Der Schleim der Schnecken gehört für die meisten Menschen, besonders jene mit Garten, zu den unappetitlicheren Dingen des Lebens. Ein besonderes Lied davon kann nun ein Autofahrer singen, der auf einer Autobahnauffahrt nahe Paderborn in einer Schneckenansammlung ins Schleudern geriet – eine bemerkenswerte Leistung der Weichtiere. Dass die Tiere genug Schleim produzieren können, um ein hunderttausendfach schwereres Fahrzeug aus der Spur zu werfen, ist allerdings nicht nur ihrer großen Zahl geschuldet. Es liegt auch daran, dass sie einen außergewöhnlich stabilen Hightech-Schleim aus natürlichen Superabsorbern produzieren, vergleichbar dem saugfähigen Material in Babywindeln.

Der Schleim der Schnecken ist ein Hydrogel – es besteht zu etwa 95 bis 98 Prozent aus Wasser. Man sollte meinen, dass sie durch den Flüssigkeitsverlust schon nach wenigen Metern Kriechstrecke austrocknen müssten. Die Tiere vermeiden das, indem sie besonders wasseranziehende Substanzen ausscheiden, die das Gel resistent gegen Verdunstung machen. Der Schleim besteht aus so genannten Glykoproteinen, also Proteinen, die an der Außenseite mit Zuckerstrukturen besetzt sind. Diese Eiweiße sind so genannte Polyelektrolyte. Sie tragen mehrere Ladungen und können deswegen Wasser besonders gut binden. Das gleiche Prinzip macht die Polyacrylate in technischen Superabsorbern so saugfähig. Auf diese Weise können die Tiere sehr dünne Schleimschichten produzieren, in denen die Flüssigkeit viel langsamer verdunstet als bei einem vergleichbaren Wasserfilm. Die klebrige Hülle um ihren Körper schützt sie sogar vor dem Austrocknen.

Weil der Schleim so stabil ist, bilden Schnecken auch Karawanen wie jene, die dem Autofahrer bei Paderborn zum Verhängnis wurde: Die Schleimspur bleibt so lange bestehen, dass nachfolgende Tiere sie mit benutzen können. Sie sparen so erhebliche Mengen Energie. Auch Menschen haben sich die besonderen Eigenschaften des Schneckenschleims schon zu Nutze gemacht: Das Gel fühlt sich zwar klebrig an, ist jedoch ein nichtnewtonsches Fluid – unter Belastung (zum Beispiel durch ein darüberfahrendes Auto) wird es flüssig und ist damit ein sehr gutes Schmiermittel. In Schweden nutzte man deswegen Schnecken, um Wagenachsen zu schmieren. In Schottland des 19. Jahrhunderts experimentierte man sogar mit Schneckenschleim als Schmierung für Dampfmaschinen, besann sich dann aber eines Besseren. Sonst würden Autofahrer heute vielleicht nicht Öl nachfüllen, sondern Schnecken.