt)
 Bild vergrößernKatze mit totem Känguru
Kleinere Kängurus wie dieses Kurnagelkänguru, das von einer verwilderten Katze geschlagen wurde, sind vor den eingeschleppten Räubern nicht sicher. Manche Arten überlebten daher nur auf Inseln, die noch nicht von den Eindringlingen kolonisiert wurden.
In Europa wiederum haben sich vor allem die Briten mit der Frage beschäftigt – teilen sie sich doch ihre Insel mit rund neun Millionen Katzen (in Deutschland leben etwa acht Millionen Katzen), die damit die wichtigsten Beutegreifer des Königreichs darstellen. Die Zahl der Haus- und verwilderten Katzen übertrifft jene von Wiesel und Hermelin geschätzt um das 20-Fache, jene vom Fuchs um das 38-Fache. Einen kleinen Teil davon beobachtete das Team um Michael Woods von der Mammal Society in London über das ganze Land verteilt im Frühling und Sommer des Jahres 1997. Während dieser Zeit brachten diese knapp 1000 Katzen, die zu 618 Haushalten gehörten, ihren Besitzern mehr als 14 300 Beutestücke mit nach Hause: kleine Säuger wie Mäuse und Spitzmäuse, Vögel, Amphibien, Reptilien und auch ein paar Insekten. Ein knappes Viertel davon entfiel auf 44 Vogelarten – vor allem Meisen, Haussperlinge, Amseln und Stare, aber auch einige Tauben, Enten, Spechte und Rallen. Hochgerechnet auf das gesamte Land finden damit jedes Jahr rund 100 Millionen Tiere ihr Ende in den Fängen der Katzen, davon 27 Millionen Vögel – neuere Zahlen kalkulieren sogar mit 275 Millionen Opfern, wovon 55 Millionen Vögel sein sollen.

Wie groß ist die Gefahr tatsächlich?

Doch wie gefährlich ist der Jagdinstinkt für den Bestand einzelner Vogelarten tatsächlich? Nicht besonders, meinte beispielsweise der Münchner Zoologe Josef Reichholf von der Zoologischen Staatssammlung in einem Kommentar aus dem Jahr 1987 im "Journal of Ornithology": "Es fehlt jeder Hinweis auf eine Beeinflussung der Vogelbestände, ganz zu schweigen von einem Nachweis, dass eine Beeinflussung vorliegt", meinte Reichholf damals mit Blick auf einige wenige Studien, die in Deutschland in den 1970er und 1980er Jahren durchgeführt worden waren. Sie alle erbrachten nur marginale Zahlen an erbeuteten Vögeln, die zumeist aus häufigen Arten stammten. Zudem haben sich die Vögel Europas mit mittelgroßen Raubtieren wie der Wildkatze entwickelt, so dass sie diese als Gefahr kennen.

Beruhigend klingt auch eine Studie der beiden Schweizer Ornithologen Martin Weggler und Barbara Leu von der Universität Zürich, die sich des Hausrotschwanzes in Alpendörfern mit hoher Hauskatzendichte annahmen. Obwohl die Katzen mehrfach Alttiere erbeuteten, nachweislich mindestens ein Drittel aller Eier zerstörten und ein Fünftel aller Kükenverluste verursachten, überlebten während der dreijährigen Untersuchung mehr Nachwuchs, als erwachsene Hausrotschwänze und ihre Jungen starben: "Der Bestand wuchs trotz der Bejagung – und bildete eine Quelle für andere Populationen oder Regionen", konstatieren die beiden Forscher.

Und schließlich geben die britische Royal Society for the Protection of Birds RSPB, der deutsche NABU und der bayerische Landesbund für Vogelschutz (LBV) Entwarnung: Katzen erbeuteten vor allem kranke, schwache und junge Vögel und würden den Beständen folglich nicht schaden – im Gegenteil beeinflussten sie diese unter Umständen sogar noch positiv, da sie eine natürliche Auslese bewirkten, so der Tenor der drei Verbände. Eine Ansicht, welche die Wissenschaftler um Philip Baker von der University of Bristol zumindest auf den ersten Blick bestätigen: "Über die Artgrenzen hinweg waren die Katzenopfer in schlechterem körperlichem Zustand als die Vögel, die durch Vogelschlag an Fenstern starben. Dementsprechend bedeuten die erbeuteten Tiere keinen zusätzlichen Verlust für den Bestand, sondern die normale Ausfallrate", so die Forscher. Hätten also die Katzen die Vögel nicht geschlagen, wären sie wohl verhungert, an Krankheiten gestorben oder an andere Fressfeinde gegangen.

Viele Gartenvögel, die auf das Konto umherstreifender Katzen gehen, nähmen zudem im Bestand zu, so Verteidiger der Katzen: etwa Meisen oder Amseln. Auch das ein Argument, welches die Hauskatzen entlastet. Hier lohnt jedoch ein Blick ins Detail. Denn ganz so eindeutig ist der negative Einfluss von Katzen nicht immer von der Hand zu weisen: Sie töten ebenso überdurchschnittlich oft Haussperlinge, Stare, Heckenbraunellen und Singdrosseln, die sich in Großbritannien (wo wiederum die meisten Studien dazu angefertigt wurden), aber auch in Deutschland teilweise stark auf dem absteigenden Ast befinden: So nahm die Zahl der Haussperlinge zwischen 1974 und 1999 um mehr als die Hälfte ab, Singdrosseln um mehr als 60 Prozent und Stare sogar um zwei Drittel.

Vieles davon ist sicherlich der Intensivierung der Landwirtschaft geschuldet oder dem Mangel an geeigneten Brutplätzen. Völlig ohne Einfluss sind jagende Katzen angesichts mancher Beutestrecken jedoch auch nicht – selbst wenn man diese einzelnen Stichproben mit Vorsicht betrachtet. Eine Studie im Dorf Felmersham etwa ermittelte, dass Katzen während des Untersuchungszeitraums jedem dritten Haussperling den Tod brachten: Sie waren damit die wichtigste Einzelursache. In der Stadt Bristol erbeuteten die jeweils 230 Katzen pro Quadratkilometer Studienfläche insgesamt 45 Prozent aller Sperlinge, Erwachsene und Jungvögel – beim Rotkehlchen und der Heckenbraunelle waren es 46 Prozent. Zahlen, welche die Autoren der Studie um Philip Baker von der University of Bristol durchaus Sorge bereiten: "Diese Verluste sind alles andere als zu vernachlässigen – zumal Gärten angesichts ausgeräumter Kulturlandschaften als Vogellebensraum immer wichtiger werden. Es ist durchaus möglich, dass die Jagd durch Katzen zumindest lokal die Populationen der drei Arten so weit senkt, dass sie nur durch Zuwanderung von außerhalb aufrechterhalten werden kann."

In einer schleswig-holsteinischen Heckenlandschaft beobachtete Bodo Grajetzki, dass Füchse, aber auch Katzen jede Saison vier von fünf Nestlingen des Rotkehlchens raubten. Diese Rate war so hoch, dass der Singvogel seinen Bestand nur durch Zuwanderung aus benachbarten, weniger stark ausgebeuteten Gebieten bewahren konnte. Victoria Sims von der University of Sheffield und ihre Kollegen schließlich entdeckten einen Zusammenhang zwischen der Katzendichte einer Region und der Artenvielfalt der Vögel: Letztere war niedriger, je mehr Katzen die Gegend unsicher machten – eine negative Beziehung, die gerade bei besonders beliebten Beutetieren ausgeprägt war.

Natürliches Gleichgewicht?

Diese Frage lässt sich eindeutig verneinen: Zwar folgt die Katze ihren natürlichen Instinkten, dennoch treffen zwei ungleiche Gegner aufeinander: Hauskatzen werden normalerweise gefüttert und medizinisch versorgt. Sie müssen sich also selten den Härten der freien Natur stellen, in der sie selbst durch größere Beutegreifer oder Nahrungsmangel reguliert werden. Dies ist beispielsweise in Teilen der USA der Fall, wo sie in manchen Vorstädten beliebte Nahrung von Kojoten sind. Doch die Regel ist diese Kontrolle durch größere Beutegreifer nicht. Deshalb müssen die Katzen auch kein Revier strikt abgrenzen und können daher in unnatürlich hohen Dichten vorkommen: Victoria Sims gibt beispielsweise Werte zwischen 132 bis 1520 Katzen pro Quadratkilometer in Großbritannien an. Eine einheimische Wildkatze benötigt dagegen ein mindestens 50 Hektar großes Territorium zum Überleben – die Zahl der Hauskatzen liegt also mindestens um das 60-Fache höher.

Sogar das Verhalten der Hauskatzen habe sich entsprechend geändert, so Dennis C. Turner: "Hauskatzen leben heute größtenteils sozial und tolerieren einander, deshalb erreichen sie eine vielfach höhere Dichte, als Wildkatzen es könnten." In manchen Regionen kommen auf jede Katze im Mittel sogar nur etwas mehr als ein erwachsener und knapp drei Jungvögel der acht wichtigsten Jagdopfer wie Blaumeise, Haussperling, Amsel, Rotkehlchen oder Singdrossel. Selbst geringe Jagderfolgsquoten beeinflussen zumindest an diesen Örtlichkeiten die Arten negativ.

Dabei treffen die Jäger auf Ziele, die dem natürlichen Wettbewerb ausgesetzt sind: Zwar werden auch sie von wohlmeinenden Tierfreunden über den Sommer hinweg gefüttert, doch ist dies nicht die Regel. Sie müssen sich in den meisten Fällen die Nahrung selbst suchen, was besonders am frühen Morgen heikel ist: Dann sind die Fettreserven am niedrigsten, und der Vogel muss sie auffüllen. Während dieser Phase sind sie am anfälligsten gegenüber Fressfeinden, da die Aufmerksamkeit vornehmlich dem Fressen gilt. Und noch ein zweiter Aspekt ist zu beachten: Um agil für die Flucht zu bleiben, verringern gerade jene Vögel ihr Körperfett am stärksten, die am gesündesten sind und besseren Zugang zu Futterquellen haben. Sie müssen weniger stark für schlechtere Zeiten vorsorgen. Bringt eine Katze derartige schlanke Beute mit nach Hause, spricht das also nicht immer unbedingt für die These der natürlichen Auslese schwacher Tiere. Dann handelt es sich vielmehr um eine zusätzliche Belastung.

Können Katzenhalter und Vogelfreunde vorbeugen?

Auch wenn noch nicht völlig geklärt ist, ob und welche Rolle Hauskatzen am Niedergang mancher Gartenvögel spielen – heiße Diskussionen zwischen Vogel- und Katzenliebhabern entzünden sich dennoch immer wieder. Mit einigen einfachen Mitteln ließe sich dabei schon einiges an Sprengstoff entschärfen. Die simpelste Lösung wäre natürlich, die Katzen im Haus zu behalten, was beispielsweise die American Bird Conservation propagiert: Ein Tiger, der tatsächlich in der Stube bleibt, kann auch nicht in Nachbars Garten den Spatz erlegen.

Dagegen wehren sich jedoch viele Halter und Tierschützer, die darin eine Quälerei sehen, die das Haustier in seinem natürlichen Verhalten behindert – andererseits fragt keiner, ob es auch dem Nachbarn recht ist, wenn die Katze auf seinem Grundstück streunt. "Dass heute bei uns Freigängerkatzen toleriert werden, frei gehende Hunde ohne Menschenbegleitung aber nicht, hat nicht nur rationale Gründe", meint der Biologe Kurt Kotrschal. Doch ganz so einfach könne man seine Katze tatsächlich nicht nach einem Leben als Freigänger ins Haus oder die Wohnung beordern, so Turner: "Ich bin kein Gegner der Stubenhaltung, aber das darf nicht über Nacht passieren – wir sehen dann immer Verhaltensprobleme bei Ex-Freilaufkatzen. Die Stubenhaltung ist keine Tierquälerei, wenn die Katze von klein auf im Haus gehalten wurde – und vor allem wenn das Haus oder die Wohnung absolut katzengerecht eingerichtet ist. Daran scheitern viele, weil sie nicht wissen, was Katzen brauchen. Ich will damit nicht sagen, dass Besitzer immer zum Wohl ihrer Tiere handeln, wenn sie ihre Katzen frei laufen lassen, aber die Tiere kompensieren dann Pflegemängel besser." Vor allem dürfe eines nicht passieren: "Man kann nicht über Nacht einfach ein Freigangverbot für Katzen erlassen, wie dies manche Kommunen in den USA machen. Das führt zu Widerstand und Verhaltensstörungen bei den Katzen. In vielen europäischen Ländern wäre dies aus tierschutzrechtlichen Gründen nicht erlaubt", so Turner.

Als Mittelweg plädieren daher manche Forscher dafür, die Katzen mit einem Glöckchen zu versehen, das potenzielle Beute akustisch warnt: "Ein Glöckchen um den Hals kann die Opferzahl um die Hälfte reduzieren", bestätigt Graeme Ruxton von der University of Glasgow. Tiere, die damit ausgestattet waren, brachten während des Untersuchungszeitraums durchschnittlich nur noch alle zwei Wochen eine tote Maus oder einen toten Vogel nach Hause, während dies ohne Alarmgeber jede Woche stattfand. Auch die Studie von Michael Woods und Co, die den Effekt von Glöckchen nur als Nebensache beobachtete, weist darauf hin, dass das Bimmeln zumindest Säugetiere erfolgreich auf nahende Jäger aufmerksam macht und ihre Todesrate senkt. Für Verhaltensforscher sind die Glöckchen zudem völlig unproblematisch, sofern sie an dehnbaren Halsbändern angebracht sind, damit sich die Katzen keinen Schaden zufügen können. "Es stört die Tiere nicht, sie gewöhnen sich daran", weiß Turner.

Bestätigt werden die bisherigen Studien zudem durch eine umfangreichere Untersuchung von Andy Evans vom RSPB und seinen Kollegen, die sogar die Wirkung zweier akustischer Lautgeber getestet haben: Glöckchen und elektronische Piepser. Ersteres reduzierte den Jagderfolg auf Säugetiere um 34 sowie jenen auf Vögel um 41 Prozent – und das Hightech-Band sogar um 38 beziehungsweise 51 Prozent. Geräte wie CatAlertTM geben dazu alle sieben Sekunden einen hörbaren Ton von sich, der dem Alarmruf von Vögeln möglich gut entspricht. Verhaltensänderungen der Katze oder offensichtliches Unwohlsein des Tiers beobachteten die Forscher dabei nicht. Sie verweisen allerdings darauf, dass die Halsbänder zum Schutz der Katze mit leicht und schnell zu öffnenden Verschlüssen ausgestattet sein sollten. Für Dennis C. Turner ist das Glöckchen zudem mehr als ein Signal: "Katzenfreunde müssen auch Kompromisse eingehen. Das Glöckchen zeigt dem Nichtkatzenhalter, dass dieser Katzenhalter das Problem erkennt und wahrnimmt."

Umgekehrt können Gartenbesitzer auch aktiv ihren Grund vogelsicherer gestalten, ohne dafür auf das Wohlwollen der Katzenfreunde angewiesen zu sein: Im Handel erhält man mittlerweile Ultraschallgeräte, die für Katzen unangenehme Geräusche abgeben, für den Menschen aber nur in unmittelbarer Nähe leise wahrnehmbar sind. Ihren Effekt hat Andy Evans' Team ebenfalls in Augenschein genommen und ihren – zumindest zeitweiligen – Erfolg bestätigt: Derart bestückte Gärten suchten Katzen um ein Drittel seltener auf, und diejenigen, die sich trotzdem dorthin wagten, verkürzten ihre Besuchsdauer um knapp 40 Prozent.

Einfache wie wirksame biologische Gegenmittel gibt es ebenfalls: Stachelige Pflanzen bieten Vögeln eine sichere Heimstatt und Zuflucht, die Katzen meiden – etwa Wildrosen, Weißdorn, Stechginster oder -palme. Futterhäuschen sollten zudem nahe, aber nicht zu nahe an Büschen und Bäumen stehen, damit sich die Vögel bei Gefahr dorthin flüchten können, ohne dass sie zuvor aus dem Hinterhalt von einer sich anschleichenden Katze erlegt werden. Drahtgürtel um den Baumstamm verhindern, dass die Räuber zu den Nistkästen klettern können, und Futterstellen sollten zudem immer auf rutschigen Ständern errichtet werden. Mehr Tipps und Tricks geben beispielsweise die Internetseiten vom LBV.

Eines ist für den Katzenexperten Turner jedoch prinzipiell unabdingbar, um die Natur und die Nerven von Nichtkatzenhaltern zu schonen: Der beständige Nachschub unkontrolliert gezeugter Hauskatzen müsse gestoppt werden. "Ich bin absolut für eine Kastrationspflicht für alle Katzen, die Auslauf haben – und zwar beider Geschlechter. Das ist kein Problem! Wir werden dennoch immer genügend Katzen haben. Zudem müssen alle Katzen einen Chip mit der Halterkennung bekommen. Das erlaubt nicht nur, wiedergefundene Katzen zum Halter zu bringen, sondern erleichtert auch die Nachverfolgung, wenn jemand Katzen bewusst aussetzt. Das muss kommen."